Go to Top

Literarisches Quartett for everybody

Eigentlich habe ich gar keine Zeit, einen Blog zu schreiben. In fünf Tagen trifft sich mein Bookclub und ich habe im Buch von Haruki Murakami, das wir besprechen wollen, noch nicht mal die erste Seite gelesen. Ausfallen lassen will ich den Termin auf keinen Fall.  Ich genieße es, alle paar Wochen mit anderen Leseratten zusammenzukommen und zwei Stunden über ein Buch zu debattieren. Es ist keineswegs so, dass mir jedes Werk, das wir uns vornehmen, gefällt. Mit Calvinos Wenn ein Reisender in einer Winternacht konnte ich nicht viel anfangen und Haggards Fantasy-Story She hat mich regelrecht genervt. Aber egal, ob mir ein Buch liegt oder nicht, die Diskussionen mit den anderen geben mir Einblicke, die ich allein lesend auf meinem Sofa nie hätte, Einblicke in die Literatur, aber auch weit darüber hinaus.

Wie mir geht es offenbar vielen. Die meisten meiner Chicagoer Bekannten und Freunde gehören einem Buchclub an. (Um jegliche Verwirrung zu vermeiden: Mit Buchclub meine ich hier nicht ein Vertriebssystem, wie man es auch in Deutschland kennt, sondern eine Lese- und Diskussionsgruppe.) Bookclubs gibt es in den USA schon lange, aber wenn man den Feuilletons glaubt, erleben sie gerade einen Boom. Man schätzt, dass mehr als fünf Millionen Amerikaner regelmäßig zum literarischen Austausch gehen, Frauen und Männer, Großstadtpflanzen und Landpomeranzen, von der Studentin bis zum Pensionär. Manche treffen sich in Bibliotheken oder Buchhandlungen, andere bei jemandem zu Hause oder wie wir im Café. Es gibt Gruppen, die eine bestimmte Art von Literatur lesen, andere wählen querbeet. Manchmal gibt es einen Moderator, andernorts wird frei diskutiert.

Auf den ersten Blick ist die Popularität überraschend. Auch dem US-Buchmarkt macht der Aufstieg des Internets zu schaffen. Seit 1978 hat sich die Zahl der Leute, die keine Bücher lesen, verdreifacht. Warum sind Buchtreffs dann so en vogue? Bei näherem Hinsehen ist das nicht so verwunderlich. Wenn man einen Roman, eine Biografie oder ein Sachbuch zusammen mit anderen liest, erklärt James Atlas, Autor und begeistertes Buchclubmitglied, passiert etwas Erstaunliches: „Man betritt die Welt [des Buches] gemeinsam, aber jeder sieht sie auf seine Weise. Und indem man die Unterschiede in der Wahrnehmung mit anderen teilt, erlangt das Buch seine emotionale Macht.“

Wenn man Literatur mit anderen bespricht, gewinnt sie enorm an Tiefe und Kraft, das kann ich nur unterschreiben. Die ersten Male war ich noch unsicher, was mich erwarten würde. Reicht mein literarisches Wissen für die Diskussion aus? Muss ich mir langatmige Vorträge anhören? Die Sorgen waren unbegründet. In den drei Bookclubs, denen ich im Laufe der letzten acht Jahren angehörte, habe ich noch nie erlebt, dass ein übereifriger Hobbykritiker die Runde dominierte. Die Gespräche waren erfreulich frei von Selbstdarstellungsdrang und wissenschaftlichem Jargon. Literarisches Quartett for everybody, sozusagen. Vielleicht habe ich einfach Glück gehabt, vielleicht aber auch nicht. In einem Land, in dem man ohne aufzufallen mit Turnschuhen in die Oper gehen kann und Museen Erläuterungen so formulieren, dass sie auch für Nicht-Kunstbeflissene verständlich sind, scheut man sich wohl weniger, ganz unprätentiös – und auch sehr persönlich – über Kunst zu reden.

Es sind gerade der persönliche Austausch und auch das Gemeinschaftsgefühl, die Lesegruppen so anziehend für mich machen. Damit stehe ich nicht alleine. „Selbst wenn wir unterschiedliche politische Meinungen haben und verschiedenen Religionen angehören“, betont Kathy Patrick, Besitzerin eines Friseurladens in Texas, die das angeblich größte Buchclub-Netzwerk der Welt gegründet hat, „können wir durch Bücher eine Verbindung zueinander aufbauen.“ Ein Bookclub, meint sie, sei ein bisschen wie Gruppentherapie. Wenn man liest, bringt man seine eigene Erfahrung mit, und wenn man die Stimmen und Meinungen von anderen hört, versteht man, wie deren Erfahrungen zur Geschichte in Beziehung stehen. „Leute fangen an, Fragen zu stellen, nicht nur über das Buch, sondern über ihr Leben, und sie lernen voneinander.“ Dafür könnte ich viele Beispiele nennen. Etwa als eine Mitleserin mich fragte, wie das schwierige Gespräch zwischen Vater und Sohn über die Nazizeit, das Bernhard Schlink in einer Kurzgeschichte schildert, auf mich als Deutsche gewirkt hätte. Oder die intensive Diskussion über Treue, Leidenschaft und Obsession, die sich nach der Lektüre von Márquez‘ Die Liebe in Zeiten der Cholera in unserer Gruppe entspannte. Aber jetzt muss ich Schluss machen und endlich mit dem Lesen anfangen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.