Go to Top

Kommen Sie gut durch die Nacht!

Etwas hat sich an den Tagesthemen der ARD, wenn Thomas Roth sie präsentiert, verändert. Vor ein paar Tagen fiel es meiner Frau und mir auf: Thomas Roth begrüßt und verabschiedet nicht mehr sein Publikum mit den Worten: „Guten Abend, meine Damen und Herren“ und „Kommen Sie gut durch die Nacht“. Die Anrede hat er verknappt auf: „Guten Abend“; die Aufmunterung zum Abschied lässt er weg. Das hat uns überrascht. Ich fand die Worte, Abend für Abend am Ende seiner Moderation und am Ende der Sendung, tröstlich: Hier kannte sich einer, dachte ich, mit dem Schlaf aus – mit der Sorge vor dem Einschlafen und Durchschlafen, vor der Tiefe und der Flachheit und vor den unberechenbaren Träumen, die einen durch den Schlaf schaukeln oder beunruhigen oder alarmieren.

Man versucht sich natürlich einen Reim auf Thomas Roths Verzicht auf den Abend-Wunsch zu machen. War er manchen zu stereotyp, zu routiniert geworden? Ich vermute zweierlei. Thomas Roths Wunsch für eine erträgliche Nacht blockiert wie ein Ast die Strömung des Programmflusses. Mit Kommen Sie gut durch die Nacht! beendet er, ohne es zu sagen, gewissermaßen das Programm, weil er sein Publikum ins Schlafzimmer schickt, sich auf die Nacht einzustellen. Das widerspricht der gegenwärtigen Fernsehtaktik, mit Ankündigungsschleifen in der einen Sendung die nächste Sendung anzukündigen und zu verbinden – Thomas Roth, könnte man sagen, empfiehlt dem ARD-Publikum die Trennung, aber die Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Rundfunkanstalten möchte es vor der Mattscheibe halten; schließlich geht es um die Einschaltquoten und Sehbeteiligungen. Thomas Roth ist Jahrgang 1951; er kennt sicherlich die alten Rituale, einen Fernsehabend in der ARD zu beenden: Früher gab es als letztes Bild das Testbild, später das Logo Deutsches Fernsehen, noch später las uns Hans-Joachim Kuhlenkampff etwas vor, bevor der Bildschirm flimmerte und rauschte. Das ist lange her. Heute gibt es keine trennenden Zäsuren mehr, nur noch den vierundzwanzigstündigen Sendefluss.

Das führt mich zu meiner zweiten Vermutung. Vielleicht hatte Thomas Roths Gute-Nacht-Wunsch für die verantwortlichen Fernsehleute in Hamburg einen zu existenziellen Klang. Kommen Sie gut durch die Nacht erinnerte daran, wie sehr wir einen ordentlichen Schlaf brauchen. Wir schlafen, um uns zu erholen. Manchmal wachen wir nach einem guten Schlaf erfrischt auf – wozu wir auch wie neugeboren sagen. Je älter ich werde, um so seltener hinterlässt der Schlaf diese Wirkung. Wenn ich einigermaßen durchschlafe, bin ich froh. Während wir schlafen, sind wir mit unserer Existenz, ohne es wissen, beschäftigt – mit unserer Gegenwart und unserer Vergangenheit. Schlafen zu können, obgleich so selbstverständlich wie das Atmen, ist eine enorm komplizierte Fähigkeit, deren erste Leistung darin besteht, dass es uns gelingt, uns in unseren Schlafzustand zu bewegen, und uns trauen, sich ihm zu überlassen. Freuds Wort vom Traum als dem Hüter des Schlafs ist noch immer unübertroffen. Leider gelingt es dem Traum nicht immer, was Freud natürlich wusste, unseren Schlaf zu hüten. Der Schlaf ist deshalb unsere gefürchtete Existenzform: Wir sind ihm ausgeliefert. Wir sind auch den Bildern unserer Träume ausgeliefert, die unsere Lebenssituation so verschlüsseln, dass wir im Traum nicht wissen, wo wir sind. Wir wissen nicht, was uns nachts erwartet. Weswegen es inzwischen einen – natürlich – englischen Begriff gibt, der diese Befürchtung auf den Punkt bringt: bedtime procrastination – das Aufschieben der Schlafenszeit (Betsy Morais’ Blog des The New Yorker vom 16.6.2014: What keeps you up at night?). Kommen Sie gut durch die Nacht! Thomas Roths Aufforderung war nicht falsch.

Sie war, könnte man sagen, heikel platziert. Die Tagesthemen sind für mich am Abend – wenn ich es mit der Sendezeit (um 22.15 Uhr) einrichten kann – mein letzter, mich vergewissernder Blick in die Welt. Von der Welt kann man nur als eine Art Formel in Kurzschrift sprechen; denn es sind unüberschaubar viele Wirklichkeiten, von denen Abend für Abend erzählt wird. Ich sitze im Wohnzimmer und werde für Momente dorthin bewegt, wo sich Kriege, Katastrophen, Krisen und Konflikte ereignen – eine Parforce-Tour durch das weltweite Leid. Ab und zu sehe ich am Bundeskanzleramt zu, wie die Akteure vorfahren, etwas in die Mikrophone sagen (oder sie werden im Studio befragt und um Stellungnahmen gebeten), und verfolge Gedenkfeiern oder Preisverleihungen. Die Tagesthemen sind der Ort, wo ich mich als ein von den berichteten Wirklichkeiten ausgeschlossener, aber von der Fernsehtechnik angesprochener Beobachter einfinde, der versucht, mit seinen Verständnismöglichkeiten nachzukommen. Vor ein paar Tagen sah ich die Folgen der Zerstörung, die die beiden schweren Erdbeben, abgesehen von den Nachbeben, in Nepal hinterließen: ein ungeheures, irreparables Leid. Die Bilder aus Nepal wurden verdeckt – aber nicht vergessen – von den nachfolgenden Bildern der Zerstörung im bayrischen Schwaben, die ein Tornado in der vergangenen Woche hinterließ. „Ein Bild wie dieses“ – auf der ersten Seite der Süddeutschen Zeitung (vom 15.5.2015) – „ kennt man eigentlich nur aus dem Mittleren Westen der USA“, ergänzte die Bildunterschrift die Fernsehbilder und sprach den Subtext der Bedrohung aus: Was dort passiert, kann auch hier passieren.

Es passiert schon längst. Wirbelstürme, Windhosen oder Tornados sind auch bei uns regelmäßige Ereignisse. Das wissen die Fachleute, die nicht anwesend sind, wenn die Fernsehteams ihre Bilder machen, die abends von ihren Redaktions-Kolleginnen und Kollegen in den medialen Kreislauf platziert werden. Die Fachleute kommen später hinzu: wenn sie zu den beunruhigenden Ereignissen befragt werden. Nachrichten sind nicht mehr (wie im Mittelalter) die Mitteilungen, nach denen man sich richten soll, sondern sie sind einmal die (zumeist punktuellen) Auskünfte über gesellschaftliche, politische und psychosoziale Prozesse, zum anderen fungieren sie als Regulationsmittel des Sicherheitsgefühls. Weil wir unsere Zukunft nicht kennen, ist unsere Gegenwart schwer auszuhalten – weshalb wir uns ständig beruhigen und beruhigt werden möchten. Der verstorbene Soziologe Ulrich Beck sprach vom Leben in der Risikogesellschaft: Wir reizen unsere Möglichkeit weit aus und sind sehr darauf angewiesen, dass die unser Leben und unseren Alltag garantierenden Systeme funktionieren. Schon der Absturz des eigenen Rechners ist schrecklich, aber zum Glück zu beheben (im Allgemeinen). Wir leben in sicheren (gegenwärtigen) und in unsicheren (künftigen) Verhältnissen. Mit diesem Paradox müssen wir Tag für Tag leben. Eine Sendung wie die Tagesthemen lebt von der (sublimen) Belebung und Beruhigung dieser Lebensanstrengung. Wenn wir ins Bett gehen, den Fernseher und die Lichter im Wohnzimmer ausschalten, hinterlassen wir unsere alltägliche Welt in vertrauter Ordnung. Ob wir gut durch die Nacht kommen, müssen wir sehen.

4 Responses to "Kommen Sie gut durch die Nacht!"

  • Peter Teuschel
    19. Mai 2015 - 13:28 Reply

    Es wäre natürlich aufschlussreich, von Thomas Roth selbst den Grund für diese Änderung zu erfahren.

  • Tom
    19. Mai 2015 - 15:21 Reply

    Einige Gedanken.

    – Fernsehen ist ein aussterbendes Medium, der Trend geht ganz klar zu den on-demand und interaktiven Angeboten (Youtube, Netflix, etc). Das schließt auch die Nachrichten mit ein.

    – Tagesthemen präsentieren gefilterte Themen, neutrale Berichterstattung gab es auf der Einflußnahme verschwiedener Instutionen im Rundfunkrat und Parteien nicht wirklich. Aktuelles Beispiel:
    http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article140890094/Warum-die-ARD-Merkels-Antwort-nicht-zeigen-darf.html

    – für die Schlafhygiene ist es gar nicht gut, sich kurz vor dem Schlafengehen noch mit negativen Inhalten (Katastrophenberichte, Unfälle) zu beschäftigen.

    Um es mit Peter Lustig zu beenden:
    „Jetzt kommt ja eh nichts mehr, also abschalten.“ 🙂

  • Christiane Richter
    19. Mai 2015 - 23:26 Reply

    Lieber Herr Bliersbach,

    warum so pessimistisch dem Schlaf gegenüber ;-)? Ist doch der Schlaf die Zeit, in der wir uns von alldem worüber Sie berichten erholen können. Was gibt es schöneres als sich diesem Zustand einfach hinzugeben und abtauchen zu können? Sich nicht von aussen berieseln lassen zu müssen sondern die Dinge von innen her zu betrachten, einfach so, ohne dass man etwas dafür tun muss, ausser eben zu schlafen.

    Dies bedeutet natürlich auch einen gewissen Kontrollverlust. Während wir schlafen wissen wir nicht was um uns herum passiert, auch nicht mit uns. Wer kennt nicht die Erfahrung im Zug einzuschlafen. Plötzlich fällt der Kopf nach hinten und wir merken wie uns der Mund offen steht, und „alle“ haben es gesehen.

    Ich verstehe sehr gut, dass Sie den Nachsatz von Thomas Roth vermissen. Er hatte so etwas verbindliches.

    Herzliche Grüße
    Christiane Richter

  • Julian
    29. Jun 2015 - 13:15 Reply

    Sehr guter Artikel! Danke. Lg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.