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Keine Angst, Du machst das schon!

 

Als Journalistin über psychologische Forschung zu schreiben, hat einen nützlichen Nebeneffekt: Man erfährt sehr viel über sich selbst. Ich habe beispielsweise die Angewohnheit, ständig mit mir selbst zu reden. Dabei spreche ich mit mir wie mit einer anderen Person: „Was sind deine Pläne für heute, Annette?“, „Warum bist du so schlecht gelaunt?“, „Also da hast du wirklich Mist gebaut“, „Keine Angst, Du machst das schon!“. Meistens spielen sich diese Unterhaltungen in meinem Kopf ab. Aber manchmal, wenn ich glaube allein zu sein, spreche ich auch laut mit mir – und es ist mir furchtbar peinlich, wenn mein Mann oder jemand anders mir doch dabei zuhört. Wahrscheinlich habe ich die Gewohnheit von meiner mittlerweile verstorbenen Mutter übernommen, die auch öfters solche Dialoge mit sich führte. Damals fand ich das ziemlich kauzig. Doch mittlerweile weiß ich, dass diese Art, mit sich selbst zu reden, äußerst hilfreich ist.

Diese Einsicht habe ich den faszinierenden Arbeiten von Ethan Kross von der University of Michigan in Ann Arbor zu verdanken. Der Psychologe hat herausgefunden, dass es einen großen Unterschied macht, ob man bei Selbstgesprächen die Ich-Form benutzt („Wie geht es mir?“) oder aber in der 2. Person spricht („Wie geht es Dir?“). In einer Studie (siehe unten) brachten Kross und Kollegen Teilnehmer in eine hochgradig stresserzeugende Situation: Die Probanden mussten vor Rhetorikspezialisten eine Rede zum Thema „warum ich für meinen Traumjob qualifiziert bin“ halten. Zur Vorbereitung hatten sie nur fünf Minuten Zeit und ihr Vortrag wurde auch noch auf Video aufgezeichnet. Die entscheidende Frage: Beeinflusst die Art der Personalpronomen, die die Teilnehmer bei den Selbstgesprächen kurz vor der Rede verwenden, wie überzeugend sie ihre Argumente rüberbringen und wie sie sich bei ihrem Auftritt fühlen? Und in der Tat machte es einen großen Unterschied. Probanden, die angeregt worden waren, in der Du-Form mit sich zu sprechen oder ihren eigenen Namen zu benutzen, hielten bessere Reden, kamen selbstbewusster rüber und verspürten weniger Angst und Scham als jene, denen die Forscher für ihre Introspektionen die Ich-Form nahe gelegt hatten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Nicht-Ich-Gruppe wurde später auch weniger von quälenden Grübeleien geplagt, wie gut oder schlecht sie wohl abgeschnitten hatten.

Wie ist es möglich, dass der kleine Unterschied zwischen Ich und Du eine so große Wirkung hat? Dahinter steckt ein Phänomen, das Kross Solomons Paradox nennt, wie er im Magazin Psychology Today erläutert: Wie der biblische König Solomon gehen viele Menschen die Probleme anderer mit größerer Vernunft und Einsicht an als ihre eigenen. Man sieht vielleicht sofort, dass der Partner Selbstsabotage betreibt oder die Freundin immer die falschen Männer wählt. Aber für die eigenen Macken ist man blind. Wenn man sich aber mit Du oder seinem eigenen Namen anspricht, ist es fast so, als wären die eigenen Probleme die Probleme eines anderen. Man sieht sich selbst aus der Ferne, erzeugt „psychologische Distanz“. Dadurch kann man ruhiger bleiben und besser den größeren Kontext einer Situation überblicken.

Die Selbst-Distanzierung führt auch dazu, dass man anders mit sich spricht. So stellten Kross und seine Kollegen in der erwähnten Studie fest, dass sich die Leute in den beiden Gruppen andere Botschaften vermittelten. Während die Gedanken der Ich-Gruppe um ihre Ängste und ein potentielles Versagen kreisten („Ich baue bei so was immer Mist. Ich weiß nie, was ich sagen soll. Ich bin bei Vorträgen immer schrecklich nervös.“), redeten die Teilnehmer der Nicht-Ich-Gruppe auf viel aufmunterndere und konstruktivere Weise mit sich („Geh es Schritt für Schritt an. Du kannst das. Jeder ist in einer solchen Situation nervös. Konzentrier Dich auf Dich selbst und dann wird es schon klappen.“). Sie sprachen mit sich also so, wie man mit einem guten Freund oder einem anderen Menschen, dem man helfen will, reden würde.

Seitdem ich um diese Zusammenhänge weiß, gebe ich mich ganz meinen Selbstgesprächen hin. Sollen andere mich doch für kauzig halten. Ich habe sogar angefangen, mir vor schwierigen Situationen selbst E-Mails zu schreiben, wie es Ozlem Ayduk, eine Forschungskollegin von Kross, empfiehlt. Seit kurzem lasse ich übrigens auch meinen Tränen im Kino freien Lauf. Denn mir ist eine aktuelle Studie von holländischen Forschern in die Hände gefallen. Demnach erlebt man nach einem traurigen Film einen positiven emotionalen Schub – jedoch nur wenn man in der Vorstellung tatsächlich weint. Aber das ist ein Thema für ein anderes Mal.

*Kross, E. u.a.: Self-Talk as a regulatory mechanism: how you do it matters. In: Journal of Personality and Social Psychology, Vol.106.2, 2014, S.304-324.

5 Responses to "Keine Angst, Du machst das schon!"

  • Julia
    15. Sep 2015 - 14:45 Reply

    Toll geschrieben – zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht! Ich werde ab heute mal genauer darauf achten, wie meine Selbstgespräche so laufen. Beide Versionen kenne ich. Und tatsächlich weiß ich, dass ich vor Vorträgen und Workshops in der Du-Form Bestätigung und Zuspruch finde.

    Viele Grüße, Julia

  • Christina
    18. Sep 2015 - 2:17 Reply

    Yes, the languague is essential, the power that it has in ourselves, for to build or not, and to be objective with ourselves. We need to be objective and to have compassion at time, also with ourselves. To Build bridges and opportunities,

    Best regards,
    Christina
    social psychologist

  • Georg
    23. Sep 2015 - 20:34 Reply

    Sehr interessanter Beitrag,sehr hilfreich für das Coaching des eigenen Lebens.

  • Clara Fiedler
    28. Sep 2015 - 0:47 Reply

    Für mich war dieser Beitrag ehrlich gesagt ziemlich beruhigend, weil ich immer noch der Illusion unterlag, dass ich die Einzige bin, die gerne mit sich selber redet, und zwar genau in dieser Art und Weise: „Stress dich nicht, du kriegst das hin!“ oder „Okay, da musst du aufpassen…“
    Sprache ist doch was wirklich faszinierendes 😀

    Clara
    PhantomsLair.net

  • Mia Salzmann
    19. Jul 2016 - 15:48 Reply

    Wirklich tolle Erkenntnis. Vor allem für die Selbstmotivation ist es sehr förderlich!

    Grüße
    Mia von selbstbewussterwerden.net

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