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„Kein Trinkgeld, bitte“

 

Vor ein paar Wochen machte Danny Meyer, der Geschäftsführer einer Gastronomiefirma, die in New York City ein Dutzend Restaurants betreibt, eine Ankündigung, die in den USA einer Revolution gleichkommt: Man werde Trinkgelder (die in Speiselokalen im Schnitt 18 Prozent ausmachen) abschaffen und stattdessen die Preise und Löhne der Angestellten entsprechend erhöhen. Die Ankündigung setzte in den amerikanischen Medien eine äußert lebhafte Diskussion über die Vor- und Nachteile von Trinkgeldern in Gang. Für mich allerdings ist das Urteil bereits klar: Egal ob man es Tip, Bakschisch oder Pourboire nennt, ich bin kein Fan davon, Leuten nach getaner Arbeit ein paar Geldscheine oder Münzen in die Hand zu drücken. Ja, ich tue es und passe mich dabei den jeweiligen Landes- und Branchengepflogenheiten an, weil ich die Menschen, die Serviceleistungen für mich erbringen, nicht für meine Bedenken bestrafen will. Aber ich tue es widerstrebend. Für mich ist Trinkgeld eine oft willkürliche und an feudale Zeiten erinnernde Institution, die bei mir ein schales Gefühl hinterlässt.

Mit dieser Einschätzung bin ich nicht allein. Erfreut las ich auf der Webseite des New York Magazins einen Kommentar unter dem Titel Die psychologische Argumentation gegen Trinkgelder. Darin erläutert die Autorin Melissa Dahl eine Reihe von wissenschaftlichen Studien, die Vorbehalte rechtfertigen. Das fängt mit der Grundidee von Trinkgeld an: Man belohnt jemanden für seine gute Arbeit. Oder andersrum: Man kann sich knauserig zeigen, wenn der Ober unfreundlich ist, der Taxifahrer zu laut Radio hört und die Friseurin nicht so schneidet, wie man es sich wünscht. Aber die Forschung zeigt, dass dies gar nicht wirklich passiert. Michael Lynn beispielsweise, ein Professor an der Cornell Universität, hat in den letzten drei Jahrzehnten ein ums andere Mal gezeigt, dass die Höhe des Trinkgeldes nur sehr wenig mit der Qualität des Services zu tun hat. In einer Analyse, die 14 Studien mit mehr als 2500 Rechnungen in 21 Restaurants umfasste, erklärten die Noten, die Kunden dem Service gaben, im Schnitt weniger als zwei Prozent der Unterschiede bei der Höhe des Trinkgeldes. Zwei weitere Studien mit nochmals 2987 Rechnungen in 37 Lokalen fanden ebenfalls einen nur schwachen Zusammenhang.

Dagegen lassen sich Restaurantgäste beim Verteilen von Trinkgeld von allen möglichen Dingen beeinflussen, die gar nichts mit der Leistung des Kellners oder der Kellnerin zu tun haben. In US-amerikanischen Studien zeigte sich beispielsweise, dass weißes Bedienungspersonal im Schnitt mehr Trinkgeld bekam als dunkelhäutiges und dass Frauen mehr Trinkgeld erhielten, wenn sie blond waren, eine große Oberweite und/oder eine schlanke Figur hatten. Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten gibt es nicht nur in den USA. In seiner Doktorarbeit mit dem Titel Der irrationale Umgang mit Geld am Beispiel der deutschen Trinkgeldkultur in Gaststätten zeigte der Wirtschaftspsychologe Markus Dobler, dass Männer im Schnitt prozentual mehr Trinkgeld einstreichen als Frauen. Und die Tatsache, dass man einer Kellnerin und einem Friseur Trinkgeld gibt, aber nicht einer Verkäuferin und einem Schneider, lässt sich vielleicht historisch erklären, aber inhaltlich?

Mancher Gast oder Kunde mag es schätzen, dass ihm das Trinkgeld Kontrolle über einen Dienstleister gibt (auch wenn er die dann vielleicht gar nicht ausübt). Mir aber ist das Ritual, bei dem einer Gefälligkeiten verteilt, die der andere dankend anzunehmen hat, suspekt. Interessanterweise zeigt eine Studie von Marketingforscher Lynn und zwei Kollegen über Gepflogenheiten in 30 Ländern, dass Trinkgelder in Gesellschaften am verbreitetsten sind, die eine hohe Toleranz für Status- und Machtunterschiede haben.

Es wird auch nicht dadurch besser, dass Servicepersonal offenbar einiges unternehmen kann, um mehr Trinkgeld zu bekommen. Es kursieren unzählige Tipps, die manchmal tatsächlich auf wissenschaftlichen Studien basieren: die Kunden wissen lassen, dass der Wetterbericht für den nächsten Tag sonnig ist (fördert gute Laune), eine Bestellung wörtlich wiederholen (schafft Wir-Gefühl und schmeichelt dem Gast), den Gast am Arm oder der Schulter berühren (erzeugt Vertrauen), eine ungewöhnliche Krawatte oder eine Blume im Haar tragen (lässt Servicemitarbeiter als Individuen erscheinen).

Ich schließe mich dem amerikanischen Autor Adam Gopnik an, der in der Zeitschrift New Yorker schrieb, Trinkgelder seien nicht nur undemokratisch und ungerecht, sondern, was am schlimmsten sei, sie förderten eine falsche, effekthaschende Unterwürfigkeit. Zugegeben: Dies mag in den USA besonders zutreffen, weil Tips in manchen Serviceberufen die hauptsächliche oder gar einzige Vergütung sind. Aber auch, wenn sie, wie in Deutschland, nur einen Bruchteil des Rechnungsbetrages ausmachen, kann ich ihnen nichts abgewinnen. Mal abgesehen von der häufigen Unsicherheit, welcher Betrag wo angemessen ist (Wieviel Weihnachtstrinkgeld bekommen die Müllmänner? Und soll ich auch den Post- und Paketboten was geben?), verleihen Trinkgelder einer an sich rein professionellen Beziehung einen merkwürdig paternalistischen Dreh. Mich jedenfalls erinnert es immer ein bisschen an Vater und Mutter, die ihr Kind für gutes Betragen mit Eisgeld belohnen. Und ich bin froh, dass es nicht üblich ist, dass ein Redakteur oder eine Redakteurin einer freien Journalistin wie mir für einen guten Artikel am Ende noch einen kleinen Extrabetrag in die Hand drückt.

9 Responses to "„Kein Trinkgeld, bitte“"

  • Laura
    10. Nov 2015 - 14:18 Reply

    Vor ein paar Jahren stellte mich ein Kellner in einem guten New Yorker italienischen Restaurant vor allen meinen eingeladenen Geburtstagsgästen und den weiteren Restaurantbesuchern bloss, indem er mit Alle Geräusche übertönender Stimme mich anfuhr: „five percent is all I am worth to you, Lady, if you are indeed one – don’t you know that ten percent is the minimum for us to survive?“ ALLE Anwesende starrten mich an, alles war still, dann fingen meine Gäste an, Dollarscheine auf den Tisch zu werfen und Witze zu machen, um der Situation Herr zu werden. Der Kellner sammelte alles Geld ein, bedankte sich nicht und verschwand. Ich wäre am liebsten unsichtbar geworde. Ich wusste tatsächlichts von einer zehn-Prozent Minimumregel. Und damit war ich die Blamierte, wobei meine Gäste sich dann auch gegen diese Regel aussprachen, aber sagten, so ist das eben. Ich habe mich über den Artikel in PH sehr gefreut!

  • Christina Fritscher
    10. Nov 2015 - 15:13 Reply

    Ich habe 13 Jahre ab 1998 in der Gastronomie gearbeitet. Der Lohn ist stetig zurückgegangen. Noch vor 20 Jahren könnte man richtig gut verdienen als Kellner. Leider sind 8,50€ pro Stunde keine Seltenheit mehr. Früher gab es meist eine Umsatzbeteiligung. Das Trinkgeld war früher bei ca 15% und heute im Durchschnitt 5%. Als Kellner ist man heute umso mehr auf das Trinkgeld angewiesen. Es wäre natürlich schön wenn die Löhne endlich wieder angepasst werden aber jeder Kellner fühlt sich bestärkt und angesehen wenn er Trinkgeld bekommt. Es ist eine Bestätigung dass man einen guten Job geleistet hat. Trinkgeld ist manchmal nicht unbedingt in Geldform. Ich habe mich auch über andere Dinge ( Blumen, nette Karten, Glücksmünzen u.s.w) gefreut. Das sind kleine Anerkennungen, die Balsam für die Seele sind.

  • famous service
    10. Nov 2015 - 16:28 Reply

    Ihre Gedanken sind krude und lassen mich wütend werden. Sie wolle keine feudale Gönnerin sein, werden aber durch dieses Verlangen, scheinbarer Gerechtigkeit, zum weltfremden Selbstgerechten. Ich studiere, kriege keine finanzielle Unterstützung und bin auf meherer Barjobs angewiesen um überhaupt existieren zu können. Das Gehalt ist in den letzten Jahren heftig gesunken, ich kennen niemanden der mehr als 8,5 verdient, in diesen Beruf.
    An sich ist die Rechnung natürlich einfach, mehr Lohn ist immer besser und lässt die Arbeit auch in sich besser wert schätzen. Das ist aber nicht Realität, deswegen sollte man sich solche demütigende Artikel ersparen. Gegenseitige Freundlichkeit sollte nicht honoriert werden, das seh ich ähnlich. Aber das sich die Leute den Arsch abbuckeln (und ich mach das gerne, weil der Job mir gefällt) und das für Mindestlohn sollte man sich immer im Hinterkopf beibehalten. Letzentlich ist es doch so, der/die Kellner/in über Trinkgeld, das muss doch reichen, es zu machen.

  • Sybille Kunze
    10. Nov 2015 - 17:19 Reply

    Einige Argumente gegen Trinkgeld, die in dem Artikel erwähnt sind, kann ich gut nachvollziehen. Dennoch denke ich, dass diese Gepflogenheit zum kapitalistischen System mit seinen Hierachien dazugehört. Wenn man sie kritisiert sollte man das gesamte System in Frage stellen, was hier nicht getan wird. Psychologen scheinen sich gerne aus politischen Fragen herauszuhalten, aber das System ist meiner Ansicht nach der Nährboden einer Gesellschaft und darf nicht unberücksichtigt bleiben bei der Frage wieso sich Menschen auf eine bestimmte Art Verhalten.

  • tanja
    10. Nov 2015 - 17:33 Reply

    … liebe Christina.. bekommt eine putzfrau.. eine supermarktkassiererin.. eine tagesmutter. . Eine erzieherin.. Trinkgeld? ?
    Das sind auch mindestlohnjobs!!
    Das Gehalt sollte passend sein. . Immer dieses Trinkgeld geben nervt mich auch. . Ich arbeite hart für wenig Geld und bekomme kein Trinkgeld und arbeite trotzdem gut! Und mit meinem Geld nicht nur essen etc zahlen sondern noch das Gehalt der Bedienung aufzustocken. . Ich finde das sollte aufhören.
    Gibt weitaus schlimmere und härtere Jobs Die kein extrageld bekommen. .

  • Ahmet
    10. Nov 2015 - 18:23 Reply

    Ich stellte mir auch die Frage warum geben wir beim Friseur Trinkgeld oder nach einem schönem Essen beim Kellner ganz Einfach da wir dadurch Glückshormonen beschenkt werden also durch das Gefühl hey das hat mir jetzt gut getan usw. es hat etwas mit unseren Gefühlen zu tun …

    Ahmet Sezer

  • Silke
    11. Nov 2015 - 0:24 Reply

    Tanj, ein toller Beitrag !

    Kann mich nur anschließen !

    Mich ärgert es auch ungemein, wenn in den Einkaufszentren ( mit Gastronomie) auf den Toiletten ein Hinweisschild steht, sinngemäß “ wir machen Ihnen die Toilette sauber, bitte honorieren Sie uns das mit 50 Cent…“ DAS IST DER JOB DIESER SERVICEKRÄFTE !!
    Ich denke auch, es gibt so viele Berufe, gerade im sozialen Bereich, die alle keine „Trinkgelder“ bekommen und es vielleicht noch eher verdient hätten !!!!!!

  • Andreas
    11. Nov 2015 - 20:17 Reply

    Ein sehr spannender Artikel. Ich bin auch strickt gegen Trinkgeld. Es ist eine Frechheit so den eh schon überbezahlten Kellnern und Kellnerinnen auch noch Anerkennung zu schenken. (Ironiemodus aus)

    Echt jetzt, mit was sich Psychologen so alles beschäftigen. Menschen die uns etwas Gutes tun bekommen durch das Trinkgeld ein Feedback und somit Anerkennung. Eine Kindergärtnerin bekommt diese Anerkennung zum Beispiel von den Kindern, wenn sie gut ist in ihrem Job.

    Wer kein Trinkgeld geben möchte, der sollte es nicht tun und sich nicht dabei rausreden, dass man das halt so macht. Es ist immer einfach andere für das was man so machen muss in die Verantwortung zu nehmen. ALSO: Wer kein Trinkgeld geben möchte, lasst es einfach bleiben. Zahlt dann aber auch den Preis dafür, der dann vielleicht in Form einer unfreundlichen Bedienung gezahlt werden muss.

  • Erik
    12. Nov 2015 - 16:47 Reply

    Hallo Tanja, erstmal eine Putzfrau bekommt in der Regel trinkgeld, eine Erzieherin ist meist sogar öffentlicher Dienst eine Verkäuferin bekommt z.b. bei kaufland knapp 14€ die Stunde plus weihnachts und urlaubsgeld. Das sind Sachen die gibt es in der Gastronomie sehr selten. Ihr solltet auch trinkgeld geben weil ihr eine schöne zeit im Restaurant oder in einer Bar hattet. Als Dankeschön einfach. Wir Gastronomen arbeiten meistens wenn die anderen Leute frei haben und Nacht oder sonn/feiertagszuschlag gibt es dank Mindestlohn so gut wie nicht mehr. Wenn alle Leute so denken würden wie sie, dann würde keiner mehr in der Gastronomie arbeiten. Dann können sie ihren Cocktail Zuhause trinken und da brauchen sie gar kein Trinkgeld geben.

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