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Kapitäne und Ratten

Die Ratte verlässt als erste das sinkende Schiff; der Kapitän als letzter. Warum das? Er wird am besten bezahlt, er trägt die höchste Verantwortung, es ist nur gerecht, dass er auch mehr riskiert als alle anderen. In den Schiffskatastrophen der jüngsten Zeit jedoch können wir eine auffällige Veränderung des Verhaltens der Kapitäne erkennen, das vielleicht sogar Schlüsse erlaubt auf andere, kostspielige Fehlleistungen der Gegenwart. Als das längere Zeit dickste Kreuzfahrerschiff im Mittelmeer vor der Insel Giglio am 13. Januar 2012 auf einen Felsen lief, kippte und sank, befahlen Kapitän und Mitglieder der Mannschaft der Costa Concordia Passagieren, die schon in Rettungswesten an Deck standen, wieder in ihre Kabinen zurückzukehren. Ein Offizier der Küstenwache beschimpfte den Kapitän, weil er nicht mehr an Bord war; einige Rettungsboote fuhren ohne fachkundige Besatzung, dafür saßen in anderen gleich mehrere Steuerleute.

Viel schlimmer waren die Folgen, als die Fähre Sewol am 16. April 2014 kenterte. Sie war im südkoreanischen Meer zu einer Ferieninsel unterwegs. Das Schiff neigte sich nach einem Manöver zur Seite, kippte langsam um und trieb bereits anderthalb Stunden nach dem ersten Zeichen der Havarie kieloben. Die Zahl der Todesopfer wird auf 300 geschätzt. Besonders tragisch: Die meisten davon waren Schulkinder auf einem Ausflug. Viele von ihnen hätten sich retten können, wenn die Führung nicht geraten hätte, in den Kabinen und im Speisesaal zu bleiben, während das Schiff schon kippte. Auch in dieser Katastrophe war der Kapitän einer der ersten, die sich retteten.

Man könnte zum Zyniker werden und sagen, dass inzwischen offenbar Ratten Patente für das Kommando von Hochseeschiffen übernehmen können. Aber es wäre sehr naiv, diese Problematik allein von ihrer moralischen Seite her zu betrachten. Es gibt soziale und psychologische Faktoren, welche den Kapitän vom alten Schlag zum Anachronismus machen. Und diese Veränderungen sind auch aus sozialpsychologischer Sicht sehr lehrreich.

Früher war der Schiffskapitän ein kleiner Gott, geistliche und weltliche Autorität zugleich. Er sprach die Bibelverse, wenn jemand gestorben war und sein Grab im Meer fand, er verarztete Krankheiten, wenn es keinen Medicus an Bord gab, er ließ Meuterer aufknüpfen oder nachlässige Matrosen auspeitschen. Heute ist der Kapitän ein Angestellter der Reederei, in ständigem Telefonkontakt mit seinen Vorgesetzten; wenn es größere Probleme gibt, kommt ein Helikopter. Entsprechend abhängig und ausweichend verhält er sich. Der Kapitän der Costa Concordia behauptete, die Reederei sei schuld, die habe gewollt, dass er viel zu dicht an die Insel heranfuhr, das mache Eindruck. Von der Sewol hören wir, dass die Reederei nicht genehmigte Aufbauten anbringen ließ, vermutlich um mehr Ladung unterzubringen – mit dem tückischen Nebeneffekt, dass das Schiff instabil wurde.

Mein Schiff, meine Verantwortung – das galt für die Kapitäne der Segelschiffe und der frühen Dampfer; dass auch noch Kapitän Kirk sein Raumschiff Enterprise in diesem Geist durch ferne Galaxien steuerte, ist Science Fiction. Die Wochen und Monate, die früher ein Kapitän mit seinem Schiff und seiner Mannschaft allein von Hafen zu Hafen segelte, zwangen ihn in eine fast absolute Verantwortung. Diese Autonomie gibt es nicht mehr. Viele Kapitäne sind heute Funktionäre von Reedereien, die tun, was ihnen gesagt wird.

Sobald mir jemand in mein Tun hineinreden kann, lerne ich vor allem, Entscheidungen von mir fernzuhalten, die mir nachher Kritik eintragen könnten. Liebe Passagiere, bewahrt bitte die Ruhe, keine Panik, ich muss kurz bei der Reederei nachfragen, wie wir am besten aus dem Schlamassel herauskommen! Erst Zeit gewinnen, dann sich aus der Verantwortung stehlen – so sieht Krisenmanagement aus, wenn nicht Unabhängigkeit eingeübt wird, sondern bürokratische Anpassung.

Der Kapitän ist ein Symbol für den klassischen Professionellen, der – nachdem er sein Handwerk gelernt und seinen Rang gewonnen hat – nicht nur selbstbestimmt und selbstverantwortlich zum Besten für Schiff und Mann handelt, sondern auch mit Ehre und Leben dafür einsteht, dass das so geschieht. Er gleicht hier dem wahrhaft unabhängigen Richter oder dem Arzt, der sich einzig und allein am Wohl des Patienten orientiert, wie es ihm der Berufseid vorschreibt.

Aber diese Rechnung ist ohne die moderne Technik gemacht. Sehr deutlich sehen wir das an der völlig veränderten Rolle der Piloten von Flugzeugen. Sie sind keine Flieger im traditionellen Sinn, die das Wissen um die Dynamik des Geräts in ihrem Kopf speichern und dann mit Händen und Füßen das Nötige tun, sie sind Programmierer und Aufseher von Rechensystemen. Diese nehmen ihnen ihre Arbeit ab und können den Flieger ganz ohne ihr Zutun so gut lenken, dass in den Schubladen der Fluggesellschaften Pläne liegen, wie man die ganze kapriziöse Berufsklasse durch Bordcomputer und ein Kontrollzentrum am Boden ersetzen kann.

Wie nun jeder weiß, der jemals mit Computern zu tun hatte, kennen diese Geräte keine Annäherungen und Abstufungen. Wenn die Säge einen Zahn verliert, kann sie noch sägen. Wenn bei der Schreibmaschine ein Typenhebel bricht, kann ich noch mit ihr schreiben. Computer funktionieren, dann geht alles prächtig, mit unendlich viel mehr Möglichkeiten, als sie alle Generationen vor den digital natives hatten. Oder sie versagen, und dann geht gar nichts mehr.

Der Mensch ist ohnmächtig, aller Handlungsmöglichkeiten beraubt außer der einen: sie so schnell wie möglich wieder zum Laufen zu bringen und – wenn das scheitert – jemanden zu finden, der das tun kann. Man könnte zugespitzt sagen: Die Computerwelt hat die Fähigkeit, uns binnen Sekunden aus dem gottgleichen Kapitän in die hilflose Ratte zu verwandeln.

Moderne Kapitäne werden auf eine früher nicht denkbare Weise gleichzeitig in Größen- und Ohnmachtsfantasien stimuliert. Es fällt ihnen daher sehr viel schwerer als ihren historischen Vorbildern, Verantwortung für das Ganze zu übernehmen und in einer Havarie die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Dass Kapitäne angesichts des Versagens der ihnen vertrauten Ganzheit komplett die Übersicht verlieren, ist ein klassisches Problem. Schon früh haben die Militärhistoriker erkannt, dass nicht der Sieg, sondern die Bewältigung von Niederlagen und die Fähigkeit, Truppen angesichts drohender Katastrophen zusammenzuhalten, den fähigen Feldherrn vom Glücksritter unterscheidet. Heute hat sich dieses Problem durch die Abhängigkeit von elektronischen Dienstprogrammen extrem verschärft. Es ist an der Zeit, die Bewältigung solcher Ernstfälle zu üben und herauszufinden, was schiefgelaufen ist, wenn sich Kapitäne wie Ratten verhalten.

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