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Je suis Charlie

Seit der Dschihad am 9. Januar in Paris angekommen ist, bin ich im Wechselbad der Gefühle.

Mit Trauer im Herzen ist mein Mitgefühl mit den 17 Opfern und ihren Angehörigen. Unser Verlust ist groß, die Welt ist um ihren Humor ärmer geworden. Ich trauere um diese Helden und kann mir ein Beispiel nehmen an deren Mut, Kühnheit und Integrität. Mit ihrem Humor hatten sie mir diese grausame und chaotische Welt ein wenig erträglicher und einfacher gemacht. In dem Sinne sind wir alle Hinterbliebene.

Entsetzt über die barbarische und grausame Umsetzung dieses perfiden Mordes. Ich bin schockiert, dass es in unserer zivilisierten und globalisierten Welt möglich ist, dass ein paar irrgeleitete Menschen im Namen der Religion Gott spielen dürfen. Erschrocken von der Dreistigkeit dieser Männer, das Fluchtauto mit offenen Türen mitten auf der Straße stehen gelassen zu haben. Erstaunt, dass die Pariser Polizei sage und schreibe 80.000 Polizisten einsetzen musste, um zwei Männer zu stellen. Die Ironie des Schicksals, dass die Täter nach der Flucht ausgerechnet in einer Druckerei Zuflucht suchten.

Sprachlos über den Zynismus, den diese Tat mit sich brachte, denn die Pegida hatte es ja schon immer gewusst. Le Pen schrie sofort nach der Todesstrafe, ich hoffe nicht, dass ihr dieser Terrorakt auch noch Stimmen zuspielt. Alle wollen jetzt aufrüsten und die Vorratsdatenspeicherung soll auch bald kommen, hoffentlich nicht nach amerikanischer Dimension.

Besorgt, als Muslima wieder unter Generalverdacht zu geraten. Wie so oft seit dem 11. September werde ich genötigt, mich vom Islamterror zu distanzieren. Man kann sich nur von etwas distanzieren, dem man vorher nahegestanden hat.

Als Karikatur-Fan und als Komikerin war ich erschüttert. Ich bin mit Karikatur groß geworden. Ich habe schon als Jugendliche die zahlreichen Karikaturhefte in der Türkei gelesen. Heute sind die wichtigsten Penguen, GirGir, Leman und Uykusuz. Seit Jahrzehnten sind diese Zeitschriften die einzigen, die die Wahrheit schreiben. Sie können es sich leisten, weil sie sich nur aus ihrem Verkauf der Hefte finanzieren. In der Türkei stellen diese Satirezeitschriften eine Art Opposition dar.

Hocherfreut und erleichtert darüber, dass sich die Menschen nicht einschüchtern und spalten lassen, sondern diese Katastrophe endlich dazu nutzen, den Schulterschluss zu suchen. In Berlin hatte der Zentralrat der Muslime am 13. Januar 2015 zur Mahnwache am Brandenburger Tor eingeladen. Am Pariser Platz standen auf der Bühne Landesvertreter, politische Würdenträger und mit dabei Menschen aller Nationalitäten und aller Hautfarben. Ich lebe in einer demokratisch freiheitlichen Grundordnung, für die kulturelle und religiöse Vielfalt Reichtum ist und eine Chance darstellt. Und das ist auch gut so.

Erfreut darüber, dass die Bundeskanzlerin es endlich auch akzeptiert. Da hat mir die Rede von Bundespräsident Gauck am besten gefallen: „Wir schenken Euch nicht unsere Angst – Euer Hass ist unser Ansporn“. Vorsichtig, ob es nicht nur Lippenbekenntnisse sind oder ob wir uns endlich als ein einiges Europa begreifen dürfen.

Stolz auf den Mut der Kollegen von Charlie Hebdo. Es ist nicht immer leicht, die Gratwanderung zwischen Satire und Provokation zu finden. Als Satiriker ist es unsere Aufgabe, auch mal über alle Grenzen des guten Geschmacks zu gehen und Tabus zu brechen. Erleichtert über die letzte Ausgabe mit dem weinenden Muhammed, mit der die Redaktion wieder genau den Punkt trifft.

Würde Muhammed noch leben, dann würde er weinen, vielleicht würde er sogar den Islam reformieren. Hoffentlich dauert es nicht 500 Jahre wie bei der Inquisition.

„Leben wie ein Baum einzeln und frei
und brüderlich wie ein Wald“ (Nazim Hikmet)

One Response to "Je suis Charlie"

  • Ulrike Scheuer
    29. Jan 2015 - 18:22 Reply

    meine Meinung

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