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In die Schublade damit!

In die Schublade damit!

Mit großer Sicherheit ruiniert das einen Abend in der Gesellschaft von Freunden oder guten Bekannten: zwei Weinkenner treffen aufeinander und steigern sich fachsimpelnd allmählich in eine Art Wettstreit hinein. Wenn das Expertentum zum Schaukampf gerät, ist der Abend gelaufen – die anderen Gespräche verstummen allmählich, und man erlebt staunend mit, wie man sich über Restzucker, Terroirs und Cuvées in Ekstasen reden kann.

Derartige Laberflashs von Kennern entzünden sich nicht nur beim Thema Wein. Man kann auch über Whiskey, Craft Biere, Jazzklassiker oder Operninszenierungen endlos besserwissen. Und seien wir ehrlich: jeder von uns möchte sich ja mindestens auf einem Gebiet so gut auskennen, dass er als Experte und Connaisseur respektiert und auf ein bisschen Bewunderung hoffen darf. Die feinen Unterschiede bei Rebsorten, Musikrichtungen, Fusionsküchen oder Arthousefilmen zu kennen stärkt das Selbstbewusstsein, oder, ganz hoch gegriffen, macht das Leben etwas sinnvoller.

Dieses oftmals manische oder libidinöse Spezialisten- und Expertentum auf bestimmten Gebieten steht in auffälligem Kontrast zu einer wachsenden Verunsicherung in vielen anderen Lebensbereichen (es heißt ja nicht umsonst Fachsimpel): Unser Gehirn, das – neben vielem anderen – eine sehr leistungsfähige Sortiermaschine ist, droht allmählich überfordert zu werden. Und zwar durch die wachsende Vielfalt, den Facettenreichtum, die Innovationsschnelligkeit von nahezu allem: nennen wir es vorläufig das Supermarkt-Chipsabteilungs-Syndrom.

Wie im Supermarkt, für den ständig neue Geschmacksrichtungen, Konsistenzen und Mischformen bei den Chips und Snacks erfunden werden, vervielfältigt sich auch sonst das Angebot an Waren, Ideen, kulturellen Programmen, an politischen und religiösen Angeboten. Die Folge ist: Wir kommen tendenziell mit dem Sortieren und Einordnen nicht mehr nach – wir wissen oft nicht mehr, in welche mentale Schublade etwas gehört, oder wir stopfen etwas in eine falsche. Oder wir kapitulieren, was in vielen Fällen den schönen Nebeneffekt einer Konsumverweigerung hätte: Nein, danke! Das ist mir zu … überkandidelt.

Die Sortierfähigkeit des Gehirns, entstanden in großen evolutionären Zeiträumen, nennen die Psychologen kategoriale Wahrnehmung. Sie funktioniert vor allem über die Feststellung von Ähnlichkeiten: Dieses Getränk schmeckt … wie ein Bier? Oder doch eher schon wie eine Limonade? Dieses Lied im Radio klingt wie ein Countrysong. Also ist er einer. Oder ist es so was Ethnisch-Keltisches? Der Autor Tom Vanderbilt hat 2016 in seinem Buch You may also like: Taste in an age of endless choice (etwa: Das könnte Ihnen auch gefallen: Geschmack im Zeitalter unbegrenzter Wahlmöglichkeiten) beschrieben, wie wir mit Abwehr oder Ablehnung reagieren, wenn wir etwas Neues nicht sofort einordnen können. Unsere durchaus vorhandene Neugier wir überstrapaziert, die kategoriale Wahrnehmung setzt aus – sie kann die Welt nicht mehr schubladisieren. So entsteht eine Blockade, für die der Begriff cognitive disfluency erfunden wurde: kognitive Verstopfung.

Ein Gebiet, in dem sich die Genres wie Pilze nach dem Regen vervielfältigen, ist die Musik. Ein Mitarbeiter des Musikstreaming-Dienstes Spotify hat eine Übersichtskarte entworfen, mit der sich die heute praktizierten Musikstile identifizieren und einordnen lassen (Every Noise at Once, heißt dieses Schema, etwa: Der ganze Lärm auf einen Blick). Er kam auf über 1.400 Stile und Richtungen. Die ganz großen Schubladen wie Klassik, Rock´n`Roll, Jazz, House, Rap, HipHop, Schlager, Country sind längst nicht mehr hilfreich. Für Kenner und Fans taugen sie schlicht nicht mehr, um noch Distinktionsgewinne einzustreichen, man muss heute die ganz kleinen Unterschiede kultuivieren. Musik fasert immer mehr aus in neue Stile und Richtungen, in Kreuz-und-Querverbindungen( wie etwa „alternativer southern style“ oder Symphonisches Black Metal). Es ist im Grunde die moderne Variation eines alten Themas – der Künstler oder die Künstlerin, der neue Wege geht, für den aber noch kein Genre existiert.

„Wo ist das Problem?“, könnte man nun fragen. Der Markt, der Geschmack und die Aufnahmefähigkeit des Einzelnen regulieren das schon – wer nicht mehr mithalten kann oder will, lässt sich eben auf Genres zurückfallen, die ihm vertraut sind. Und die vielen Experimente, Crossovers und hybriden Stile sind doch vor allem eines – sehr kreativ. Sie treiben die Entwicklung voran. Gut, wir mögen es nachweislich nicht so sehr, wenn wir es nicht gleich einordnen können – denn es macht uns Mühe, erzeugt den unangenehmen Zustand der cognitive disfluency. Aber wir möchten auch irgendwann wieder mal etwas Neues hören, schmecken, lesen, wählen.

Problematisch wird es, wenn wir jenseits unserer kulturellen oder kulinarischen Vorlieben und Konsumwelten mit Uneindeutigem, Ungewohntem, Ambivalentem konfrontiert werden – eben in der Welt der Ideen und Beziehungen. Ein verstörendes Experiment zeigte exemplarisch, wie wir auch reagieren, wenn uns eine „Schublade“ fehlt: Den Versuchspersonen wurden die Fotos von Männern und Frauen gezeigt, die mithilfe eines Morphing-Programms „androgynisiert“ wurden – Frauen erhielten männliche, Männer weibliche Züge.

Eine Gruppe der Versuchspersonen sollte nun die Attraktivität der gezeigten Personen bewerten und die besonders attraktiven kennzeichnen – und sie wählte vor allem weibliche Gesichter aus. Eine zweite Gruppe sollte dasselbe tun, aber vorher die androgynen Gesichter einem Geschlecht zuordnen – eine knifflige Aufgabe, die offenbar zu „kognitiver Verstopfung“ führte. Denn anschließend befanden diese Versuchspersonen alle Gesichter für unattraktiv. Die Mühe des Sortierens verursachte einen „negativen Affekt, der auf die Personen übertragen wurde“, schlossen die Forscher.

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