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Im Land der Kontaktlächler

Ein typischer Samstagvormittag. Mein Mann und ich machen unseren Wocheneinkauf im Supermarkt zwei Blocks weiter. An der Kasse steht ein junger Mitarbeiter mit bunt tätowierten Armen und Tunnelohrringen. „Hallo, wie geht‘s,“ begrüßt er uns mit einem Lächeln, während wir anfangen, die Lebensmittel auf das Band zu packen. „Wie ist Euer Tag bislang gelaufen?“ Wir erzählen von unseren ersten unbeholfenen Tennisversuchen der Saison. „Das ist mein Lieblingsgemüse“, bemerkt er, während er den Pak Choi abwiegt. Ich gestehe, dass ich nicht so recht weiß, wie man den zubereitet. Die bunt gekleidete Frau mit Afrofrisur, die unsere Sachen in die mitgebrachten Taschen packt, schaltet sich ein: „Ich mache den immer im Wok. Olivenöl, ein bisschen Knoblauch, Gemüse zwei Minuten darin wenden, Salz und Pfeffer. Schmeckt super.“ Wir bedanken uns für die Anregung und schnappen unseren Wagen. „Genießt den Rest des Tages“, sagt der Kassierer zum Abschied und strahlt uns an. „Du auch“, erwidert mein Mann.

In den USA ist alles so oberflächlich. Das ist einer der häufigsten Kommentare, die ich in Deutschland über meine Wahlheimat höre. In der Tat verteilen viele Amerikaner Freundlichkeiten nach dem Gießkannenprinzip. Mundwinkel stehen ständig oben. Small Talk ist Volkssport. Wenn man darunter Oberflächlichkeit versteht, dann sind meine hiesigen Mitbürger oberflächlich.
Wer aus einer anderen Kultur kommt, kann den intensiven Austausch von Liebenswürdigkeiten gewöhnungsbedürftig finden. Für den typischen Deutschen, der einen Anlass zum Lächeln braucht, ist das amerikanische Kontaktlächeln leicht irritierend. Mich hat es am Anfang wahnsinnig gemacht, in jeder Boutique überschwänglich begrüßt zu werden. Warum soll ich auf einem Einkaufsbummel zehn Verkäuferinnen erzählen, wie es mir geht? Doch mittlerweile weiß ich das Ritual zu schätzen. Auch andere Konventionen empfinde ich nun als angenehm – und habe sie selbst übernommen: wildfremde Menschen auf der Straße grüßen, Tischnachbarn im Restaurant in ein Gespräch verwickeln, einer Mitfahrerin im Bus ein Kompliment über ihre schicke Frisur machen.

Woher der Sinneswandel? Heute weiß ich, wie gut diese Freundlichkeiten der Stimmung tun. Auf meinem letzten Ausflug zum Coffeeshop hatte ich nette Begegnungen mit der Nachbarin zwei Häuser weiter, dem Barista, ein paar Gästen, die ich noch nie gesehen habe, dem Briefträger und einer Frau aus dem Yogakurs. (Und dabei lebe ich in der Neunmillionenmetropole Chicago, die Kleinstadt-Amerikaner wahrscheinlich als ziemlich anonym und ruppig empfinden.) Als ich nach zwei Stunden an meinen Schreibtisch zurückkehrte, fühlte ich mich angeregt und heiter. Natürlich weiß ich, dass manche Liebenswürdigkeit aufgesetzt ist. Aber es tut einfach gut angelächelt zu werden. Und es tut gut zu lächeln. Psychologische Studien zeigen: Wenn man die Mundwinkel nach oben zieht, steigt die Laune, während Stressgefühle versiegen – unabhängig davon, ob das Lächeln einen „Grund“ hat oder nicht. Auch die positiven emotionalen Effekte des Small Talks sind wissenschaftlich belegt.

Die amerikanische Freundlichkeit und Offenheit erleichtern es zudem, eine Vielzahl von Kontakten zu knüpfen, egal ob im Fitnessclub, bei beruflichen Terminen, am Flughafen, in der Shopping Mall oder beim Spazierengehen. Ich habe hier nicht mehr Freunde als in Deutschland – gute Freunde zu finden, ist genauso schwer wie überall – aber deutlich mehr lose Bekannte. Ich weiß, dass die Vorfahren des Paketboten aus Hessen stammen, die flippige Kellnerin vor zwei Jahren mit ihrer Band in Berlin aufgetreten ist und die Frau des irischen Hausverwalters an Krebs gestorben ist. Mit allen Bewohnern in unserem Haus und diversen Leuten im Viertel bin ich gut genug bekannt, um jederzeit einen ausführlichen Plausch zu halten und auch mal jemanden um Rat zu fragen. Diese Verbindungen gehen nicht sehr tief, das ist richtig, aber sie geben mir das Gefühl dazuzugehören, und das ist wohltuend. Gerade wenn man ein Ausländer ist.


Dr. Annette Schäfer lebt in Chicago und ist die USA-Korrespondentin von PSYCHOLOGIE HEUTE. Ihre Artikel und Interviews erscheinen regelmäßig in unserem Magazin. Schäfer hat Volkswirtschaftslehre studiert und ist auch als Buchautorin erfolgreich. Veröffentlichung u.a.: Wir sind, was wir haben. Die tiefere Bedeutung der Dinge für unser Leben (DVA, München)

10 Responses to "Im Land der Kontaktlächler"

  • tom
    15. Jul 2014 - 13:17 Reply

    hi annette
    gutes thema 😉
    mein thema
    ich empfinde es oft als belastend wenn alle ein lächeln wolln oder n smalltalk im hof , wenn ich doch im kopf schon woanders bin 😉 ja der kopf, jedoch wie du sagst lächeln tut gut fühlt gut ist gut…nur wenn es immer dieses aufgesetze falsche ist dann kann ich sagen nein jetzt is gut .
    im diesem sinne und ein echtes tiefes lächeln zu dir nach usa. 😉 tomtom

  • Manuela Nickel
    15. Jul 2014 - 14:19 Reply

    Ja, Nettigkeiten können guttun, sofern sie ehrlich gemeint sind. Den Umgang mit Ehrlichkeit aber müssen viele erst wieder erlernen …

  • Renate Wendeln Marks
    15. Jul 2014 - 17:10 Reply

    Das war ein toller Artikel!
    Dr. Schaefer hat genau das erfasst, was auch ich hier in der USA erlebe. Ich bin in Niedersachsen auf einem Bauernhof aufgewachsen und lebe jetzt seit vielen Jahren in New Jersey.Der letzte Paragraph, fasst alles gut zusammen.

  • Olaf Hochschild
    15. Jul 2014 - 22:33 Reply

    An Hallo an Übersee.

    Vielleicht bin ich einfach viel zu europäisch-deutsch angehaucht. Ich gebe zu, zu lächeln hebt die Stimmung, weil ich mich dann auch besser leiden mag. Es überrascht so viele Leute, wenn ich beim Autofahren ihnen lächelnd begegne, auch Fußgänger drehen sich verwundert um. Ein netter Effekt. Einzig bei dem Smalltalk protestiere ich, denn ich kann mir davon kein Brot kaufen, weil ich weiß, was der Nachbar für Sorgen hat, ich kann meine Miete nicht zahlen, wenn ich erfahre, dass die Nachbarin stolz auf ihr Kind ist. Was gehen meine Gefühle, meine Gedanken fremde Menschen an? Deshalb finde ich es nicht gut, dass mit diesem Artikel subtil – hinterfotzig der Stinkefinger in Richtung Europa gezeigt wird.

    Mit freundlichen Grüßen

    Olaf H.

  • Markus
    16. Jul 2014 - 1:52 Reply

    Beim Lesen des interessanten Artikels habe ich an das Buch ‚Wie man Freunde gewinnt‘ von Dale Carnegie denken müssen, mit dem ich mich gerade in Form des (beim Autofahren praktischen) Hörbuches mal wieder beschäftige. Alle möglichen Leute nett behandeln … auch wenn man von ihnen nichts ‚will‘.

    Ich denke, dass es in Europa wohl eher so ist, dass man dann recht nett ist, wenn man z.B. jemandem was verkaufen (aufschwatzen) will. Ist der Verkauf erfolgt, dann ‚braucht‘ man nicht mehr so nett zu sein, weil es ja nichts mehr ‚bringt‘.

    Da ist das Beispiel von den netten Leuten an der Supermarkt-Kasse schon recht gut. Die Einkäufe wurden ja bereits getätigt und ob der Abwickler der Bezahlung dann freundlich ist oder nicht, hat ja keinen direkte Auswirkung mehr auf diesen Umsatz.

    Ich denke jedenfalls, dass es Smalltalk in Europa wohl am ehesten mit einem anderen, attraktiven (potenziellen) Single gibt. Da ‚bringt‘ es dann auch was. Aber einfach nur mit irgendjemandem einige freundliche Worte zu wechseln, ist wohl eher nicht so sehr in unserer Kultur …

  • Katharina Schodnicki
    17. Jul 2014 - 11:06 Reply

    es gefällt mir, wenn man mit seinen Mitmenschen bekannt oder unbekannt in einen netten Konrtakt tritt.
    Es gibt einen schönen Satz von der Schriftstellerin Pearl S. Buck: „die wahre Lebenskunst besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen.“ das passt hier auch, finde ich. Vielen Dank für den erfrischenden Artikel!

  • Irene Bergrath
    22. Jul 2014 - 14:07 Reply

    Sicher ist nicht jedes Lächeln echt, aber ich habe die Erfahrung gemacht das durch ein Lächeln das Leben freundlicher wird. Was hindert mich daran freundlich auf einen Menschen zuzugehen auch wenn ich ihn nicht kenne?
    Ich habe für mich als Lebensmotto den Text von Margot Bickel „Pflücke den Tag und gehe behutsam mit ihm um, es ist dein Tag 24 Stunden lang“. Wenn ich das umsetzen will kann ich nicht anders, ich verschenke dann gerne ein Lächeln.

  • Wolfgang Krönner
    27. Jul 2014 - 1:07 Reply

    Hi Annette,

    was gibt es Schöneres als schon früh am Morgen mit einem Kompliment in den Tag zu starten …!?
    Ich habe 1978 -1979 in Ventura State Beach, California ein Jahr verbracht und liess mich vom positiven Draufsein der Menschen im blaubehimmelten California Dreamin begeistern und beeinflussen.

    Ein Jahr später, angekommen am Fluhafen Santos Dumont in Brasilien, Rio de Janeiro, habe ich zwar Travellerchecks im Koffer, aber kein Bargeld. Am öffentlichen Telefon habe ich keine Münze. Suchend schaue ich mich um … da strahlt mich die ältere Frau an, die den Wischmob gerade durch die Ankunftshalle schiebt, und sagt: Du brauchst wahrscheinlich eine kleine Münze- junger Mann – und wirft mit einem Lächeln eine 50-Cruzeiro-Münze in den Schlitz – „Jetzt kannst du deine Freundin anrufen – und ihr sagen, dass du angekommen bist!“
    Als ich den Bus steige, lächelt der Fahrer mich an und sagt: „Pass drauf auf, dass dich keiner anmacht, und dann mit deinem Koffer verschwindet!“ Als ich am Hotel aussteige – schickt er mir hinterher: „Und auch mit den Frauen – pass auf dich auf, Junge und bleib standhaft, auch wenn du verlockt wirst!“

    Freundlichkeit und Schutzbedürfnis gegenüber Fremden – eine andere Haltung im Leben … wie sagte mein lieber Freund, Curt Meyer-Clason: “ Im Norden Europas herrscht ein rationales Chaos – und in Brasilien verspüren wir eine sentimentale Ordnung“. Dieser Perspektivwechsel macht uns ein solche Erkenntnis zugänglich ..,. eine positive Verstörung unserer Glaubenssätze ist die Folge.

    • Maribayern
      29. Jul 2014 - 4:59 Reply

      Hallo Wolfgang, sensible Art, Brasilianer als Smalltalker in Gedächtnis zu haben. Bin selber aus Bahia und wohne in Bayern. Einmal sprach ich eine Fremde an und bat , bitte; nach einen Taschentuch da mir plötzlich die Nase heftig zu laufen anfing. Ich machte an diesem Abend negative Erfahrung. Smalltalks lösen Distanz oder Barriere auf. Wie der Werbplakat:‘ möchtest Du?‘. Es gibt keinen Zwang. Unfreundlichkeit ist eine Barriere. Aufgsetztes Lächeln können nur jenigen, die glauben: ‚freundlich sein ist ein Muss, sonst werde ich als feindlich eingestellt versanden‘. Jeder darf frei sein, niemand belästigt!

  • Petra
    3. Okt 2014 - 0:00 Reply

    Hi Annette,

    Dein Artikel ist herrlich. Jedesmal wenn ich aus Amerika zurückkomme leide ich, außer am Jetlag, an der Unfreundlichkeit und Ruppigkeit der Deutschen. Es ist so schön nett begrüßt zu werden. Natürlich hat mich die Freundlichkeit anfangs auch erschreckt, aber nach 3 Monaten in Amerika konnte ich nicht mehr „Hello“ ohne „how are you today“ sagen. Auch diese kleinen, vielleicht belanglosen, aber sehr netten Unterhaltungen in der U-Bahn oder im Cafe bringen gute Laune.
    Ich fände es sehr schön, wenn wir Deutschen netter miteinander umgehen würden, höflicher miteinander wären und auch nicht so drängeln würden. Und das obwohl ich in der nördlichsten Stadt Italiens wohne, in der Touristen mit Stadtplan in der Hand direkt angesprochen werden ob man ihnen helfen kann.

    Grüße aus Köln Petra

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