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„Ich weiß, was gut für Dich ist!“

Stellen Sie sich vor, Sie kommen in Ihre Kantine und alles ist anders: Obst und Vollkornbrot liegen auf Augenhöhe, während die ungesunde Schokolade und die Lollipops, diese kleinen Sünden, die Kantine und Kollegen erst erträglich machen, außer Sichtweite knapp über dem Boden liegen. Mit dem Essen sind Sie anschließend auch schneller fertig als sonst, weil die Firma kleinere Teller angeschafft hat, damit Sie als Mitarbeiter nicht so fett und träge werden.

Wenn Ihnen dieses Szenario bekannt vorkommt, arbeiten Sie vielleicht bei Google, dort ist genau das gemacht worden. Wenn Sie nicht bei Google sind, dann war vielleicht ein Anstupser am Werk. Das sind Verhaltensökonomen, also Zwitterwesen aus Psychologen und Ökonomen, die Ihnen helfen sollen, bessere Entscheidungen zu treffen. Oder, um es etwas direkter zu sagen: Menschen, die Sie bevormunden und manipulieren wollen, ohne, dass Sie es bemerken.

Männer kennen das vom Pissoir, in dessen Mitte eine Fliege gepinselt ist, die der Mann, simpel wie Gott ihn schuf, natürlich pflichtgemäß anpisst. Angeblich geht so weniger daneben. Wahrscheinlich ist es einfach nur betreutes Pinkeln.

Dieses Nudging liegt in Amerika seit einigen Jahren im Trend, Präsident Obama hat namhafte Wirtschaftswissenschaftler wie Richard Thaler in seinen Beraterstab geholt. Angela Merkel plant nun Ähnliches, sie nennt es „Wirksames Regieren“ und hat ebenfalls drei Verhaltenspsychologen eingestellt, die helfen sollen, auch in Deutschland Menschen gezielt zu manipulieren.

Nun kann man einwenden, dass es ja auch gut und nützlich sein kann, wenn der Staat gewisse Vorgaben macht, die ihm und uns helfen. In Deutschland zum Beispiel sind nur rund 10 Prozent der Menschen Organspender. In Frankreich und Österreich sind es 99,9 Prozent. Der Grund: Hierzulande muss sich jeder bewusst entscheiden, Spender zu werden. Die Standardoption bei der Frage „Spender ja oder nein“ ist „Nein“. In Frankreich und Österreich ist es umgekehrt: Dort ist zunächst einmal jeder Spender, es sei denn, er entscheidet sich bewusst dagegen. Deutschland geht hier insofern einen Sonderweg, als eine sogenannte „erweiterte Zustimmungsregelung“ gilt: Der Eintrag im Organspendeausweis ist maßgeblich. Steht dort nichts, müssen die Angehörigen entscheiden, die auch die Möglichkeiten haben, zuzustimmen.

In einem Experiment konnten zwei US-Psychologen zeigen, dass sich nur knapp die Hälfte aller Teilnehmer als Organspender zur Verfügung stellten, wenn sie dies explizit erklären mussten. Sollten sie dagegen ihre Bereitschaft zu spenden aktiv verneinen, behielt die Mehrheit, nämlich über 80 Prozent, den Status als Spender. Menschen sind offensichtlich Lemminge: Solange es uns nicht verdächtig erscheint, machen wir fast immer das, was uns als Standardoption vorgegeben wird. Die existierende Vorgabe wird so gut wie nie geändert, auch dann nicht, wenn es relativ leicht möglich wäre.

Im Fall der Organspende wäre eine Routineentnahme funktionierender Organe nach dem Tod durchaus sinnvoll. Allein mit den so zur Verfügung stehenden Nieren würden Tausende vorzeitiger Todesfälle verhindert.

Natürlich sind Vorgaben, im Sinne einer Hilfe zur Selbsthilfe gut und richtig, sofern es um Entscheidungen geht, die so grundsätzlich sind, dass wir sie allein nur schwer überschauen können. Nur geht es heute beim Nudging längst nicht mehr um schwierige Situationen, es geht um die gezielte Herstellung von Hilflosigkeit. Unter dem Vorwand des Schutzes, des gesünderen, besseren Lebens, möchte man Öl ins Getriebe gießen, damit Sie, das Rädchen, weiter verlässlich funktionieren. Mit einer Steuer auf gesättigte Fettsäuren, bald sicher auch auf Cola, Fanta und Sprite, eine Koffeinsteuer auf Kaffee und eine Zuckersteuer auf Obst, mit einer Helmpflicht für Radfahrer und bald wahrscheinlich auch für Fußgänger, die eine Ampel überqueren wollen.

Wohin das führt, haben Psychologen zeigen können: In einem Pflegeheim teilten Forscher einer Gruppe von Bewohnern mit, wie wichtig es sei, selbstverantwortlich zu sein. Sie sollten sich selbständig um ihre Pflanzen kümmern. Einer zweiten Gruppe sagten sie, wie wichtig es sei, vom Pflegepersonal versorgt zu werden und sich diesem zu überlassen. Das Ergebnis: Die Gruppe, die mehr entscheiden durfte, war zufriedener. Ihre Mitglieder lebten im Schnitt mehrere Jahre länger als die Gruppe, die nichts entscheiden sollte. Das sind schlechte Nachrichten für all die CDU-Mitglieder, die seit Merkels Amtsantritt nix mehr zu melden haben.

Die ganze Anstubserei und Bevormundung ist im Grunde ja nur Ausdruck einer hilflosen Politik. Die Verordnungsverwalter sind nicht mehr Herr der Lage. Sie können die wirklich wichtigen Entscheidungen nicht mehr treffen, weil sie ihnen längst über den Kopf gewachsen sind. Wenn die Regulierung des Bankensektors genauso hart und konsequent vorangetrieben worden wäre wie das Verbot der Glühbirne; wenn der Schutz der Privatsphäre vor den Zudringlichkeiten von Big Data so entschieden verteidigt worden wäre wie das Rauchverbot, wären wir einen ganzen Schritt weiter. Aber diese Hoffnung stupst zuletzt.

Mehr zum Thema Nudge lesen Sie in diesen Artikeln aus unserem Archiv:

Nudge: Wie wir auf den rechten Weg gebracht werden sollen

Wirksam regieren: Regierungen nutzen psychologische Erkenntnisse, um Bürger unterschwellig zu beeinflussen

10 Responses to "„Ich weiß, was gut für Dich ist!“"

  • Gitta Koppenhöfer
    1. Sep 2015 - 13:56 Reply

    toll geschrieben und spricht mir aus der Seele! Mir geht dieses ungefragte „Bemuttern“ ja sowas auf den nicht vorhandenen Sack….

  • Tineli
    1. Sep 2015 - 17:25 Reply

    Letztlich werden wir doch immer irgendwie manipuliert. Wenn nun Obst und Vollkornbrot oben liegen, und man sich für den Schokoriegel bücken muss, dann fällt mir das auf, weil es eine Veränderung ist. Bisher lag der Schokoriegel griffbereit bei der Kasse – warum? Weil der Kantinenbetreiber mich dazu manipulieren wollte, nicht nur die Mahlzeit zu kaufen, sondern eben auch noch einen Schokoriegel. Klappt mit Schokoriegel wahrscheinlich häufiger als mit Obst. Gut für den Umsatz des Kantinenbetreibers. Aber dennoch eine Manipulation.

    So lange ich immer noch die Möglichkeit habe, frei den Schokoriegel zu kaufen, finde ich es prinzipiell ok. Wenn die Portion in der Kantine kleiner wird, finde ich das sogar gut – so lange ich einen Nachschlag bekommen kann und die kleine Portion günstiger ist. Dann wird nämlich vielleicht auch weniger Essen weggeschmissen. Erst wenn ich gezwungen werde, mich mit der kleinen Portion zufrieden zu geben, wenn ich gar keinen Schokoriegel mehr bekomme, oder wenn ich mir jedesmal, wenn ich mehr will, eine Standpauke anhören muss etc., dann fühle ich mich bevormundet.

  • Diana Müller
    2. Sep 2015 - 0:35 Reply

    Es war immer schon so. Wir leben in einer Komfort-Gesellschaft. Die meisten Leute lassen denken, anstatt die eigenen grauen Zellen, die zum Denken da sind, zu aktivieren.
    Ist nichts Neues, was unser Hobby-Psychologe (?) hier presentiert hat. Er arbeitet nach dem selben Schema : versucht die Leute ( hier Leser genannt ) mit seinen subjektiven Ansichten zu beeinflussen und verwirren. Ob diese Absicht unbedingt positiv ist ?

  • Melek Y.
    2. Sep 2015 - 12:15 Reply

    Finde es sehr gut dargestellt.
    Es ist einfach traurig, die wir bzw die heutigen Kleinkinder schon , nach irgendwelchen Maßstäben erzogen werden ( Beispiel Englischunterricht im Kindergarten) , wo man glaubt dass es richtig sei für die Erziehung. Man vergisst , dass jeder Mensch auf seine Art wertvoll ist , doch der Mensch traut sich am Ende nicht zu zeigen was er kann, weil er an irgendwelchen Skalen gemessen wird und als beispielsweise talentlos betitelt wird . Wer hat das Recht , über einen anderen Menschen zu urteilen und bewerten ?!

  • Christine Ploner
    2. Sep 2015 - 13:47 Reply

    Jahrzehntelang hat Vater (Mutter) Staat ja dem Menschen erklärt, dass er sich um deren Wohlergehen sorgt.Wer hat nicht die Serviceleistungen in Anspruch genommen? Schließe mich aber den Autor an, dass Nachdenken darüber was macht Sinn und wo gibt es Manipulation im Sinne Anderer. Es wird auf Dauer sicher nicht machbar alle Tricks (Werbewirtschaft) zu hinterfragen und auszuschließen. Pro Tag eine bewusste Entscheidung zu treffen wär schon mal ein realistisches Ziel.

  • Manfred H.
    14. Sep 2015 - 0:47 Reply

    Ich bin ein Freund klarer Worte und beglückwünsche Sie dafür. Auch bei den Mitternachtsspitzen vom 29.8. haben Sie mir sowasvon aus der Seele gesprochen, danke dafür. Weiter so!

  • Lutz W.
    16. Sep 2015 - 12:52 Reply

    Ja, so ist das – lieber gesundes Bio als dick machende Süßigkeiten! Einverstanden, jeder sollte wirklich selbst entscheiden! Aber wenn er/sie zu dick wird, Zucker, Herz-oder Gelenkbeschwerden bekommt, hohe Gesundheitskosten verursacht – Vorbild USA – will er/sie die Folgen seiner Schlemmerei gerne der solidarischen, auch meiner Krankenversicherung anlasten. Ist das gerecht?

  • Eve
    3. Okt 2015 - 18:45 Reply

    JA MAN!

    Genialer geschrieben geht nun wirklich nicht mehr!

    Und keine Sorge, der Trend wird sich nicht lange halten. Sobald die Unternehmen erkennen, dass man ISST was man ist, werden sie dann der derzeitigen Werbung für die „heiße Tasse“ folgen.
    https://www.youtube.com/watch?v=CxmxQlffQeQ
    Sei schlau, mach blau.

  • Peter
    22. Okt 2015 - 1:35 Reply

    Ja, man soll es sich niemals nehmen lassen, selbst zu denken… 😉

  • Nora
    15. Dez 2015 - 1:41 Reply

    Das Thema ist wichtig!!
    Meiner Meinung nach, ist ein Spenderausweis sehr wichtig und jeder von uns kann morgen in diese Lage kommen. Hier noch ein paar zusätzliche Infos zur Organspende in Österreich meinetransplantation.at. Ich weiß, dass durch die Nachsorge, die Pharmaindustrie stark verdient, aber wenn man einen Freund hat, der eine Organspende braucht, dann möchte man alles tun, damit er gesund wird…

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