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Ich mein` ja nur …

Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Meinungen“ sprechen? Der Bedeutungshorizont reicht von eher flüchtigen Einstellungen (auch so ein rätselhaftes Wort!) zu alltäglichen Fragen bis hin zu tief sitzenden Überzeugungen, von denen wir keinen Zentimeter abweichen, auch wenn es uns schaden könnte. Meinungen umfassen das Banale („Ich halte diesen Film für maßlos überschätzt!“), ebenso wie das Grundsätzliche, etwa weltanschauliche Glaubensartikel: „Der sogenannte Klimawandel ist das Ergebnis von statistischer Manipulation!“  

Nächste, fast noch wichtigere Frage: Wann und unter welchen Umständen ändern wir (vor allem: diese verbohrten Anderen) unsere Meinungen? Das ist die zentralste, wichtigste, spannendste Frage, die sich uns allen und der Psychologie im Besonderen überhaupt stellen kann. Denn nahezu alles in unserem Leben hängt von Meinungsänderungen ab oder wird von ihnen vorangetrieben. Meinungsänderungen und die Versuche, sie herbeizuführen, beeinflussen das Zusammenleben im Kleinen wie im Großen, also auch Politik und Wirtschaft, das individuelle Seelenheil, Geschmacksfragen, die Herausforderungen des ökologischen Überlebens, und, und, und.

Der Schriftsteller Nicholson Baker hat, nach intensiver Selbstbeobachtung, folgende Antwort gefunden: Meinungen verändern sich in eher langsamen und nahezu unmerklichen Prozessen – und nur sehr selten oder nie durch ein einziges schlagendes Argument, eine plötzliche Einsicht oder eine Offenbarung: „Ich glaube nicht an das eine Buch, das uns wie ein Donnerschlag verändert … ich glaube vielmehr an eine langsame Sequenz von gewundenen, verknoteten Gedankengängen, an denen noch die bunten Fäden der Intelligenz im Wind flattern…“

Von dieser, wie ich meine, metaphorisch überzeugenden, aber eher phänomenologischen Sichtweise zur aktuellen Psychologie: Wer oder was kann im Zeitalter des Internets und der Informationsflut Meinungen noch erfolgreich verändern? Was ja umso vergeblicher scheint, je intensiver es versucht wird. Psychologen an der Cornell University haben sich mit der meinungsbildenden Wirkung von Diskussionsforen befasst. Wer diskutiert, scheint ja an der Meinung anderer noch interessiert zu sein – und lässt sich vielleicht auch hin und wieder eines Besseren belehren. Auf der Website von Reddit: ChangemyView tummeln sich etwa 200.000 Diskussionsfreudige. Für die Forscher war wichtig: Sie geben jeweils zu Protokoll, wenn sie bei einer Diskussion umgestimmt wurden – und teilen auch mit, was genau ihre Meinung verändert hat. Es wurde dort über Fragen diskutiert wie „Soll man Zoos verbieten?“ oder „Sind die Anhänger von Bernie Sanders (Hillary Clintons härtester Konkurrent in den Vorwahlen der Demokraten) schlecht informierte Eiferer?“

Wenig überraschend sind diese Erkenntnisse:

  • Meinungsänderungen ereignen sich häufiger, wenn die Ansprache/der Diskussionsbeitrag in ruhiger, sachlicher (statt emotionaler, „radikaler“) Sprache vorgetragen wird.
  • Längere, gut hergeleitete Argumentationen verfingen eher als Propagandaphrasen oder gut abgehangene Slogans.
  • Beiträge mit Links zu anderen Seiten oder mit vielen Zitaten und Quellenangaben waren ebenfalls überzeugender.

Etwas überraschender waren diese Befunde:

  • Eine „vorsichtige“ Sprache – also der Gebrauch von Einschüben wie „es könnte ja sein“ oder „vermutlich spricht Einiges für …“ – gilt zu Unrecht als Zeichen für Unsicherheit. Wer so argumentiert, überzeugt andere Menschen eher als jemand mit apodiktischer Sprache („Es steht doch völlig außer Frage, dass…“). Offenbar macht der Ton die Musik – niemand hört gerne auf eine(n) allzu selbstsichere(n) Klugscheißer(in).
  • In einem direkten Hin-und-Her-Austausch zweier Kontrahenten gilt ganz eindeutig: Wem es nach vier Runden nicht gelungen ist, den anderen zu überzeugen, der schafft es auch nach hundert Runden nicht mehr.
  • Eine hohe Zahl von „Herausforderern“ in einem Thread, die einen Diskutanten umstimmen wollen, spricht nicht für deren Erfolg. Nicht die Masse überzeugt …
  • Beispiele, Beispiele, Beispiele: Wer seine Argumentation mit Beispielen aus der Realität an reichert, überzeugt am ehesten. Anschaulichkeit ist manchmal besser als Logik. Ein Beispiel überzeugt mehr als tausend Worte.

Was lernt uns das? Zu einen: Es ist möglich, Andersdenkende zu erreichen, mit ihnen zivilisiert Argumente auszutauschen und sie vielleicht sogar zu überzeugen. Zweitens: Es ist wichtig, wie wir miteinander sprechen und streiten – die Sprache entscheidet, auch die „Technik“. Nichts ist verwerflich daran, an seiner Rhetorik zu feilen und ein paar Tricks zu lernen.

Natürlich hat die Studie der Cornell-Psychologen nur begrenzte Aussagekraft. Sie hat diskussionsbereite Menschen und ihre Argumente untersucht, Menschen, die offenbar auch einigen Spaß am Diskutieren und Streiten haben. Ob wir im Austausch mit völlig verstockten „Hassern“ und 110prozentigen Ideologen etwas mit den genannten Tipps erreichen könnten, falls wir überhaupt ins Gespräch kommen, bleibt offen. Ein sehr interessantes und wichtiges Forschungsgebiet für Psychologen tut sich da auf, meine ich.

Chenhao Tan u. a.: Winning Arguments: Interaction Dynamics and Persuasion Strategies in Good-faith Online Discussions. DOI: 10.1145/2872427.2883081

5 Responses to "Ich mein` ja nur …"

  • Fjord Springer
    30. Aug 2016 - 15:54 Reply

    Hallo Herr Ernst,

    was braucht jemand, oder besser, wie muss jemand sein, um die Fähigkeit zu besitzen seine Meinung zu ändern?
    Ich denke, die Grundlagen hierfür liegen schon in der Wahrnehmung von sich selbst, seiner Umwelt und den Mitmenschen. Nur selten begegne ich Menschen die gelernt haben, anderer Leute Werte, An- und Einsichten frei anzuerkennen, selbst wenn sie diese nicht verstehen oder nachvollziehen können. Nur wenige sind sich bewusst, dass sie mit irgendeiner ihrer Meinungen genau so falsch liegen könnten, wie sie es selbst so oft bei anderen zu erkennen glauben.
    Es scheint, als mache es heutzutage nichts mehr aus, die eigenen intellektuellen Grenzen nicht erkennen zu können. Das ist für mich einer der Hauptgründe, weshalb so viele Leute überall ihren Senf dazu geben, ohne dabei das passende Würstchen mitliefern zu können. Nur denke ich, dass das eher Fragen der Erziehung sind und nicht der Psychologie.

    Die Erkenntnis, dass längere, gut hergeleitete Argumentationen eher verfingen als Propagandaphrasen oder gut abgehangene Slogans überrascht mich auch nicht. Allerdings frage ich mich, weshalb dann so selten gut argumentiert wird? Vielleicht deshalb, weil es nur noch Menschen können, die sich auf dem einen oder anderen gehobenen Parkett bewegen oder in deren Ausbildung gelernt wird zu argumentieren, wie bspw. bei Wissenschaftlern (wobei auch das keine Garantie ist, dass sie argumentieren können und es auch ehrlich anwenden).

    Wohin man auch schaut, Populismus, Rechthaberei und Unverständnis in (fast) allen Diskussionen. Zuhören? Verlernt. Sich in den Anderen hineinversetzen? Abgewöhnt. Die gemeinsame Suche nach der besten Lösung steht zu oft den eigenen Interessen gegenüber. Die eigenen Interessen aber sind das Ideal im Zeitalter des großen Ich. Wen wunderts, wenn da am Ende das Wir verpöhnt ist und das Ihr vor allem nur dazu dient, Schuldige zu deklarieren.

    Wo kann denn der Ottonormal-Gesprächsteilnehmer heutzutage lernen, sauber und fair zu argumentieren? Gibt es Debattierklubs in Deutschland? Ich mutmaße, dass es nicht viele sind. Dabei denke ich, dass jede Schule einen haben sollte, am besten auf verschiedenen Niveaus.

    Das ist für mich die gute Nachricht; dass man es lernen kann. Andererseits denke ich, dass der politische Wille, so etwas einzurichten und zu fördern fehlt. Zu groß ist die Gefahr, dass Hinz und Kunz irgendwann mehr politische und andere Verantwortung übernehmen wollen und Mitsprache fordern könnten – mit einer sauberen und fairen Argumentation. Womit ich aber nicht gesagt haben möchte, dass „die Politik“ alleine Schuld an der Misere ist. Sie hat sicher ihren Teil dazu beigetragen und profitiert von den Zuständen. Am Ende aber ist es jedermanns eigene Verantwortung, wie er kommuniziert. Und das tut er genau so, wie seine Umwelt es von ihm erwartet und durchgehen lässt.

  • Liliana
    31. Aug 2016 - 20:36 Reply

    Herr Heiko Ernst gibt uns wie immer lebensnahe Einsichten und weiterführende Literatur zum besseren Leben! Sehr geschätzt!

  • Siegfried Diehl
    12. Sep 2016 - 13:35 Reply

    Das Thema wirft schon noch einige Fragen mehr auf…

    Warum wollen wir denn andere von unserer Meinung überzeugen und warum soll unsere eigene Meinung für andere Menschen besser sein?

    Was sind die Motive und Absichten desjenigen, der Meinungen von anderen ändern will?

    Was macht den der die Meinung des Anderen ändern will, so sicher das gerade seine Meinung die Bessere ist?

    Es ist immer Vorsicht geboten, bei Menschen die versuchen andere verändern zu wollen. Dazu gehört auch die Beeinflussung der Meinung und damit auch des Denkens. Dabei können auch „zivilisierte Argumente“ nur ein Denkmantel sein, unter dem sich nichts Gutes verbirgt. Eine Meinungsänderung ist auf jeden Fall nicht generell was positives!

    Es ist auch nicht so, dass nahezu alles von Meinungsänderungen im Leben anhängt! Warum diese Einschränkung? Es ist immer auch eine Frage der Situationen, den Ereignissen, den Lebensumständen in denen ein Mensch Meinungen ändert oder nicht. Beides ist eine mögliche Variante und kann sich gleichermaßen gut oder schlecht auswirken. Mal davon abgesehen, gibt es noch andere wichtige Faktoren, von denen im Leben etwas abhängt.

  • Adelheid Pöpping
    13. Okt 2016 - 1:30 Reply

    Haben wir wirklich eine eigene Meinung oder gehen wir bloß mit der Mehrheitsmeinung konform? Das ist sicherlich bequemer, denn wer (wo auch immer) seine Meinung offen äußert, wird es nicht leicht haben, weil auch u. a. noch so manche Unternehmenskultur einer Diktatur gleicht.Eigene Meinung bedeutet die Be- oder Verarbeitung von Erkenntnisinhalten; sie verlangt, eigene Entscheidungen zu treffen und zu ihnen zu stehen. Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg im Leben finden und selbst Erfahrungen sammeln. Mit Sicherheit wird man Fehler begehen und dann auch seine Meinung ändern müssen. Doch dies ist der einzige Weg, um seine Persönlichkeit zu stärken, neue EIGENE Erkenntnisse zu gewinnen und an den Herausforderungen zu wachsen.

  • Christiane F-N
    3. Dez 2017 - 2:25 Reply

    Ich mein ja nur … und mein das schon ein paar Jahrzehnte lang … Ihre Beiträge sind einfach klasse. Immer und immer wieder Bereicherung, Input, Anstacheln zum Weiterdenken. Danke!

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