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Ich habe keine Skrupel, von der Tagesschau auf einen Tierfilm umzuschalten

Wer zur Zeit meint, den Schreckensmeldungen der Tagesschau täglich folgen zu müssen, wird unweigerlich in ein Dilemma geraten. Welcher normal empfindende Mensch kann tatsächlich verkraften, was er da sieht und hört! Was da in unsere sichere „Gute Stube“ herein flimmert, kann keine mitfühlende Seele fassen, sie ist für den geballten Schrecken der Welt einfach nicht geschaffen, das Mitgefühl reicht gerade für das Leid einer Familie, allenfalls Gemeinde. Das Resultat heißt Ausblenden, im schlechten Fall Abstumpfung.

Aber das Dilemma bleibt. Früher konnte man zur Kirche damit. Von ihrem Angebot an Ritualen und den Worten des Pfarrers war mit Recht zu erwarten, dass der Schrecken eingeordnet werden würde. Aus der Kirche tretend konnte man getrost nach Hause gehen, man hatte auch andere gesehen, die erschüttert waren, die Klage war aufgenommen und dem Herrn zugerufen worden. So weit so gut, die Kirche wäre nach meinem Verständnis auch heute noch das geeignetste Gefäß für unser Leiden an der Welt, nur ist sie es eben nicht mehr, die meisten Rituale sind aus der Zeit gefallen.

In der Schweiz und in Österreich leben bereits mehr Atheisten und Agnostiker als Gläubige, in Deutschland wird es auch bald so weit sein. Was aber nun mit dem Bedürfnis nach Einordnung des Unerhörten der Hälfte der Bevölkerung?

Der Gang zu den Philosophen ist nicht geraten. Diese stellen, was ihr Beruf ist, noch mehr Fragen, helfen allenfalls, die Fragen richtig zu stellen. Kein Trost also – was da auch nicht behauptet wird.

Im weiten Feld der Esoterik werden Atheisten und Agnostiker nicht abgewiesen, im Gegenteil, sie werden freudig empfangen und mit schnellen Antworten geradezu zugedeckt – derart, dass ihnen schwindlig wird vor lauter Sinnangeboten und sie dann genauso ratlos dastehen, wie der ungläubige Sucher im mittelalterlichen Glaubensinventar der schrumpfenden Staatskirchen. Und der Trost ist beileibe nicht gratis. Also Fehlanzeige.

Bleibt noch die Psychologie, die der Religion am nächsten verwandte Sparte. Der Begriff „Ersatzreligion“ ist ja geläufig. Kein Zweifel hilft die Psychologie, pauschal gesagt, zu verarbeiten, was uns übermächtig anfällt, aus welchem Grund auch immer. Nur ist der Zugang zum Psychologen und Therapeuten – auch zu einer Gruppe – nicht gerade massentauglich. Es braucht einen erheblichen Leidensdruck, bis wir zum ersten Mal den Klingelknopf eines Psychologen drücken. Von den Honoraren, die sich nur wenige leisten können, wollen wir gar nicht reden. Auch ist der ganz normale Wahnsinn der Welt auch für Psychologen eine Nummer zu groß. Er ist nur in der Größenordnung des noch Hinzukommenden zu einem persönlichen Problem zu bewältigen. Was nun?

Wie zu erwarten war, sehen wir uns erst mal auf uns selber zurückgeworfen. Und nach meinem Verständnis sind wir da auch gar nicht schlecht aufgehoben, solange wir das schreckliche Bedrängen durch die Bilder Gesteinigter, Gekreuzigter, Massakrierter in den Medien nicht in uns hineinfressen, sondern mit andern teilen. Mittteilen kommt von Teilen, und geteiltes Leid ist halbes Leid. Gut nur, wer gerade Freunde um sich hat.

Zweifellos setzen die vorwiegend wahllos um sich schießenden Krieger im Dienste des Guten gezielt auf den einfallslos automatischen Mechanismus der Medien und auf unsere eingegebene Empfindlichkeit. Bad news are good news für Medien und Gotteskrieger. Und sie erreichen, was sie wollen: Quote und Kenntnisnahme. Ich habe deshalb keine Skrupel, von der Tagesschau auf einen Tierfilm umzuschalten. Ich will zwar zur Kenntnis nehmen, was in der Welt passiert, aber ich lasse mir von barer Macht besessenen Fanatikern nicht den Abend verderben. Um die Fackel der Menschenrechte hochhalten zu helfen, brauchen wir Kraft, und die sollte uns nicht abhanden kommen. Ein unnötig Leidender mehr hilft keinem aus seiner Klemme.

Vielleicht hilft am Ende auch eine Klärung der Begriffe Mitleid und Mitgefühl zur Verarbeitung von fremdem Leid, das uns als emphatische Wesen ja nicht gleichgültig lassen soll. Mit einem andern mitfühlen und mit einem andern leiden, sind zwei fundamental verschiedene Dinge. Mitgefühl respektiert den anderen als Leidenden und traut ihm zu, sein Leiden zu tragen. Ich sehe nicht gern, dass du leidest, aber du wirst die Wende schon schaffen und gestärkt daraus hervorgehen, du bist ein Vorbild für mich, ich bin stolz auf dich, wie du dein Leiden nimmst! Ich fühle mit dir, aber verstehe bitte, dass ich auch auf mein Wohlergehen achten muss, denn schließt einer aus Mitleid mit einem Blinden seine Augen, geraten zwei unter die nächsten Räder, es ist schon zu viel, dass du leidest – vielleicht verführt dich aber meine Lebensfreude dazu, dich etwas leichter zu fühlen, und falls du mich brauchst, bin ich für dich da, du hast ja meine Telefonnummer.

Was aber hilft Mitleiden, außer dass es Verkrampfung und negative Stimmungen in uns erzeugt? Denn kann man ehrlicherweise mitleiden? Von einem griechischen Philosophen ist der Spruch überliefert: Nur wer das gleiche Schicksal teilt, darf mit dem Trauernden trauern. Mitleid kommt von oben herab, und Herablassung kommt vor dem Fall. Man überlasse Mitleiden also denen, die das gleiche Schicksal teilen (Selbsthilfegruppen). Teilt man nicht des andern Schicksal, macht man sich bloß interessant mit seiner Mitleidsbehauptung. Denn wer kann schon behaupten, mit einem Gefolterten, einem chronischen Schmerzpatienten oder gar Sterbenden mitleiden zu können! Nach meinem Krankenbesuch bleibt der Freund im Spital zurück und ich zünde mir auf der Straße eine Zigarette an und gehe in die nächste Bar, um den Spitalgeschmack runterzuspülen. Und recht haben wir: Das Ziel des zurückgelassenen Freundes, der pralle Alltag mit all seinen Facetten und Widersprüchen, muss auch für ihn ein lohnendes Ziel bleiben.

2 Responses to "Ich habe keine Skrupel, von der Tagesschau auf einen Tierfilm umzuschalten"

  • ich3077
    7. Feb 2015 - 18:14 Reply

    … keine skrupel den tv nicht an zu machen.
    Wer glaubt informiert zu werden ist naiv.

    ….gesendet für einen Empfänger, was meint ihr wer das ist? Eben auch die über die berichtet wird…

    Mal ehrlich… es geht doch um Einschaltquoten. Oder ?

    Einfach abschalten.

    Ich machs!

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