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Hätte, hätte, Fahrradkette

Das gelebte und das ungelebte Leben 

Wie alles gekommen ist im Leben, und wie es auch ganz anders hätte kommen können, das ist eines der Themen, das Menschen beschäftigt, die in eine neue Lebensphase eintreten. So wie ich gerade – ich bin seit Januar 2015 in Rente. Bei jedem wichtigen Übergang ziehen wir üblicherweise Bilanz, blicken kritisch oder verklärend, zufrieden oder melancholisch auf das bis dahin gelebte Leben zurück. Das tun wir in fortgeschrittenem Alter umso mehr, als der Rest nicht mehr soo viel Neues bringen wird. Glauben wir jedenfalls.

Zeit für ein paar kontrafaktische Gedankenspiele also: Was wäre gewesen, wenn ich diese eine Stellenanzeige übersehen hätte, wenn ich stattdessen nach Gelsenkirchen oder nach New York gegangen wäre (auch wenn`s absurd klingt, beides waren mal Optionen), wenn ich meine Frau nicht zufällig (?) kennengelernt hätte? Was hat mich jeweils bewogen, mich so oder so zu entscheiden? Hatte ich überhaupt einen Plan, ein persönliches „Projekt“ – oder finde ich nur im Nachhinein, dass alles so kommen musste und es eine innere Logik, vielleicht sogar ein Schicksal gab?

Und dann die Frage aller Fragen: Habe ich etwas wirklich Wichtiges versäumt, versemmelt, vertan? Die Lebenslaufforschung sagt uns: Wir bereuen eher das, was wir an möglicherweise interessanten Dingen nicht getan haben als das, was wir an Falschem getan haben. Oder bin ich doch eher der „Non, je ne regrette rien“- Typ? Mal sehen …

Dass die Verwirklichungschancen für die meisten Träume und Ziele – sofern man welche hatte – mit jedem Lebensabschnitt abnehmen, ist schon lange vor dem Rentenalter logisch. Aber wann beginnt eigentlich heute jene mystische „Lebensmitte“, in der uns diese Tatsache erst so richtig und schmerzhaft bewusst wird? Die 60 sind ja die neuen 40, heißt es in den westlichen Rentner-Republiken. Noch 1973 sang Marianne Faithful die Ballade von Lucy Jordan, einer biederen Hausfrau, die im Reihenhäuschen ihre Träume Revue passieren lässt, nachdem der Mann zur Arbeit und die Kinder in die Schule gegangen sind: „At the age of thirty-seven she realized she`d never ride through Paris in a sports car, with the warm wind in her hair …“ *. Dieser Refrain erscheint heute etwas aus der Zeit gefallen. Paris bleibt immer eine Option, Cabrio oder nicht. Das Lied ist trotzdem noch sehr hörenswert.

Rückblick also: Warum alles so und nicht anders gekommen ist. Beim Ausräumen meines Büros fiel mir (zufällig?) ein Text in die Hand, den ich wohl für aufhebenswert, weil wichtig, bahnbrechend oder, wie man heute sagt: nachhaltig hielt, ein Artikel von Albert Bandura: Die Psychologie von Zufallsbegegnungen und Lebenswegen (American Psychologist, Juli 1982). Bandura ist einer der Großen in der immer noch jungen Wissenschaft Psychologie, von ihm stammt etwa das Konzept der „Selbstwirksamkeit“ – der Glaube daran, dass man etwas schaffen kann, sei meist noch wichtiger als die Fähigkeiten, die man für die Aufgabe mitbringt.

Die biografischen Beispiele, die Bandura für seine Überlegungen heranzieht, sind natürlich ziemlich angestaubt. Da gab es während der McCarthy-Ära eine Schauspielerin namens Nancy Davis, die aufgrund einer Namensverwechslung verdächtigt wurde, Kommunistin zu sein. So geriet ihr Fall an den Chef der amerikanischen Schauspielergewerkschaft, einen gewissen Ronald Reagan, der sie entlasten konnte – und den die dankbare Nancy dann heiratete.

Bandura kommt zu dem Schluss, dass uns Zufallsbegegnungen in eine völlig neue Richtung drehen können. Hmm. Aber die Psychologie könne nur etwas darüber sagen, wie sehr solche Begegnungen, wenn sie denn stattfinden, uns beeinflussen, den einen mehr, den anderen weniger. Hmmm. Das hinge unter anderem von den Prägungen durch Elternhaus, aber auch von Persönlichkeitseigenschaften wie Beharrlichkeit oder Beeinflussbarkeit ab. Der eine sei leichte Beute für Gurus oder Charismatiker. Den anderen könne nicht einmal der Traumpartner von seinen Lebensplänen abbringen. Nun ja.

Warum habe ich den Artikel überhaupt aufgehoben? Wohl deshalb, weil der Titel viel versprach und weil Bandura eine psychologische Kapazität ist. Und die können manchmal die größten Banalitäten sehr eindrucksvoll erklären. In manchen Lebensphasen ist man eben leicht zu beeindrucken. Heute gibt mir eine andere Betrachtungsweise biografischer Faktoren deutlich mehr: Der englische Psychoanalytiker Adam Phillips erklärt in seinem Buch Missing out, warum das nicht gelebte Leben für uns genau so wichtig ist wie das gelebte. Unsere Träume, Wünsche und Fantasien von anderen, aufregenderen, besseren Varianten unseres Daseins begleiten uns lebenslang. Sie sind sogar ein zentrales Merkmal der menschlichen Existenz. Nicht gelebte Varianten des Lebens gehören zu unserem seelischen Mobiliar, und wie in einen realen Sessel können wir uns auch in eine Lieblingsfantasie fallen lassen: Ahh, mein Haus am Strand, das ich nicht habe, verschiebe ich heute mal an eine etwas südlichere Küste …

Auch und gerade solche nicht verwirklichten Träume und Wünsche prägen und beeinflussen uns. Die Alternativ- und Parallelwelten, in die wir uns beamen, können vieles sein: eine Folie, vor der die Realität erst gewürdigt werden kann, eine Erinnerung an das, was uns einmal angetrieben hat, und ein Stück Selbsterkenntnis, das uns reifer macht. Es sei geradezu ein Zeichen von Weisheit und Gelassenheit, erklären uns die Altersforscher des Berliner Weisheitsprojektes, diese Fantasien fast so genießen zu können, als wären sie Wirklichkeit geworden. Irgendwie tröstlich. Vielen Dank dafür!

* Mit siebenundreißig wurde ihr klar, dass sie niemals in einem Cabrio durch Paris fahren würde, den warmen Wind in ihren Haaren …

 

 

2 Responses to "Hätte, hätte, Fahrradkette"

  • erich peischl
    1. Apr 2015 - 17:35 Reply

    ich bin der meinung das leben ist kürzer als „man“n,frau denkt und wenn ich die leidenschaft für etwas verspüre dann probiere ich die neuen richtung wie bandura sagt einmal aus um zu sehen wie weit ich komme

  • Christiane Frenster-Nakayama
    4. Mai 2015 - 1:59 Reply

    „Nicht gelebte Varianten des Lebens gehören zu unserem seelischen Mobiliar.“ Was für eine schöne Metapher! Es macht Spaß, sich vorzustellen, der extracoole Herr X hätte sein mentales Kämmerlein vielleicht in der Variante Eiche rustikal plus Plüschsessel eingerichtet, während die biedere Frau Y die Wände ihrer Innenwelten mit Peitschen behängt. Wie richten die Menschen sich ein, da, wo’s keiner sieht? Und die eigene Innenwelt? Wie viel Mobilar hätte man längst schon auf den Sperrmüll stellen sollen, weil es einem nun wirklich im Wege steht und welches gehört zur Kategorie „durchgesessener Lieblingssessel“, in den man sich immer wieder gern fallen lässt, auch wenn die Federn elendiglich quietschen? Welches Mobilar braucht man für ein gelingendes Leben und welches erdrückt einen? Wie viel hat man billig von irgendwem übernommen und welches selbst erworben? Welches war als Provisorium gedacht und ist geblieben? Ach, man sollte mal wieder seine mentalen Kataloge wälzen, vielleicht findet sich ja was Fantastisches …

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