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Habe ich was gegen Schwarze?

Seit Monaten treibt die US-amerikanische Öffentlichkeit ein Thema um: die Angriffe auf dunkelhäutige Bürger durch Polizisten. Immer wieder werden neue Fälle dokumentiert, bei denen Afro-Amerikaner von Polizeibeamten mit offenbar großer Gewalt angegangen oder sogar erschossen werden. Dazu kommen weitere Statistiken, die zu denken geben: So werden Schwarze und andere Minoritäten überproportional häufig angehalten, durchsucht, verwarnt, festgenommen und mit Handschellen abgeführt.

Im Zuge der intensiven öffentlichen Diskussion werden zahlreiche Gründe für die Missstände diskutiert. Auch sogenannte implizite Einstellungen und Vorurteile (implicit attitudes and stereotypes) werden erwähnt. Dies sind automatische und unbewusste Assoziationen, die jemand zwischen einer Gruppe von Menschen und Bewertungen (gut/schlecht, positiv/negativ) oder Attributen herstellt. Implizite Klischees wie „schwarze Männer sind gewalttätig“ können dazu beitragen, so die Argumentation, dass Polizisten bei ihnen schneller eine Waffe ziehen und abdrücken, als sie es bei hellhäutigen Bürgern machen würden, selbst wenn die Ordnungshüter keine expliziten Vorurteile hegen. In der Tat zeigten Laborexperimente, dass Versuchspersonen versehentlich eher auf einen dunkelhäutigen Verdächtigen als auf einen Weißen schossen, weil sie ein Handy oder eine Brieftasche in seiner Hand für eine Pistole hielten.

Implizite Einstellungen und Vorurteile mögen bei Polizisten besonders folgenschwer sein, aber, so versichern Forscher, sie sind in der gesamten Bevölkerung weit verbreitet. Da liegt eine Frage nicht weit: Wie sieht es mit meinen eigenen unbewussten Assoziationen zu Menschen mit dunkler Hautfarbe aus? Ich bin zwar nicht in den USA aufgewachsen, lebe aber nun schon zehn Jahre hier. Außerdem wird kaum jemand bestreiten, dass auch in der deutschen Gesellschaft Stereotype und Vorbehalte in Bezug auf Schwarze gepflegt werden. Inwieweit haben solche vorgefassten Meinungen auf mich abgefärbt? Ich halte mich nicht für bewusst rassistisch, doch was geht unbewusst in meinem Kopf vor, wenn mir am späten Abend auf der Straße ein afro-amerikanischer Mann begegnet oder ich im Bus eine Clique dunkelhäutiger Teenager sehe?

Es ist relativ leicht, etwas Licht in diese Fragen zu bringen. Das Project Implicit, eine von führenden Forschern ins Leben gerufene Initiative, bietet im Internet den sogenannten Implicit Association Test kostenlos an. Der IAT ist eine weit verbreitete, wenn auch nicht ganz unumstrittene Methode, die Stärke von impliziten Assoziationen zu messen. Auf der Website des Projekts findet man nicht nur Tests im Hinblick auf die Hautfarbe, sondern auch zu Geschlecht, Alter oder Körperbehinderung; zudem gibt es spezifische Tests für verschiedene Länder (etwa der Wessi-Ossi-IAT).

Ich wähle auf der deutschen Seite den Test zu heller und dunkler Hautfarbe. Die Kernaufgabe besteht darin, möglichst schnell hell- und dunkelhäutige Gesichter sowie positive und negative Wörter (zum Beispiel Frieden, schrecklich) mittels Tastendruck zu kategorisieren. In der ersten Runde ist die Taste E zu drücken, wenn weiße Gesichter oder positive Wörter auftauchen; die Taste I ist schwarzen Gesichtern und negativen Wörtern zugeordnet. In der zweiten Runde: E für schwarz oder positiv; I für weiß oder negativ.

Ich merke recht schnell, dass mir die Aufgabe irgendwie leichter fällt, wenn sich hellhäutige Gesichter und positive Wörter sowie dunkelhäutige Gesichter und negative Wörter eine Taste teilen als bei der umgekehrten Zuordnung. Das Ergebnis bestätigt meinen Eindruck: „Ihre Daten lassen vermuten: mittlere automatische Bevorzugung von Weißen gegenüber Schwarzen.“ Ich assoziiere dunkelhäutige Menschen offenbar unbewusst mit negativen Begriffen. Angenehm ist diese Erkenntnis nicht; wer hört schon gerne, dass er bestimmte Menschen aufgrund der Hautfarbe vorzieht. Ich finde es nur mittelmäßig tröstlich, dass es den meisten Testteilnehmern wie mir ergeht. 54 Prozent zeigten eine starke oder mittlere automatische Präferenz gegenüber Weißen, klärt mich eine Statistik auf. 16 Prozent zogen Weiße leicht vor. Nur 17 Prozent waren nahezu neutral. Die restlichen 12 Prozent bevorzugten dunkelhäutige Menschen.

„Was kann ich tun, wenn sich bei mir eine automatische Präferenz zeigt, die ich lieber nicht hätte?“ Die Frage & Antwort–Seite hält ein paar konkrete Tipps bereit. Man kann versuchen, sich der automatischen Präferenz stets bewusst zu bleiben, um so zu verhindern, dass diese ungewollt Entscheidungen und Beurteilungen beeinflusst. Noch weitreichender: Erfahrungen suchen, die die automatische Assoziation auflösen oder umkehren, sich beispielsweise mit Material beschäftigen, dass der impliziten Präferenz widerspricht oder positive Erfahrungen mit der betreffenden Personengruppe sammeln. So gingen in Studien implizite Einstellungen zurück, nachdem Probanden sich Fotos von afro-amerikanischen Ikonen wie Martin Luther King sowie von berühmten hellhäutigen Bösewichten angesehen hatten. In anderen wirkungsvollen Experimenten stellten sich Teilnehmer vor, bei einem Völkerballspiel beziehungsweise in einer bedrohlichen Situation seien alle ihre Kameraden dunkelhäutig und die Gegner Weiße.

Ganz ausgeliefert ist man unbewussten Einstellungen also nicht. Das hat man offenbar auch bei der US-amerikanischen Polizei verstanden. Mittlerweile wurden vielerorts Implicit Bias Trainings anberaumt, wie es eine von Präsident Obama einberufene Task Force empfohlen hat. In Los Angeles, Baltimore, New Orleans, Seattle und vielen anderen Städten lernen Polizeibeamte, wie implizite Einstellungen ihr Verhalten beeinflussen und was sich dagegen tun lässt. Ob allein damit das Problem von Polizeigewalt gegenüber afro-amerikanischen Bürgern zu lösen ist, dürfte zu bezweifeln sein – aber es ist zumindest ein Anfang.

Der Test auf projectimplicit.net dauert übrigens kaum 15 Minuten. Die Wirkung meiner unbewussten Vorurteile so plastisch zu erleben, war sehr eindrucksvoll – und ich kann nur jedem raten, es selbst mal auszuprobieren.

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