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Glaube Liebe Bargeld

Wo bekommen Sie Kolibakterien, Grippe, Salmonellen, Akne, Lungenentzündung und ein Magengeschwür gleichzeitig? Im Wartezimmer Ihres Hausarztes? Nein. Auf einem einzigen Zehn-Euro-Schein. Geldscheine sind Virenschleudern. Jeden Tag warte ich auf die Schlagzeile „Frau stirbt nach Barzahlung bei Edeka!“ Dann wäre es wirklich Zeit, das Bargeld abzuschaffen. Vorher können wir gelassen bleiben.

Es gilt die Faustregel: Je konkreter die Welt, desto ehrlicher handeln wir. Dazu gab es ein spannendes Experiment in Großbritannien: In der Büroküche konnten sich Mitarbeiter Tee oder Kaffee holen. Um zu zahlen, warfen sie jahrelang Münzen in eine Vertrauenskasse. Daneben lag eine Liste mit Preisvorschlägen. Eines Tages hing ein Poster über der Preisliste, auf dem im Wochenwechsel entweder Blumen oder Augen zu sehen waren, die den Betrachter direkt anschauten. In den Augenwochen zahlten die Mitarbeiter fast das Dreifache von dem, was sie in den Blumenwochen zahlten. Eine rein symbolische Mahnung daran, dass sie unter Beobachtung standen, ließ die Mitarbeiter angemessener entscheiden und großzügiger zahlen.

Wohin dagegen die Abstraktion des Geldes führen kann, wenn sie auf einen größenwahnsinnigen Suchtpatienten trifft, zeigte Uli Hoeneß: Kurz nach seiner Festnahme gab Hoeneß ein langes Interview, in dem er zugab, jahrelang Tag und Nacht mit Summen gehandelt zu haben, die für ihn heute kaum nachvollziehbar seien. „Das war der Kick, das pure Adrenalin.“ Auch den Betrag auf seinem Zockerkonto kannte Hoeneß nicht. Er habe da nie draufgeschaut, „dieses Geld war für mich virtuelles Geld.“ Er habe „vergessen, dass es sich um Geld handelte. Ich war in eine Spirale geraten, … die immer weiter nach oben führte.“ Man verliere in diesem Job das Gefühl für Summen.

An dieser Stelle habe ich Sie verarscht, liebe Leserinnen und Leser. Der letzte Satz war nämlich gar nicht von Hoeneß, er ist von einem Banker, dem französischen Trader Jerome Kerviel, der die französische Bank Societé Générale vor einiger Zeit mal eben mit einem Klick um mehrere Milliarden erleichterte. Dafür musste er fünf Jahre hinter Gitter, zwei davon auf Bewährung. Außerdem hatte er einen Schadensersatz von 4,9 Milliarden Euro zu zahlen. Sein Gehalt als Zocker lag bei 2.300 Euro im Monat. Das bedeutet, er muss noch 177.000 Jahre arbeiten, um den Schadensersatz zurückzuzahlen. Da muss auch ein junger Fußballer lange für kicken.

In verschiedenen Untersuchungen konnten Psychologen zeigen, dass der Umgang mit hohen Geldsummen tatsächlich den Testosteronwert steigen lässt. Darum sind die meisten Puffs in Bankenvierteln. Geld haben heißt Sex haben mit Nullen – zum Zwecke der Zeugung von Zinsen. Wenn die Hormone tanzen, ist alle Vernunft in der Hose: Gerade Männer entscheiden hormonell aufgeladen und sexuell erregt anders. Unter dem Einfluss erotischer Bilder neigen sie doppelt so stark zu Lügen wie „Du bist die Frau meines Lebens“, obwohl sie diese nur ins Bett kriegen wollen. Wenn wir schon beim Anblick von Playboy-Bildchen ins Wanken geraten, wie sollen wir dann jemals Big Player werden? Noch bevor wir das Parkett betreten haben, liegen wir schon auf der Nase.

In den Tagen vor seiner letzten, fatalen Investition, habe er nicht mehr geschlafen und nichts mehr gegessen, sagte der Uli Hoeneß unter den Bankern, Kerviel. Sein Leben entsprach dem eines Benediktinermönchs in der vollkommenen Versenkung. In dieser Sphäre zeigt sich die neue Religion: Es ist das Geld. Und alle, die mit ihm in Berührung kommen, sollen es mehren – koste es, was es wolle.

Geld basiert schließlich auf dem Glauben an Geld. „Nur wenn alle glauben, dass Geld beglaubigungswürdig ist, funktioniert Geld“, schreibt der Mannheimer Germanist Jochen Hörisch in seinem Buch Bedeutsamkeit. Wenn das Individuum der letzte Gott ist, dann ist das Geld seine Religion, BWL ist die Theologie des 21. Jahrhunderts und die Finanzverwaltung liest die Messe. Wie in der christlichen Religion ist auch in der Finanzwelt der Zweifel Sünde.

Wenn wir an Geld glauben müssen, damit es funktioniert, dann bedeutet das auch, dass immer wieder Menschen dran glauben müssen, um Geld am Leben zu erhalten. Nach dem Ende des Kalten Krieges entschieden sich viele Physiker und Mathematiker, ihren Wirkungskreis zu verändern: Sie wollten ihre Fähigkeiten nicht mehr in der Kriegstechnologie, sondern auf dem Finanzmarkt einsetzen und wechselten in hoher Zahl vom Waffen ins Finanzgeschäft. Zusammen mit Investmentbankern und Hedgefonds schufen sie neue Massenvernichtungswaffen. Die Fronten wechseln – die Waffen bleiben.

Als nach der letzten Finanzkrise 2008 in den USA sechs Millionen Arbeitsplätze dran glauben mussten, war der einzige Sektor, der davon profitierte, die US-Armee. Hunderttausende Freiwillige meldeten sich, obwohl sie wussten, dass sie in den Krieg ziehen mussten. Und das Pentagon konnte zum ersten Mal wieder das Rekrutierungssoll erfüllen.

Bargeld ist natürlich nicht die Lösung all dieser Probleme, aber ein kleiner Beitrag zur Ehrlichkeit ist es schon. Welches 18-jährige Mädel klaut jeden Tag bergeweise Klamotten bei H&M? Und wie viele bestellen bei Zalando Klamotten, tragen sie 90 Tage lang, um sie dann pünktlich zum Ende der Umtauschfrist zurückzuschicken? Um einen solchen Schaden mit klassischem Diebstahl anzurichten, müsste man täglich zwei Einkaufszonen leerräumen.

All die Computernerds, die in dunklen Kellerwohnungen irgendwelche Trojaner basteln, mit denen sie dann Online-Banking-Passwörter knacken, würden wohl kaum eine Bank überfallen, um ein paar Konten zu plündern. Die scheitern in ihrer Kellerweltfremdheit schon daran, einen Damenstrumpf richtig über den Kopf zu ziehen.

One Response to "Glaube Liebe Bargeld"

  • Katharina Lamprecht
    27. Okt 2015 - 16:18 Reply

    Wundervolle Beleuchtung des Themas mal von einem anderen Blickwinkel, vielen Dank H. Schroeder.

    Falls Sie Spass daran haben, schauen Sie mal auf meinen Blog zeilenglück.de, in den Artikeln „Ungeahnte Chancen der negativ-zinspolitik“ und “ alles nur eine Verschwörungstheorie“ habe ich mich auch zum Thema ausgelassen … meine Kompetenz mag ja fraglich sein, aber es ist höchst unterhaltsam ☺

    Kollegiale und fröhliche Grüsse
    Katharina Lamprecht

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