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Gläserner Bürger – gläserne Seele?

Der ehemalige Microsoft-Chef Brad Smith muss ein sehr integrer Mann sein. Als er gefragt wurde, ob das Gesichtserkennungsprogramm, an dem sein Konzern arbeite, nicht mit dem Recht jeden Bürgers auf Datenschutz kollidiere, also ein Politiker beispielsweise nicht auch das Recht habe, ein zweifelhaftes Lokal zu besuchen, ohne vom Handy eines Boulevardjournalisten mit allen Konsequenzen geortet und fotografiert zu werden, antwortete er vor Jahren schon: „Man geht eben auch nicht an solche Orte …“

Wenn die digitale Erreichbarkeit allmählich ungefragt unsere kulturell gewachsenen moralischen Instanzen zu ersetzen beginnt, dann hat das schon vor Jahren angefangen.

Heute weiß ich, dass die Datenerfasser der Geheimdienste alles über mich erfahren können, wenn sie es nur wollen. Amazon kennt meine geheimsten Wünsche und Präferenzen; was früher nur der Pfarrer im Beichtstuhl erfuhr, kann heute jeder beliebige Hacker, ein Sandwich in der Hand, in seiner Garage abrufen.

Eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte wird zweifellos die digitale Erreichbarkeit sein, der „gläserne Bürger“: ständig gefilmt, ständig online, ständig ortbar. Es ist an der Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, welche Konsequenzen das mit der Zeit für unser psychisches Wohl haben wird, jeglichen Geheimnisses beraubt, aufeinander losgelassen zu werden.

Damals sammelten sie nur Worte, die Schnüffler, wie die DDR-Agenten vormals mit ihren klobigen Kopfhörern auf ungeheizten Estrichen, die „das Leben der andern“ aushorchten, um es mit zwei Durchschlägen in die parteieigene Schreibmaschine zu tippen. Damals wollten die Oberen, dass keiner den Pfad der sozialistischen Tugend ungestraft verlasse. Man sammelte sogar Duftnoten von Sesseln in Gläsern, damit bei Bedarf jeder Schäferhund den Abweichler auf Anhieb erkennen konnte. Man ging von einer Moral aus und setzte Technik ein, um sie durchzusetzen. Die IT-Buben in ihren Garagen dagegen dachten nicht im entferntesten an Moral, als sie ihre ersten Programme entwickelten, die Technik selbst brachte, was heute als Überzeugung gehandelt wird: nicht weniger als die totale Ehrlichkeit zum Besten aller und des Planeten.

Zugegeben hat die Vorstellung, dass die systemimmanenten Aufdeckungsmechanismen der digitalen Welt jede Form von Korruption, Umweltfrevel, politischen Schwindels und kriminellen Absichten jedem beliebigen User offen zutage legen, etwas Bestechendes. Gläserne Welt = bessere Welt. Was die Religionen bis dato nicht schafften, schafft IT ungefragt, neutral und effizient. Denn auch die Schnüffler werden gläsern, mit dem gläsernen Bösen kommt das Gute endlich zu seinem Recht. Die Handschellen klicken endlich vor, nicht erst nach der Tat.

So tatsächlich die Meinung der heutigen „Datendiebe“ großen Stils, die anderen Datendieben Daten zurückstehlen und die für die meisten keine Verbrecher, sondern Helden sind, Robin Hoods, die sich heute noch auf Toiletten von Botschaften verstecken müssen, aber von den künftigen Generationen auf den göttlichen Thron der Wahrheit gehoben werden.

Weniger hört man jedoch davon, was die Tatsache, dass wir schon heute „gläsern“ sind – auch wenn wir es erst in Ansätzen merken – langfristig mit unserer psychischen Verfassung anstellen wird. Wie wird es dem vollends jeden Geheimnisses entrissenen Menschen von morgen gehen, in einem Staat, der selber gläsern ist? Wie lebt, liebt und leidet es sich somit in einer durch und durch gläsernen Welt?

Gemütlich hört sich dieses „gläsern“ schon mal nicht an. Zuviel Glas macht frösteln. Sicher ist, das war noch nie da in der Geschichte der Menschheit. Noch nicht lange her, so konnte sich einer mit dem schnelleren Pferd, mit dem schnelleren Schiff jedem Zugriff entziehen und mit seinem Geheimnis oder seinen Vorlieben anderswo ein neues Leben beginnen.

Eben, wie muss man sich unsere Befindlichkeit vorstellen, in zehn oder zwanzig Jahren, wenn all die Kontrollmechanismen spürbar in eines jeden Alltag eingreifen? Wenn bei der harmlosesten Polizeikontrolle ein Profil auf dem Screen des Beamten erscheint, das selbst über das hinausgeht, das wir selber zu kennen meinen? Wenn jeder potentielle Partner und Freund schon vor dem ersten Date oder über seine Datenbrille zeitgleich mehr über mich zu kennen meint, als ich mir selber zumute einzugestehen? Ist die psychologische Beratung, die Forensik darauf vorbereitet, uns ohne schützende Aura des „Es, ich könnte auch anders sein“ auf der Couch wiederzufinden?

Hat nicht jeder ein Recht, mit einem gewissen Maß an Lebenslügen, Drogen und Glaubensinhalten zu versuchen, dieses gar nicht einfache Leben zu bestehen? Wie viele leiden schon daran oder sind daran zerbrochen, dass das Internet nie mehr vergisst? Und wie sollen wir wachsen und reifen in einer Welt, die uns vor jedem Hindernis, jeder heilsamen Lektion warnt? Was, wenn der „Generation Navi“ der Strom ausgeht?

Wir werden ja sehen. Über Eines bin ich mir jedoch ziemlich sicher: jenes gläserne Profil, das bald jeder von mir abrufen kann, allen datenschützerischen Beteuerungen zum trotz, wird und kann nichts mit mir zu tun haben, auch wenn die gesammelten Daten faktisch stimmen mögen. Aus dem einfachen Grund, weil die Summe aller Teile noch nie ein Ganzes ergeben hat, noch jemals wird.

Das wird Ermittler, Personalchefs, Karriereplaner wenig kümmern. Was da in Wort, Bild und Ton abrufbar sein wird, muss der Gemeinte sein.

Wenn unsere Gesellschaft in manchen Belangen nicht schon heute eine „schizophrene“ ist, wird sie es so noch vollends werden.
Es sei den, wir werfen schon jetzt Sand ins Getriebe.

Vorschläge erwünscht!

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