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Gedanken zur Aufregung um den Shitstorm 

Zuerst zwei Erläuterungen der Wortbedeutung, dann ein Übersetzungsvorschlag. Die nordamerikanische Vokabel des shitstorm definiert das Oxford English Dictionary als „ein frenetisches oder desaströses Ereignis“, als „Aufruhr, Verwirrung, Durcheinander und Tumult“ (commotion, tumult). In seinem Beitrag Wir leben im digitalen Mittelalter (F.A.Z. vom 17.7.2015, S. 15) schrieb Dieter Nuhr über die Reaktionen auf seinen Beitrag bei facebook und twitter (er hatte das griechische Referendum mit einer Abstimmung in seiner Familie verglichen, Kreditschulden nicht mehr zu begleichen): „ Für den digital Unbedarften sei erklärt, ein Shitstorm ist ein Massenauflauf, der zum Ziel hat, den Andersmeinenden durch massenhaften Bewurf mit verbalen Exkrementen mundtot zu machen.“

Begriffe und Metaphern sind offen oder eng, geben eine Perspektive und eine Wahrnehmung vor, legen eine Realitätssicht fest, positionieren die Sprecherin oder den Sprecher in einen Bedeutungskontext und haben ein bestimmtes affektives Unterfutter. Vergleicht man beide Definitionen, fällt auf: Dieter Nuhr positioniert sich als das Opfer einer vernichtenden Verfolgung (mundtot machen). Die Autoren des englischen Lexikons tun das nicht, sondern deuten eine aus den Fugen geratene Situation und eine entdifferenzierte Verfassung der Beteiligten an. Der Unterschied der beiden Definitionen markiert den unterschiedlichen angelsächsischen und bundesdeutschen Sprachgebrauch. Für die Nordamerikaner beschreibt ein shitstorm – die Metapher ist seit 1948 registriert – die mehr als missliche Lage von Menschen, die salopp gesagt mächtig in der Patsche stecken und denen die Fetzen ihres Lebens um die Ohren fliegen, zum Beispiel in einer Kriegssituation oder in einer öffentlichen Exposition im Kontext eines Skandals. Bei uns gilt dieser Existenzsturm ausschließlich als ein Internet-Ereignis mit der passiven, überraschten Position dessen, der mit seinem veröffentlichten Verhalten die Kritik, den Unmut und die Empörung in einem Internetforum unbeabsichtigt auf sich zog und dort massiv beschämt und existenziell beschädigt wurde.

Damit reduziert unser Sprachgebrauch die Komplexität der Wirklichkeiten, die mit der Vokabel shitstorm verdichtet werden. Kontexte, Anlass oder Auslöser der heftigen Reaktionen, Qualität und Affektivität der Beiträge bleiben unberücksichtigt. Zwei Beispiele:

Am 20.1.2014 moderierte Markus Lanz im ZDF ein Gespräch mit fünf Beteiligten; die einzige Frau in der Runde war die Politikerin Sahra Wagenknecht. 25 Minuten lang bedrängte sie Markus Lanz, um sie zu einer Zustimmung oder Ablehnung zur EU zu bewegen. Er ließ sich dabei von Hans-Ulrich Jörges unterstützen, der Sahra Wagenknecht den „Stuss“ um die Ohren schlug, den sie verbreiten würde. Die anderen drei Gesprächsgäste kamen nicht oder meldeten sich nicht zu Wort. Eine solche Szene hatte ich im gebührenfinanzierten Fernsehen noch nie gesehen. Die Empörung war in den Internetforen enorm; die Entlassung des Moderators wurde gefordert.

Zweites Beispiel: Am 16.7.2015 kam die Bundeskanzlerin zu einer Gruppe von 29 Schülern in eine Rostocker Schule. Ein 14-jähriges palästinensisches Mädchen sprach über ihre Wünsche, die Lebenssituation ihre Familie und ihre Not der drohenden Abschiebung und begann sie zu weinen. Die Bundeskanzlerin versuchte, sie mit dem Hinweis auf die Anomalität ihrer Situation und auf die Schwierigkeit, angemessene Lösungen zu finden, zu trösten. „Die streichelnde Kanzlerin landet im Shitstorm“, war der Titel des Beitrags von Michael Hanfeld, der am 17.7.15 in der FAZ schrieb: „Angela Merkel bringt ein Flüchtlingsmädchen zum Weinen, und bei Twitter rastet das Internet aus.“

Eine Gesprächsrunde im Fernsehen, eine im Fernsehen ausgestrahlte Begegnung der Rostocker Schülerinnen und Schülern mit unserer Bundeskanzlerin: Beide Ereignisse waren für die Öffentlichkeit inszenierte, mehr oder weniger verabredete Situationen. Der Fernsehmoderator verletzte die Erwartung taktvoller Gesprächsleitung. Die Bundeskanzlerin saß dem rührseligen Ritual von Fragen und Antworten auf – die Erwartung und das heimliche Versprechen, dass die Bundeskanzlerin sich Zeit nimmt und zuhört und in diesem besonderen Moment etwas Besonderes tut, mussten enttäuscht werden. Warum reagierten die Beobachter und die Beobachterinnen so heftig? Man darf die Bedeutung der Kontexte öffentlicher Wahrnehmung nicht unterschätzen. Wir unterhalten unterschiedlich intensive, fantasierte Beziehungen zu den öffentlichen Akteuren. Fantasierte Beziehungen sind prekäre Beziehungen; sie unterliegen einem schnellen Verschleiß und bedürfen der regelmäßigen Bestätigung; sie sind hochambivalent und schwanken zwischen Idolisierung, Idealisierung und Entwertung. Die Rückseite der Verehrung ist der Neid. Enttäuschungen drehen gewissermaßen das Blatt.

Mit dem Internet und seinen Foren existiert eine Vielzahl von Möglichkeiten des Austauschs und der Artikulation der Beziehungsbewegungen. Die beiden Beispiele – des taktlosen Moderators und der sachlichen Kanzlerin – lassen den Wunsch oder den Impuls erkennen, die beiden Protagonistinnen der jeweiligen Fernsehinszenierungen zu retten und zu schützen. Man muss diese Bewegung im Kontext der tiefen gegenwärtigen Unsicherheit, der Angst vor der Exklusion und der Beschämung sehen sowie im Kontext der von den elektronischen Medien geförderten und ausgebeuteten, riesigen Erwartungen an die öffentlichen Akteure, die natürlich auf die eine oder andere Weise (wir wissen es nicht genau) auch Vorbilder sind für eigene Lebenshoffnungen und Lebensentwürfe.

Das Internet lebt von seinem demokratischen Versprechen der Teilhabe an den relevanten Kommunikationen und an relevantem Austausch. Demokratische Bewegungen und Prozesse kommen ohne einen institutionalisierten Rahmen nicht aus. Die Foren des Internet haben, wenn in ihnen ein intimer, sehr persönlicher und sehr affektiver Austausch geführt sind, den Charakter unübersehbarer Gruppensitzungen ohne einen Leiter und ohne einen Rahmen – mit Beiträgen, die ein hohes kommunikatives Tempo haben. Sie dienen der Teilhabe und der Selbstvergewisserung der eigenen Position in einem gemeinsam geteilten, aber diffusen psychosozialen Gefüge. Je schneller die Beiträge kommuniziert werden, umso größer wird die Gefahr der Entdifferenzierung zivilisierter, taktvoller Umgangsformen. Um institutionalisierte Rahmenbedingungen wird man wohl nicht herum kommen. Unsere Gesetze sind eindeutig; die Würde des Menschen, ist, wie unser Grundgesetz besagt, unantastbar. Dazu gehört auch der Schutz vor systematischer Beschämung und Kränkung. Wie immer, wenn etwas neu ist, werden zuerst die Grenzen erprobt. Dass sich zur Zeit ein Konsensus gegen das Internet verbreitet, sollte uns nicht davon abhalten, auch einen Konsensus für das Internet und seine Chance der Kommunikation und des Austauschs zu entwickeln.

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