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Gedanken zu Richard Linklaters Boyhood

Als neulich in Los Angeles die Oscars verliehen wurden, war auch Boyhood unter den ausgezeichneten Filmen. Verdient. Ich habe ihn dreimal gesehen, einmal im Kino, zweimal zu Hause, und er hat mich jedes Mal wieder gefangengenommen. Schon das Wort, das der Regisseur und Drehbuchautor Richard Linklater für den Titel wählte, ist zumindest für uns Deutsche ungewöhnlich. Boyhood ist nicht so einfach zu übersetzen – weshalb der deutsche Filmverleih die englische Vokabel vermutlich beibehalten hat: Das Wort bedeutet Kindheit, Jugend in der Perspektive der männlichen Entwicklung; anders als in unserer Sprache kennt das Englische auch die girlhood. Richard Linklater erzählt in Boyhood den Prozess des Aufwachsens von Mason Evans junior (Ellar Coltrane) im Alter von sechs bis 18 Jahren – mit einem enorm präzisen Blick für den familiären Kontext der Familie Evans. Als der Film beginnt, sind die Eltern Olivia (Patricia Arquette) und Mason senior (Ethan Hawke) bereits geschieden, Olivia ist die alleinerziehende Mutter, der Vater nimmt die Kinder an den Wochenenden zu sich, Samantha (Lorelei Linklater) ist die in etwa zwei Jahre ältere Schwester des jungen Protagonisten.

Der Film ist aus mehreren Gründen ungewöhnlich. Das Thema, könnte man sagen, ist eine alte Geschichte. Aber Linklaters Gestaltung der Erzählung ist einmalig. Der Entwicklungsprozess der vier Protagonisten über zwölf Jahre entspricht dem gleichzeitigen Alterungsprozess der vier Schauspieler. Im Sommer 2002 nahm Linklater die Dreharbeiten auf, im Herbst 2013 schloss er sie ab. Einmal im Jahr packte er die Kino-Apparaturen aus und drehte für ein paar Tage. Er ging das Risiko eines Projekts mit ungewissem Ausgang ein – beinahe eher ein Forschungsexperiment als eine Kinoarbeit. Das galt besonders für den jungen Ellar Coltrane – weshalb Richard Linklater die Rolle der Schwester mit seiner Tochter besetzte, die ihm dann, obgleich sie solche Impulse und Konflikte hatte, nicht so leicht abspringen konnte. Der Vorzug und der Reichtum dieses Vorgehens resultieren aus den zwölf Jahren der Beschäftigung mit der filmischen Erzählung, die von Jahr zu Jahr präzisiert wurde durch die Lebenserfahrungen von Richard Linklater und seinen Akteure in dieser Zeit – sie waren alle an der Arbeit am Drehbuch beteiligt.

Richard Linklater ist ein Künstler der dokumentarisch wirkenden Inszenierung von Gesprächen und deren Interaktionen. In langen, schwierigen und komplizierten Einstellungen gedreht, wirken sie natürlich und frisch – ich erkannte mich sofort wieder; ich ging mit; ich blieb bis ans Ende des fast dreistündigen Films hellwach, verlor mein Zeitgefühl und fühlte mich den Protagonisten verbunden wie ein entfernter (nicht einheimischer) Verwandter. Boyhood ist in Texas lokalisiert, wo Richard Linklater herstammt. Der Film spielt nacheinander (in der Chronologie der Erzählung) in Houston, San Marcos und Austin. Olivia zieht mit ihren Kindern mehrmals um, die Häuser werden größer und komfortabler; am Ende, nach zwei weiteren Scheidungen und als Samantha und Mason zu studieren beginnen, bezieht sie wieder eine neue Wohnung. Samantha und Mason rebellieren und protestieren im Verlauf der Filmerzählung gegen den Lebensrhythmus ihrer Mutter und damit auch gegen den ihres Vaters mit den wechselnden, konfliktreichen Lebensumwelten und heftigen Auseinandersetzungen. Sie widersprechen, vor allem Samantha konfrontiert ihre Mutter regelmäßig, Mason ist der skeptische, nachdenkliche Sohn. Doch sie bleiben solidarisch, gehen ihre Wege durch die verschiedenen Schulen, finden ihre Freundeskreise und gewinnen ihre Statur und ihren (vorläufigen) Platz als kritische, skeptische Heranwachsende.

Während Olivia neben ihrer Berufstätigkeit das Studium der Psychologie aufnimmt und sich eine Dozentur erarbeitet, heiratet Mason senior, wird Vater einer Tochter, wechselt seine Berufsfelder und bleibt seiner großen Leidenschaft der Country-Musik treu, ohne so erfolgreich zu werden, wie er es sich gewünscht hatte. Beide Elternteile ziehen ihre unterschiedlich realistischen Lebensbilanzen. In der letzten halben Stunde des Films verfolgen wir Mason, wie er sein erstes (erwachsenes) Zutrauen entwickelt zu seiner Freundin Sheena (Zoe Graham), sich in sie verliebt und sich trennt, als ihre Gemeinsamkeiten sich als nicht tragfähig erweisen. Bei seinen ersten Begegnungen auf dem College nähert er sich Nicole (Jessi Mechler) an – wie ihre Beziehung sich entwickeln wird, beantwortet der Film nicht. Er endet mit dem Gespräch der beiden über die Chance, das eigene Leben gestalten zu können. Richard Linklater lässt seine Kinoerzählung offen: Fragen bleiben, die Zukunft ist ungewiss – er entlässt sein Publikum bereichert, vielleicht beglückt (so ist es mir beim dritten Mal ergangen), aber nicht belehrt. Wir haben – vielleicht – etwas über fremdes, nordamerikanisches und über unser eigenes Leben erfahren.

Boyhood ist ein Film vieler Facetten. Richard Linklater beschreibt den texanischen Alltag. In der Grundschule beginnt der Unterricht jeden Morgen mit dem pledge of allegiance, dem von der Lehrerin und den Schülerinnen und Schülern gesprochenen Eid auf die Flagge der Vereinigten Staaten und des Staates Texas. Die Beziehungen im Schulalltag sind untereinander freundlich, selten feindselig. Texas ist ein riesiges Land – in dem man zu vereinsamen droht. Es ist nicht einfach, zusammenzukommen und sich anzunähern. Eine Fremdheit bleibt, eine Ernüchterung durch die Einsamkeit. Boyhood ist aber auch und vor allem ein Film über Elternschaft – über die Bedeutung der elterlichen Vorbilder und der Beziehungen, die sie ermöglichen. Olivia und Mason sind typische Eltern: überlastet mit ihrer Lebensrealität, in der ihre Lebenswünsche nicht richtig Platz finden, hilflos, sprachlos, integer in ihrer Anstrengung, ihren Lebensverhältnissen hinterherzuhetzen, manchmal erschöpft, aber immer auf der Seite ihrer Kinder. Olivia ist die selbstkritische Mutter, die aus ihrer Not keinen Hehl macht. Mason senior ist der Vater, der häufig der Sohn gegenüber seinen Kindern bleibt und manchmal vor ihnen ausweicht.

Die stieffamiliären Lebensverhältnisse sind eine Qual. Olivias Eheversprechen waren Notentscheidungen. Ihre Kinder werden früh ernüchtert über die leiblichen und die Stiefelternteile. So werden sie zu erstaunten, kritischen und reservierten Beobachtern der Erwachsenen. In der zweiten Hälfte des Films macht Mason die Erfahrung, dass sein Vater, der ihm seiner Erinnerung nach zu seinem 16. Geburtstag seinen Pontiac GTO zugesagt hatte, dieses Versprechen bricht; Mason erinnert sich daran, sein Vater nicht. Linklater entscheidet nicht, wer im Recht ist; er beschreibt lediglich Masons Enttäuschung über seinen Vater.

Das Internet und die sozialen Medien kommen in Richard Linklaters Film kaum vor. Am Anfang spielt Mason hier und da auf einer Konsole. Er bevorzugt die reale Gemeinschaft der Gleichaltrigen. Am Ende überlegt Mason mit seiner Freundin Sheena, ob er seinen Facebook-Account aufgeben soll. Sheena rät ihm ab. Ist Masons Desinteresse ungewöhnlich? Richard Linklater plädiert für die Bedeutung lebendiger Beziehungen. Das Display oder der Bildschirm sei kein Leben, sagt der junge Mason einmal. Boyhood, so verstehe ich Linklaters Film, ist auch dessen Kommentar zu elektronischen Medien: Es sind die Erwachsenen, die sich über die möglichen Gefahren (der Ausbeutung im Dienste eines Geschäftsinteresses) sorgen, die Abwendung ihrer Kinder befürchten und den durch die digitale Technik realisierten Wunsch der jungen Leute nach Austausch und Kontakt übersehen. Aber es sind wohl die Beziehungen der Eltern zu ihren Kindern und deren daraus entstandene Beziehungsfähigkeiten, die darüber entscheiden, wem oder was die Jugendlichen sich zuwenden und welche Wege sie gehen. Wenn wir nur die digitale Technik in den Blick nehmen, blenden wir die eminente Bedeutung der Familie für die Entwicklung einer gelingenden Beziehungsfähigkeit aus: Sie ist das lebensgeschichtlich gewachsene, günstige oder ungünstige Erbe des von den Eltern initiierten Prozesses, der girlhood oder boyhood heißt.

Link: Offizielle Webseite zum Film

2 Responses to "Gedanken zu Richard Linklaters Boyhood"

  • Marita Tilgen
    4. Mrz 2015 - 12:03 Reply

    Ja, was für ein wunderbarer, sensibler Film – der nuancierte, klasse Artikel wird dem in allen Aspekten gerecht. „Boyhood“ hätte m.E. mehr als einen „Oscar“ verdient. Bei mir steht der DVD-Kauf noch an, denn „Boyhood“ werde ich – und hoffentlich viele in meinem Umfeld und quer über alle Altersklassen – (mehrmals) anschauen, genießen, peu à peu die vielen Facetten wahrnehmen. Ich würde mir eine Fortsetzung von Richard Linklater und seinen Protagonisten wünschen – im Stil von Ethan Hawkes „Before Sunrise“, „After Sunset“ (?) …

    • Gerhard Bliersbach
      4. Mrz 2015 - 14:06 Reply

      Soweit ich gelesen habe, denkt Richard Linklater darüber nach. Empfehlen möchte ich seinen 1993
      gedrehten Film „Dazed & Confused“, der den einen langen Tag nach dem letzten Unterricht vor den Sommerferien im Jahr 1976 beschreibt: der Ausbruch an Erleichterung der Schülerinnen und Schüler, ihre aufgekratzte endlose „Party“ bis zum Kater im Morgengrauen – ein Panorama des zuerst fröhlichen,später gefährdeten und ernüchternden Driftens.

      Gerhard Bliersbach

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