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Warum Gedanken an den Tod beflügeln können

Dies mag kein sommerliches Thema sein. Aber es ist eines das mir am Herzen liegt. Auf dem Rückflug aus dem Wanderurlaub vor ein paar Tagen waren sie wieder da, die Gedanken an den Tod. Während die Maschine beschleunigte und in die Lüfte abhob, dachte ich: Was, wenn der Flug mit einem Absturz enden würde und dies meine letzten Stunden wären? Fantasien über mein eigenes Ableben oder den Tod von lieben Menschen sind mir seit langem vertraut. Vielleicht haben sie mit fortschreitendem Alter zugenommen, aber schon als Jugendliche stellte ich mir vor, dass ich an einer schweren Krankheit sterben könnte. Mancher wird mich für ziemlich morbide halten. Wenn ich mir ausmale, nie mehr mit meinem Mann einen Bergsee zu umrunden oder auch nur die alltäglichen Banalitäten teilen zu können, überkommt mich eine tiefe Traurigkeit. Aber mir ins Bewusstsein zu rufen, dass man nicht ewig lebt, beflügelt mich auch.

So geht es offenbar auch anderen. Sich nicht erst in hohem Alter mit dem Tod zu befassen, scheint für immer mehr Menschen wichtig zu sein. In der letzten Zeit ist es zu einem Thema geworden, über das man nicht etwa im stillen Kämmerlein brütet, sondern mit Gleichgesinnten diskutiert. In den USA gibt es seit ein paar Jahren sogenannte Death Salons, Veranstaltungen, die akademischen Konferenzen gleichen, aber für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Es werden Vorträge gehalten, Filme gezeigt und Kunstwerke ausgestellt. Universitäten und Colleges bieten zudem tausende von Vorlesungen und Seminare an, die psychologische, philosophische, medizinische und andere Aspekte des Todes thematisieren. Mancherorts müssen die Studenten dafür Schlange stehen. An der Kean Universität in New Jersey beispielsweise beträgt die Wartezeit für das Seminar Death in perspective drei Jahre. Das Interesse an der eigenen Endlichkeit ist keineswegs ein amerikanisches Phänomen. In zahlreichen Ländern finden sich Fremde in Todescafés zusammen und sprechen bei Cappuccino oder Grüntee über Sterblichkeit. 2004 lud der Schweizer Soziologe und Anthropologe Bernard Crettaz erstmals zu einem Café mortel ein. Mittlerweile listet die Webseite deathcafe.com weltweit tausende solcher Treffen auf, eine Handvoll auch in Deutschland.

Wir blenden das Sterben aus

Warum lohnt es sich, die Endlichkeit des Lebens zum Thema zu machen? In der westlichen Kultur wird das Sterben heute gerne ausgeblendet, beklagt die Journalistin Julie Beck im Magazin The Atlantic: „Für den Tod gilt: aus dem Auge, aus dem Sinn. Die Details werden Krankenhäusern und Bestattungsinstituten überlassen.“ Doch ob es einem bewusst ist oder nicht, die Angst vor Tod und Sterben, sagen Psychologen, ist für uns Menschen ein andauerndes und allgegenwärtiges Phänomen. „Jeder Mensch fürchtet den Tod auf seine eigene Weise,“ schreibt der amerikanische Psychiater Irvin Yalom in seinem Buch In die Sonne schauen – Wie man die Angst vor dem Tod überwindet. „Für manche ist die Furcht vor dem Tod die Hintergrundmelodie ihres Lebens. Für andere Menschen erklingt (sie) lauter, unbeherrschbar, tendiert dazu, sie um drei Uhr morgens zu überfallen, dass sie nach Luft schnappen angesichts des Schreckgespenstes des Todes.“

Die Konfrontation mit dem Tod, ist Yalom überzeugt, hilft nicht nur seinen Schrecken zu mildern, sondern auch das Leben zu bereichern. Norma Bowe, die das Todesseminar an der Kean Universität leitet, sieht es ähnlich. Sie erörtert die Biologie des Sterbens ebenso wie Bestattungsrituale und das richtige Testament; Bowe nimmt die Studenten zu Ausflügen auf Friedhöfe und in Krematorien mit. Aber eigentlich geht es darum, wie man ein reiches und befriedigendes Leben führt. „Wenn man nicht begreift, dass man sterblich ist, dass man hier nicht ewig bleibt, dann wird man das Potenzial seines Lebens nicht voll ausschöpfen,“ betonte die Professorin in einem Gespräch, das ich mit ihr vor einigen Monaten für Psychologie Heute führte. (Das Interview erscheint in Heft 12/2016.)

Ihre eigenen Erfahrungen in einem gewalttätigen Elternhaus und als Krankenschwester in der Notaufnahme, im Hospiz und der Psychiatrie haben Norma Bowe nachhaltig geprägt: „Weil mir bewusst ist, dass der Tod jederzeit kommen kann, lebe ich anders. Ich bin dankbarer, ich gehe viele Dinge spielerischer an, ich schiebe nichts unnötig auf.“ Um diese Einstellung bei ihren Studenten zu kultivieren, greift sie auf ganz praktische Aufgaben zurück, beispielsweise einen Nachruf auf das eigene Leben zu formulieren oder einen Brief an das Kind zu schreiben, das man einst war.

Eine ihrer Übungen habe ich selbst gleich umgesetzt: eine Liste mit Dingen aufzusetzen, die man noch machen wollte, wenn man nur noch ein Jahr zu leben hätte. Bei mir ganz oben: mit meinem Mann wandern gehen.

10 Responses to "Warum Gedanken an den Tod beflügeln können"

  • Iwona Dullinger
    16. Aug 2016 - 12:20 Reply

    Toller Beitrag!!
    Ich habe zu diesem Thema auch erst vor ein paar Tagen einen Blogpost verfasst: „Die fünt schönsten Aspekte der Hospizarbeit“. Ich kann Frau Schäfer nur beipflichten!

  • Lydia
    16. Aug 2016 - 20:31 Reply

    „Wie du beim Sterben gelebt zu haben wünschest, so solltest du jetzt schon leben“, meinte Marc Aurel. Einer meiner Lieblingssprüche. Der Gedanke an den Tod rückt die Prioritäten ordentlich zurecht und spornt mich an, intensiver zu leben. Auch der Philosoph Wilhelm Schmid erklärt, dass der Gedanke an den Tod der Lebenskunst dient – nämlich als Ansporn, die Fülle des Lebens auszukosten. In Psalm 90 steht „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

    Das sind lauter weise Hinweise darauf, dass es sich lohnt, die eigene Endlichkeit im Blick zu behalten. Trotzdem tut der Abschied, der damit zusammenhängt, den nahe stehenden Menschen fürchterlich weh. Doch auch für den Umgang mit Abschied und Trauer ist es wohl nützlicher, sich mit dem Sterben auseinanderzusetzen als es zu verdrängen. Ich danke allen Hospizmitarbeiterinnen und -mitarbeitern für die Begleitung, die sie anbieten!

    • Iwona Dullinger
      19. Aug 2016 - 11:09 Reply

      Toller Kommentar! Danke für die vielen so treffenden Zitate! 🙂

  • Marisa
    19. Aug 2016 - 16:43 Reply

    Ich wirklich genossen. Parabenen

  • Siegfried Diehl
    25. Aug 2016 - 10:32 Reply

    Warum sollen die Gedanken an den Tod nicht beflügeln können? Bei den Menschen wo das nicht passiert besteht vielleicht eine Art Missverständnis zum Tod. Dieses Missverständnis kommt unter anderem sicher auch aus der Beeinflussung unserer Kultur, die ganz gewisse Kategorienfehler im Denken generiert und fördert. Dazu gehört auch, dass sich Tod und Leben einander ausschließen. Wenn der Mensch in seiner Entwicklung so geprägt wird, hat das vermutlich auch Auswirkungen auf seine Wahrnehmung, seine Emotionen und Gefühle.

    Für diese Menschen ist der Tod etwas negatives, er ist hässlich und unaussprechlich. Sie wollen davon nichts hören und haben Angst. Sie betrachten den Tod immer nur von außen. Sie können den Tod jahrelang betrachten, aber damit verstehen sie ihn nicht. Sie erkennen nur die Atmung und das Herz steht still. Den Menschen wie er einmal war gibt es nicht mehr, er liegt nur noch als Leichnam vor ihnen. Dadurch schließen sie den Tod aus ihrem aus.

    Der Tod ist aber etwas Selbstverständliches und ohne ihn gäbe es kein Leben. Er ist in uns, genauso wie das Leben in uns ist. Die Menschen die keine Angst mehr vor den Tod haben wollen, sollten ihn akzeptieren und ihn in ihr Leben integrieren. Denn er ist letztlich unumgänglich, egal wie er in unserer Kultur bewertet wird. Das kann dann sicher auch beflügeln.

  • Lechmuseum
    30. Aug 2016 - 22:35 Reply

    Mit herzlichem Dank für Ihren Text und einen Hinweis auf unsere

    Ausstellung
    STERBSTUND

    im Lechmuseum.

    Das Museumsteam in Lech am Arlberg, Österreich

  • Thomas Wilhelm
    9. Okt 2016 - 14:35 Reply

    Ariadne von Schirach konstruiert in ihrem lesenswerten Buch „Du sollst nicht funktionieren“ folgende Situation: Gevatter Tod sitzt eines Tages auf deiner Wohnzimmercouch, nicht um dich abzuholen, nein, einfach nur um ein bisschen mit dir zu plaudern. Die entscheidende Frage, die er stellt, lautet: „Warum lebst du?“

    Die Beschäftigung mit dieser Frage, am Ende also nach der Frage über den Sinn des Lebens, nimmt für mich dem Tod einen Großteil seines Schreckens. So wie es in Frau Schäfers Artikel schon anklingt: Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern nicht gelebt zu haben.

  • Karsten
    24. Okt 2016 - 17:06 Reply

    Ich bin jetzt auch schon über 50 und da denkt mal schon mal an das Ende, aber umso mehr nehme ich mir vor, jeden Tag bewusster zu leben.
    Das klappt auch immer besser.
    Nichts sollte wichtiger sein als das eigene Leben und jeden glücklichen Tag.
    Ändern kann man es eh nicht und irgendwann dürfen wir alle für immer einschlafen.

  • josef martin
    29. Jun 2017 - 11:18 Reply

    Den Tod gibt es nur fuer die Anderen , nicht fuer den Toten selbst : Gibt es ein Leben nach meinem Tod fuer mich , dann ist dies nur ein Ortswechsel .Gibt es kein Leben fuer mich nach meinem Tod , dann gibt es nichts , und damit fuer mich auch meinen Tod nicht .
    Fazit :Den Tod gibt es nur fuer die Lebenden .
    Ich finde diesen Gedanken troestlich,mal sehen ob er mir im entscheidenden Augenblick hilft……

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