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Es kracht im Gebälk

Ich bin gerade sehr mit mir beschäftigt und das ist gut so. Denn in allen Ecken und Kanten kracht es bei mir im Gebälk.

Das Erste, was ich ernsthaft hatte, war Rücken, auf gut türkisch gesagt. Da habe ich gemerkt, wie wichtig der ist, der trägt meinen ganzen Körper. Ich hatte schon mal so schlimm Rücken, dass ich nicht mal mehr stehen konnte, ich musste zur Toilette kriechen. Das ist lange her. Allah sei Dank hat mich ein Sportmediziner anständig behandelt, so dass ich nach zwei Monaten wieder auf die Beine kam. Als Psychologin und Körpertherapeutin habe ich am eigenen Leib gelernt, dass Rückenschmerzen mit Belastung und Abgrenzung zu tun haben. Seitdem ich mich abgrenzen kann, habe ich keinen Rücken mehr. Das ist jetzt 25 Jahre her.

An den Ohren habe ich es schon als Kind gehabt. Ich habe einfach enge Gehörgänge, das Ohr kann sich nicht selbst reinigen. Alles, was reingeht, bleibt auch drin: Wasser, Shampoo, Ohrschmalz. Stellt euch vor, wie viele Nervenenden in so einem Gehörgang stecken müssen, damit wir den Schall, der darauf trifft, wahrnehmen und entschlüsseln können. Will sagen: Gehörgangsentzündung ist sehr schmerzhaft, nichts tut mehr weh. Mit so einer ausgewachsenen Entzündung bin ich als Studentin zum HNO-Arzt gegangen, der mir erst einen Wasserstrahler ins Ohr hielt, dann das Ohr gründlich abdichtete mit einem Wattebausch. Dann überwies er mich in sein privates Sanatorium. Im Ohr gluckste es wie in einem Aquarium. Er kam alle paar Tage und guckte mir ins Ohr und verschloss es wieder. Das schwoll nun an, meine ganze Gesichtshälfte war doppelt so dick wie die andere Seite. Die Schmerzen nicht auszuhalten, nahm ich Schmerzmittel alle zwei Stunden, an Schlaf war nicht zu denken. Nach fünf Tagen, in denen ich Höllenqualen litt, entließ ich mich selbst und suchte mir einen anderen Arzt. Tatsächlich säuberte der das Ohr jeden Tag und machte Salbe drauf. Mir ging es jeden Tag besser und nach drei Wochen sah es wieder aus wie ein Ohr. Es gibt halt solche und solche. Gibt’s in jedem Beruf.

Dann wurde mir von einer Arbeitsvertretung meiner Gynäkologin, die gerade im Urlaub war, mitgeteilt, ich hätte Krebs. Gebärmutterhalskrebs. Noch bevor ich schlucken konnte, machte sie mir einen Termin in der Klinik zur Operation. Ich wusste noch nicht, dass dabei der gesamte Gebärmutterhals großzügig rausgeschnitten wird. Ich habe mich informiert, mir einen anderen Arzt gesucht und nach einem halben Jahr erholte sich meine Gebärmutter wieder, ohne Medikamente, ohne Operation. Es war nur eine Entzündung. Ich war 32.

Jahre später, bei einer Routineuntersuchung der Gynäkologie, wurde bei mir zu hoher Blutdruck festgestellt. Ich war auf 180/125. Viel zu hoch, sagten alle Ärzte und verschrieben mir Tabletten. Ich vertraute mich der Schulmedizin und der Chemie an. Von den Tabletten hatte ich Matsch in der Birne, weswegen ich Probleme bei der Arbeit kriegte. Ich wusste nicht mehr, was ich auf der Bühne sagte, scheiterte vor Hunderten von Menschen. Der Blutdruck stieg tendenziell, statt zu sinken. Nach sechs Monaten gab ich auf und gönnte mir wieder einen klaren Kopf. Nur der Blutdruck blieb auf hohem Level. Ein paar Jahre später nahm ich erneut Medikamente mit dem Ergebnis des Darmstillstands. Nachdem ich die Nebenwirkungen schwer verdaut hatte, zwickte es überall, wogegen noch mehr Medikamente einzunehmen waren mit noch mehr Nebenwirkungen, noch mehr Ärzte.

Ein Arzt, bei dem ich ganz neu war, sagte, mein Cholesterinspiegel sei grenzwertig hoch. Er verschrieb mir Cholesterintabletten. Wie das, aß ich doch kein Fleisch, keine Butter. Ich erinnerte mich, dass ich in der Woche zufällig drei Eier gefuttert hatte, was ungewöhnlich für mich ist, ich hatte gerade Gemüseomelette für mich entdeckt.

„Wieso, wie hoch ist denn der Wert?“
„Über 200, genauer gesagt 202“, ein kleiner Triumph im Tonfall.
„Aha, und wo beginnt der Grenzwert?“
„Bei 200“, unmerklich leiser.

Ich jammere auf hohem Niveau, ich weiß. Ich bin keinen Deut besser. Ich rauche, seitdem ich 12 bin, letztes Jahr habe ich aufgehört. Aber es hat Jahre gegeben, da zog ich an Drogen durch meinen Körper, was ich ziehen konnte. Legale und illegale, Nikotin, Alkohol, Gras, Ecstasy, Kokain. Ich war zu verstrahlt, um irgendetwas zu merken.

Diesmal spielte meine Schilddrüse verrückt. Eine enorme Schilddrüsen-Überfunktion.

Ich konnte so viel essen, wie ich wollte, ich nahm ab. Diese Nebenwirkung fand ich wiederum fantastisch, zuerst dachte ich, ich träume, das hatte ich mir doch früher immer so gewünscht. Nun endlich wurden auch meine Wünsche ans Universum erhört. Ich futterte alles in mich hinein. Vor allem Süßes. Ich muss gestehen, ich bin ein Zuckerjunkie: Ich habe jeden Tag eine 500 ml-Packung Schokoladeneis verdrückt, Pudding, Kuchen, Schokolade in allen Brauntönen, mit Nüssen und ohne. Mein Süßhunger war unersättlich. Drei Monate lang war ich im Schokorausch. Das Gesundheitssystem hatte wieder etwas Neues gefunden: Diabetes. Es war noch nicht richtig Diabetes, aber es war an der Grenze, wie beim Cholesterin. Für Zucker war ich ein leichtes Opfer. Diesmal kriegte ich Angst. Ich dachte an die ganzen Jahre im Zuckerrausch. Das Problem war, die Schilddrüse trieb meinen Blutdruck, den ich seit dem Nikotinentzug einigermaßen im Griff hatte, wieder hoch. Ein Teufelskreis. Ich zog die Reißleine!

Ließ von Drogen meine Finger, auch von Kaffee, keinen Zucker, keine Zigaretten mehr, kein Likörchen. Mit Hilfe einer Ärztin stellte ich meine Ernährung radikal um: auf roh-vegan. Das heißt: kein tierisches Eiweiß, kein Gluten. Nur noch Gemüse und nicht zu süßes Obst und alles möglichst nur roh. (Nichts Fertiges, ich wusste schon immer, alles muss man selbst machen.) Seitdem entgifte ich meinen Tempel, den ich achtlos zugeschüttet hatte, ich elende Frevlerin.

Mein Körper gehört augenblicklich wieder mir, und ich bin klar genug, dass ich wieder darüber verfügen kann. Ich habe wieder Spaß an diesem Wunderwerk der Natur bestehend aus Hirn, Geist und Körper. Ich genieße ihn wie nie zuvor und denke, Gott ist vielleicht doch möglich.

4 Responses to "Es kracht im Gebälk"

  • Saskia Epler
    23. Sep 2014 - 19:05 Reply

    Dieser Artikel zog mich wegen der Headline an und wie erwartet traf er meine Situation. Bis auf die den Körper belastenden Drogen. Dafür aber habe ich Kinder. Belasten den Körper ebenfalls und sorgen für Glücksgefühle. Und sind teuer.
    Rücken, Hyperthyerose… Kenn ich ich.
    Udn das negte ist – auch mir wurde eine Ernährungsumstellung empfohlen. Und zwar auf Paleo. Nun entgifte ich auch fleißig meinen Tempel, der sich nach Abgrenzung und zugleich Zuwendung sehnt. Ernährungsumstellugn habe ich. Abgerenzung muss ich wohl noch umsetzen, etwas schwierig bei vier Kindern, die sehr viel meine Nähe suchen und für die ich über ein Jahrzehnt lang meine Bedürfnisse und Gefühle zurückgestellt habe.

    • Serpil Pak
      25. Sep 2014 - 12:49 Reply

      Hallo Saskia,
      ich sehe du stehst auch mitten im Leben. Kinder sind das größte Geschenk. Ich habe eine Katze, die hält mich auch Gesund im Körper und Geist. Das tolle ist die Klarheit die man dabei gewinnt. Danke für Verstanden werden. 🙂

  • Serra Hippmann
    23. Sep 2014 - 22:23 Reply

    hallo, ich würde gerne mehr erfahren !

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