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Es gilt das gestammelte Wort

Von der Rhetorik-Verachtung unserer Eliten

Der Mond, meine sehr geehrte Damen und Herren,
und ich sage das hier und heute mit allem Nachdruck,
ist aufgegangen!
Helmut Kohl (nach Dieter Hildebrand)

In der Griechenlandkrise offenbarte sich die sprachliche Armut bei unserem politischen Führungspersonal besonders dramatisch. Je härter man in der Sache verhandelt, desto verbindlicher und überzeugender sollte man in der Sprache sein. Das Gegenteil war der Fall, Merkel und Schäuble, aber auch Gabriel und andere Akteure ließen es nicht nur an geschickter Rede mangeln, sie überließen die Außendarstellung der komplizierten Vorgänge fast völlig den anderen – den Griechen, die nicht ohne Erfolg die latenten antideutschen Ressentiments in Europa nutzten, oder den sich als „Vermittler“ gerierenden Franzosen, der angelsächsischen Presse, die vom sicheren Port gemächlich riet, doch endlich die Schulden zu vergessen.

Die Krise war, unter anderem, auch ein deutsches Kommunikationsdesaster. Das Bild der Bundesrepublik verdüsterte sich schnell. Die Deutschen wurden mindestens als Austeritätsfanatiker, herzlose Sparer, sture Regelverwalter wahrgenommen. Ein irischer Journalist mit Sympathien für die deutsche Position hat verwundert festgestellt, dass Merkel und Schäuble nicht ein einziges Mal versucht hätten, einer englischen oder amerikanischen Zeitung ein Interview zu geben und die Dinge aus ihrer Sicht zurechtzurücken. Und der griechische Finanzminister Varoufakis hatte auf dem Höhepunkt der Krise den Vorschlag gemacht, Angela Merkel solle direkt zum griechischen Volk sprechen. Diese Idee wurde natürlich nicht aufgegriffen, sie kam ja vom Falschen. Und angesichts der rhetorischen Stümperei war es vielleicht auch besser so.

Denn was immer man sonst von Angela Merkel und ihrer Politik hält, sie ist eine schlechte Rednerin. Dass sie trotz ihrer Stammeleien und ihrer drögen Formelsprache, die nicht selten ins Absurde entgleist, so beliebt ist, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich dahinter ein größeres Defizit verbirgt. Denn es mangelt nicht nur ihr, sondern fast der gesamten politischen Klasse am Willen, das Wahlvolk „mitzunehmen“, wie eine beliebte Politikerfloskel heute lautet. Es mangelt nicht nur am Vermögen, sondern auch an der Bereitschaft, Kompliziertes verständlich zu machen, unangenehme Wahrheiten auszusprechen, überzeugen zu wollen und nicht in jenen bequemen Halblügen zu verharren, die der Philosoph Harry G. Frankfurt „bullshit“ nennt.

Hinter dem Kult der Formlosigkeit, mit dem sich dieses Unvermögen tarnt, steht das deutsche Vorurteil, Rhetorik sei ja doch nur Blendwerk oder Verstellungskunst – nichts als schöne Worte, und wer sie gebraucht, führt Unlauteres im Schilde. Die Deutschen ziehen das angeblich Authentische vor, so als ob eine genuschelte oder geleierte Beamtenprosa die Botschaft adelten. Dass die Form wichtig ist, in die man die eigenen Argumente gießt, sollte einem aber spätestens dann aufgehen, wenn man etwa die Transkriptionen von Politikerreden liest: Die sprachliche Form entlarvt die Schwäche der Gedanken. Das Schwammige und Ungenaue im Denken spiegelt sich in der Sprache .

Die Missachtung der Rhetorik hat in Deutschland eine lange Tradition.

Ausgerechnet die beiden Geistesheroen Kant und Goethe haben sie als „Schule des Verstellens“ verdächtigt. Und ausgerechnet in der Aufklärung geriet die Redekunst, die für Aristoteles vor allem Überzeugungskunst war, in den Ruf einer bloßen Propagandatechnik. Ab jetzt glaubte man: Reden sollten überzeugend sein, nicht weil sie kunstfertig sind, sondern weil sie aus dem Inneren der Seele oder des Herzens fließen. „Authentisch“ eben. Ein folgenschwerer Irrtum. Redekunst heißt eben nicht, seine momentane Befindlichkeit nach außen zu kehren, oder den Leuten nach dem Munde zu reden oder sie bei ihren Ressentiments abzuholen. Rhetorik sollte deshalb nicht mit Propagandalügen oder gar mit hysterischem Nazi-Gebrülle verwechselt werden. Hitler gilt vielen Deutschen auch heute noch als guter Redner.

Rhetorik nach Aristoteles muss drei Dinge berücksichtigen: ethos, die Glaubwürdigkeit des Redners, pathos, sein Beachten des emotionalen Zustands der Hörer, und logos, die Stimmigkeit des Arguments. Das miteinander zu verbinden erfordert Vorbereitung, Übung, vor allem aber auch den ehrlichen Wunsch, die, zu denen man spricht, zu überzeugen, zu beruhigen, zu motivieren oder zum Nachdenken zu bringen. In der Bundesrepublik gab und gibt es nur einen Lehrstuhl für Rhetorik (den Walter Jens zu Lebzeiten innehatte). Die heutige Verkümmerung des öffentlichen Sprechens in Deutschland ist eklatant. Das Parlament, der Rede-Ort schlechthin, verwaltet die Demokratie überwiegend mit Verlautbarungsdeutsch, mnachmal auch mit künstlich erregten Ansprachen, am Rande loriotscher Karikaturen. Der Publizist Roger Willemsen hat ein Jahr lang Parlamentsreden beobachtet. Sein Buch Das Hohe Haus (2014) ist eine ernüchternde Lektüre: „ … was man hört, ist eine in Formeln erstarrte, von Bürokratismen überwucherte Rhetorik.“ Es gebe deshalb einen immer neuen Bruch zwischen „Arbeitskommunikation“ und „Darstellungskommunikation“, also zwischen Inhalt und Form.

Dabei gibt es Sprechtrainings, Rhetorik-Coaches, auch gute Redenschreiber, wenn man von all dem nur Gebrauch machen wollte. Und es gibt vor allem zahlreiche historische Beispiele dafür, wie Form und Inhalt übereinstimmen können und so dem demokratischen Sprechen eine enorme Wirkung verleihen. Die fireside chats des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt könnten auch heute noch, im digitalen Zeitalter, ein Modell dafür sein, wie zu „besorgten Bürgern“ zu sprechen ist. Diese „Gespräche am Kaminfeuer“ waren 30 Rundfunkansprachen, zwischen 15 und 45 Minuten lang, gehalten zwischen 1933 und 1944. Die Weltwirtschaftskrise hatte ihren Höhepunkt auch in den USA erreicht, mit Millionen Arbeitslosen und einer Bankenkrise. Roosevelt, der nicht weniger als ein quasi-sozialistisches Arbeitsbeschaffungs- und Umverteilungsprogramm aufgelegt hat (den New Deal), wollte seine Absichten nicht ausschließlich von einer von Oligarchen beherrschten Presse interpretiert wissen.

Er machte das lieber selbst. Er wandte sich direkt an die Amerikaner und erklärte ihnen seine Politik in ruhigem Ton und einfachen Worten. Er schuf sich, wie man heute sagen würde, sein eigenes „Format“. Die Wirkung war überwältigend – die Kaminreden wurden Sternstunden des Radios und der politischen Kommunikation. Der Präsident „kam rüber“ wie ein Freund oder Verwandter, der beim Abendessen seine Pläne auseinandersetzt und um Vertrauen wirbt. Und er gewann dieses Vertrauen – der New Deal war eine Erfolgsgeschichte, und auch in den folgenden Jahren, bis hin zum Kriegsjahr 1944, verstand es Roosevelt, mit seinen Ansprachen die Nation zu einen und für die großen Aufgaben zu motivieren. Er hat das mit angewandter Redekunst erreicht.

2 Responses to "Es gilt das gestammelte Wort"

  • M. Krüger
    29. Sep 2015 - 17:15 Reply

    Danke!
    Dem ist aus meiner Sicht nichts hinzuzufügen.

  • Sabine
    9. Jul 2016 - 16:10 Reply

    Super! Bin der gleichen Meinung wie M. Krüger.
    LG aus der Rhetorik

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