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Eine Überdosis Trump

Wie unsere Aufmerksamkeit gekapert wird

In den letzten Wochen, eigentlich seit Beginn dieses Jahres – habe ich kaum ein Gespräch mit Freunden, Bekannten, Verwandten oder auch mit Wildfremden geführt, das nicht in kürzester Zeit bei dem Thema unserer Tage landete: Wie unter einem geheimen Zwang redeten wir über den neuen Mann im Weißen Haus. Er ist ein Ereignis wie sonst nur der Tsunami, Fukushima oder der Brexit. Und offenbar genauso grundstürzend wie diese Katastrophen.

Natürlich ist dieser Donald auch ein Fest für Psychologen. Ist er manisch, paranoid, soziopathisch, narzisstisch? Oder alles zusammen? Hat er einen Vaterkomplex? Auch die viel zitierte „Lernkurve“, die wir zur Selbstberuhigung bald bei ihm erkennen möchten, ist ein psychologischer Begriff. Fakt ist: Trump absorbiert die Aufmerksamkeit von Millionen, beeinflusst ihren Medienkonsum, ihre Gespräche, ihre Befindlichkeit. Er hat so etwas wie eine globale Erregungsgemeinschaft geschaffen und hält uns auf eine pervers-faszinierende Weise in Atem. Sein Aussehen, seine Beschränktheit, seine Eitelkeit und Unverschämtheit – all das ist wie ein Autounfall, an dem man vorbeifährt: Man muss einfach hingucken. Und fragt sich: Was stellt er als nächstes an? Geben wir es ruhig zu – Trump ist entsetzlich, aber irgendwie auch sehr unterhaltsam.

Sein eigenes Volk sieht es mehrheitlich nicht so frivol. Es mehren sich nicht nur die Proteste, sondern auch die Stress-Symptome. Viele Menschen klagen über trumpbedingte Schlafstörungen, große innere Unruhe oder Depressionen, darunter Schriftsteller wie Paul Auster und T. C. Boyle. Der unberechenbare, rachsüchtige und aggressive Präsident ist dabei, sein Volk mit einem neuen Politikstil zu überwältigen und zu erschöpfen. Im Zentrum dieses Stils steht das Streben, die Aufmerksamkeit möglichst permanent zu kapern, zu monopolisieren. Der neue US-Präsident wendet eine bisher nur in manchen Diktaturen praktizierte Form des Aufmerksamkeitsmanagements an. Man könnte es als kognitives hijacking, als Geiselnahme, betrachten.

Der Soziologe Georg Franck hat vor 20 Jahren die neue Ökonomie der Aufmerksamkeit ausgerufen: Aufmerksamkeit ist die neue Währung. Wer sie auf sich ziehen kann und gekonnt bewirtschaftet, wird berühmt, reich und mächtig. Diese neue Ökonomie hat nun ihren Virtuosen gefunden. Als mächtigster Mann der Welt ist Trump ohnehin konkurrenzlos, wenn es um die Möglichkeit geht, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Man muss wohl oder übel zur Kenntnis nehmen, was er zu sagen oder zu twittern hat.

Die erste fatale Wirkung des Trommelfeuers von Tweets und Verordnungen ist diese: Die Fülle der Drohungen, Schmähungen, dreisten Lügen und Verschwörungstheorien lässt vergessen, dass zu normaleren Zeiten und bei einem normaleren Amtsinhaber jede einzelne seiner Botschaften ein Aufreger wäre, wenn nicht ein Skandal. Nun aber gilt: Der Skandal ist das neue Normal. Es ist die schiere Menge der „Aufreger“, die unsere Aufmerksamkeit auf Dauer überfordert. Wir kommen gar nicht nach, alles zu verarbeiten.

Aufmerksamkeit, die ursprünglichste geistige Grundkompetenz, ist zunächst eine überlebenswichtige Orientierungsreaktion auf Außenreize. Daneben gibt es eine zweite, willensgesteuerte Aufmerksamkeit. Damit konzentrieren wir uns, oft mit einiger Mühe, auf das, was uns selbst wichtig ist. Um nicht ständig auf fremde Reize zu reagieren (was uns leicht fällt, weil es in unserer Natur liegt) und um die Aufmerksamkeit auf die eigenen, wichtigeren Dinge zu lenken, brauchen wir diese exekutive Aufmerksamkeit – das bewusste Bemühen, Außenreize auszublenden und sich zu konzentrieren. Beide Aufmerksamkeiten stehen also in einem Konkurrenzverhältnis.

Der Philosoph Matthew B. Crawford erklärt in seinem Buch Die Wiedergewinnung des Wirklichen, warum Aufmerksamkeit heute eine Ressource ist, die permanent umworben und umkämpft ist – und die wir deshalb immer schneller „verbrauchen“. Wir müssten angesichts immer größerer Außenreize beträchtliche exekutive Mühen aufbringen, um diese Ressource nicht zu verschwenden. Es bestehe die Gefahr, in einem Meer von Ablenkungen zu ertrinken – und das „Wirkliche“ und „Eigene“ zu verlieren.

Die Wirkung der Trumpschen Kommunikationsform besteht darin, durch Widersprüchlichkeit und permanenten Tabubruch Verwirrung und Aufregung – und damit auch Ablenkung – zu erzeugen. Mittelfristig folgen sowohl emotionale Erschöpfung als auch allmähliche Zerstörung der Konzentrationsfähigkeit. Langfristig besteht die Wirkung in Relativierung, Zynismus, Überdruss, Gleichgültigkeit und Apathie. Mission accomplished!

Was tun? Erstens: Die Mühen der Konzentration auf sich nehmen! Und den schlimmen Finger trotzdem im Auge behalten. Klingt paradox, aber es funktioniert wohl: Die amerikanischen Zeitungen melden deutliche Auflagensteigerungen, es wird wieder mehr gelesen. Und Lesen ist ein konzentrativer Akt schlechthin, besonders wenn es sich um Produkte der „Lügenpresse“ oder gar um Bücher handelt. Zweitens: Die Höchststrafe für einen Narzissten ist, ihm die Aufmerksamkeit zu entziehen. Das heißt: ihn nicht mehr die Agenda bestimmen zu lassen, nicht auf jede seiner herausgeblubberten Provokationen reagieren. Drittens: Die neu- oder wiedergewonnene Konzentration auf Widerstand, auf Gegenstrategien verwenden. From now on it´s: concentration first!

3 Responses to "Eine Überdosis Trump"

  • Achim
    15. Feb 2017 - 1:14 Reply

    Als ich nur die Einleitung gelesen habe, konnte ich mich sofort identifizieren. Wirklich jeder redet über Trump. Das ist schon echt extrem, wobei ich denke, dass sich jeder eher auf sich selber konzentrieren sollte.
    mfg Achim

  • Julia Peters
    15. Feb 2017 - 15:08 Reply

    In der Tat hat das Thema auch in meine Arbeit als Coach Einzug gehalten – kaum ein Coaching vergeht im Moment, bei dem in irgendeiner Weise nicht Trump in’s Spiel gebracht wird. Ich kann bestätigen, dass er Verwirrung und Unsicherheit stiftet, gerade wenn Leute auf der Suche nach einem Arbeitsplatz sind oder sich um ihren Arbeitsplatz sorgen, Wer weiß schon, welche Auswirkungen seine Arbeit auf unsere Wirtschaft haben wird. Und auch hier sorgt das eher dafür, dass Leute sich mehr informieren.
    Gleichzeitig scheint es aber auch hilfreich zus ein, sich phasenweise vor dieser Omnipräsenz und ihren Auswirkungen zu schützen, indem man zum Beispiel den Wecker nicht auf genau halb oder voll stellt, sondern auf 4 Minuten später. Dann ist der aktuelle Schocker aus dem weißen Haus zumindest nicht im Moment des Aufwachens präsent. Selbstfürsorge ist wichtig! Und nicht alle vertragen die gleiche Dosis!
    Herzliche Grüße
    Julia Peters

  • Alexander Boguslawski
    20. Feb 2017 - 20:19 Reply

    Danke für diesen klugen Kommentar. Nach vier Wochen ist der Pegel der medialen Aufmerksamkeit für D.T. noch sehr hoch. Irgendwann wird die Neugier auf Neuigkeiten umschlagen in eine Reaktanz – dann hat man die Nase voll von seinen Ergüssen. Zumal, wenn sich das ganze Getwitter mehr und mehr als heiße Luft herausstellt. Das wäre nicht verwunderlich, wenn auch die mediale Revolution eines Tages ihre Kinder frisst.

    Was richtig bleibt, ist die Sache mit der „aktiven Aufmerksamkeit“, und da besteht die Hoffnung, dass „wir im Westen“ endlich sensibler und aufmerksamer werden gegenüber den Rattenfängern, die mit ihren simpel gestrickten „Lösungen“ durchs Land ziehen.

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