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Eine Katze als Antidepressivum?

Kızıl, ausgesprochen mit stummem i und weichem s (auf Türkisch: Rotschopf), wurde mir auf einem Parkplatz in Berlin-Mitte in einem Karton übergeben mit den Worten: „Sie ist die kleinste und die pfiffigste aus dem Wurf.“ Es war Christopher Street Day in Berlin, weswegen wir große Umwege fahren mussten, um nach Hause zu kommen. Der Himmel hatte seine Schleusen geöffnet, es blitzte und donnerte zugleich.

In die obere Kante des Kartons waren kleine Löcher eingeschnitten, die ich gleich im Auto noch vergrößerte. Sofort zeigten sich eine rosa Nase mit weißem Fell drum herum und riesige Knopfaugen, die neugierig und verwegen um sich guckten. Es war Liebe auf den ersten Blick. Zwischendurch passte auch noch eine weiße Pfote mit durch die Öffnung. Ich brachte sie nach Hause und befreite sie von diesem garstigen Karton. Sofort verschwand sie hinter das Sofa, unerreichbar für mich. Es ertönte erst ein kleines zaghaftes „Miau“, welches dann immer lauter wurde. Sie rief nach Ihrer Mutter und den Geschwistern, nahm ich an: „Wo seid ihr? Ich will meine Mama.“ Ich sprach die ganze Nacht mit ihr, mein Herz brach in tausend Stücke. Irgendwann in der Nacht kam sie kurz raus, futterte aus meiner Hand und war sofort wieder verschwunden, um ihr Klagelied fortzusetzen. Wir waren beide untröstlich, ich besorgt um sie, sie könnte sich erkälten auf dem kalten Boden hinter dem Sofa.

Am nächsten Tag lockte ich sie mit einem Spielzeug raus. Sie ist rotgetigert und hat einen weißen Bauch. Wer in ihre riesigen rehbraunen Knopfaugen blickt, ist für immer verloren. Sie war noch klein, acht Wochen alt, und hatte mehr Flaum denn Fell. Und ihr Schwanz war dünn wie ein Essstäbchen. Ihr Futter und ihre Toilette hatte ich in einem Zimmer in unterschiedlichen Ecken aufgebaut. Vor die Katzentoilette musste ich zwei Bücher als Einstiegshilfe legen.

Sie ist sehr sauber und reinlich. Wie jede Katze bringt sie Stunden damit zu, ihr glänzendes, mittlerweile volles weiches Winterfell ausgiebig zu pflegen. Vor allem bei dem Anblick, wie sie an den Tatzen zwischen den Fingern das Fell leckt, zergeht mir das Herz. Allah sei Dank hat sie sich auch in mich verliebt. Ich bin Ihre Mama, ganz zweifelsfrei. Einmal habe ich sie dabei beobachtet, wie sie an meinem getragenen T-Shirt gerochen hat. Mhhmmhhhh, Mhhmmmhhhh. Ganz tiefe Atemzüge. Dann steckt sie ihren Kopf in den Ärmel: mmpf, mmpf, mmpf, mmhmmmmhhhhh. Ihre Nase ist immer im Einsatz. Sie riecht jeden Quadratzentimeter der Wohnung systematisch ab. Auch mit den Blicken wird alles dreidimensional abgescannt. Eine Fliege oder Hummel sind willkommene Opfer, so hält sie unsere Wohnung insektenfrei. Sie ist eine geschickte Jägerin. Im Sommer hörte ich ein Poltern in der Wohnung und dachte, jemand sei gekommen. Sie hatte tatsächlich einen Schmetterling gefangen. Das arme Ding kämpfte bereits ums Überleben und Kızıl spielte lange und ausführlich mit ihm und quälte es nur so zum Spaß. Ich hatte Gewissensbisse wegen Tierquälerei, hatte aber Angst, ihr die Beute wegzunehmen. Zum ersten Mal merkte ich: Diese Schmusekatze ist ein wildes Tier. Wenn sie jagt, verdichtet sich ihr ganzer Körper, jeder Muskel ist gespannt und um die Schnauze wird sie spitz und damit windschnittiger.

Das erste Mal beim Tierarzt war für uns beide sehr traumatisch. Direkt neben uns saß ein riesiger Bullterrier, der optisch und akustisch sehr präsent war. Sogar ich hatte es mit der Angst zu tun bekommen, er würde sich jeden Augenblick von der schmächtigen Besitzerin losreißen und uns ans Leder beziehungsweise an den Pelz wollen. In ihrem Tragekorb hatte sich Kızıl platt wie eine Flunder gemacht, sich unter die Decke gerobbt und blieb mucksmäuschenstill, in der Hoffnung, das Monstrum würde sie nicht bemerken. Der war wiederum mit den anderen Hunden und dem Bellkonzert beschäftigt, was uns noch mehr Angst einjagte.

Sonst tobt sie morgens und abends wild durch die ganze Wohnung. Dieser Spring ins Feld kämpft mit Fernsehern und Staubsaugern, manchmal liegt sie sogar mit der Waschmaschine im Clinch. Eine richtige Partykatze, die es mag, wenn die Bude voll ist.

Nur die Putzfrau wird regelmäßig angefaucht, wenn sie ihr in die Quere kommt. Auch ich werde nicht geschont; ich finde es gut, das sie sich gegenüber uns Menschen zu wehren weiß, so klein sie ist.

Sie ist auch stur wie tausend Esel. Nur eine Sache darf sie nicht, und zwar auf Tische springen: Also begrüßt sie mich jeden Morgen auf dem Esstisch. Wenn ich ihr sage, sie soll runtergehen, dreht sie sich einfach um und tut so, als beträfe sie das nicht. Sie macht einen auf: „Talk to my tail.“ Nach wiederholter verbaler und nonverbaler Aufforderung tut sich nichts. Sie krallt sich regelrecht auf der Tischplatte fest. Erst wenn ich aufgebe und ihr keine Beachtung mehr schenke, weil ich mich meinem Schicksal ergebe, springt sie leichtfüßig vom Tisch, als wollte sie sagen: „Ich wollte sowieso gerade runtergehen.“ Damit es bloß nicht so aussieht, als hätte ich sie vom Tisch gezwungen.

Seitdem sie als Mitbewohnerin im Handumdrehen meine Wohnung geentert hat, ist es auch vorbei mit dem Lotterleben. Jetzt gelten ihre Regeln mit Ordnung und Sauberkeit. Ich muss pünktlich aufstehen, weil die Diva Ihr Futter will und zwar genau zu Sonnenaufgang. Der ganze Tag ist auf Ihre Bedürfnisse ausgerichtet: Nach dem Frühstück wird gespielt, und zwar lang und ausgiebig, wovon sie sich danach erstmal mit einem Schläfchen erholen muss. Das ist dann meine Zeit zum Arbeiten.

Was sie auf jeden Fall mit Leichtigkeit geschafft hat: Entschleunigung auf ganzer Linie. Es macht doppelt Spaß, mit Kızıl zu chillen, und manchmal mache ich nachmittags ein Schläfchen mit ihr. Schon allein deswegen, weil ich ja nachts nicht mehr genug Schlaf bekomme. Sobald mein Körper die horizontale Lage erreicht, kommt sie schnurrend herbeigeeilt. Das Schnurren soll auf Menschen alle möglichen positiven Auswirkungen haben: Neben Muskelverspannungen löst es auch andere Blockaden, tut dem Herz-Kreislauf-System wohl und hat eine beruhigende Wirkung. Meinem hohen Blutdruck hat es besser getan als jede Tablette. Mit ihren Ritualen und ihren Energien ist meine Katze das reinste Antidepressivum.

6 Responses to "Eine Katze als Antidepressivum?"

  • Christa Endres
    16. Dez 2014 - 17:28 Reply

    Nach einer schweren Depression mit acht Monaten Klinikaufenthalt habe ich mir einen Wunsch erfüllt: eine Maine Coon Katze: Bahiya. Sie hat mir geholfen wieder richtig gesund zu werden. Sie ist so anhänglich, bemerkt wie ich mich fühle und kommt zum Schmusen. Einmal, als ich ihr das weiche, seidige Fell gestreichelt habe, schoß es mir spontan in dem Kopf: das ist wahres Glück…….Bahiya hat mich zurück ins Leben geholt!!!

  • Lisa Tymoshenko
    2. Jan 2015 - 21:59 Reply

    Welch schöner Bericht! Auch wir haben einen Kater, der aber mittlerweile schon 8 Jahre alt ist. Als noch nicht einmal 6 Wochen altes Baby wurde er in der Ukraine uns vor die Tür gesetzt.
    Mein Mann war mit Katzen aufgewachsen, ich hatte nie welche…
    Wie glücklich sind wir mit unserem Kot,; keine zickige Rassekatze wie die beiden Perser meiner Freudin, sondern ein einfacher rabenschwarzer Kater, dessen Vater wohl der Kater im Frauenklosten von Tsch…. war.
    Wie kontte ich mein ganzes Leben ohne Katze verbringen? Unvorstellbar!
    Und als wir nach D. kamen (Kot hat seinen Pass eher als mein Mann..) fühlte er sich sofort hier „integriert“ und alle Freunde und Bekannten lieben ihn.

  • M. M.
    6. Jan 2015 - 1:46 Reply

    Mir geht es genauso.. ich neige leider oft zu schweren Depressionen, da geht gar nichts mehr. Nach langem hin und her habe ich mich entschlossen, 2 kleine Miezekatzen aus dem Tierheim zu holen. Ende November sind sie dann bei mir eingezoen.. Seitdem ist mein leben zu 100% anderes.. Mir geht es richtig richtig gut, die beiden sind echt Balsam für die Seele. Kann dem Artikel nur zustimmen.

  • NoName
    8. Jan 2015 - 1:22 Reply

    Durch ‚Zufall‘ auf dieser Seite gelandet.
    Und ‚zufällig‘ auf zwei Katzen getroffen.
    Das (mein) Leben erfuhr eine grundlegende Wendung.

    Schon eine Weile davon geträumt, wieder ein Katzen)Tier zu halten,
    das meiner Fürsorge bedarf, erfüllte sich dieser Wunsch sehr unverhofft.
    Nachdem die beiden ‚2nd-Hand‘ bei mir eingezogen und sich eingewöhnt hatten –
    sie versteckten sich zwei Tage unter dem Bett bzw. Sofa – wurden wir die besten Freunde.
    Das ist jetzt 3 Monate her.

    Ich hatte zwischendrin schlimme Phasen der Traurigkeit.
    Die Jüngere der beiden Schwestern kam zu mir, um mir ihrerseits zärtliche Fürsorge
    zukommen zu lassen.
    Sie weichen mir nicht von der Seite – auch wenn sie satt sind….
    Wunderbare Wesen. Die eine eine Diva, die andere die beste Freundin ever.

    Danke für Ihre Katzengeschichte, liebe Frau Pak!

  • When the cat is away
    11. Mrz 2015 - 19:37 Reply

    Danke für diesen interessanten Beitrag, in dem ich mich sehr wiederfinden kann. Ich habe auch unter schweren Depressionen und Angstzuständen gelitten, die jetzt Gott-sei-Dank etwas besser geworden sind. Ich bin grade dabei, mir Katzen anzuschaffen – natürlich nicht als Antidepressivum, aber vielleicht haben ja dann auch meine Katzen einen Einfluss auf meine Gesundheit.

    Ich bin überrascht, wie wenig über das Thema Katzen und Depressionen geschrieben wurde und habe daher einen eigenen Blog zu diesem Thema eröffnet. Umso mehr freut es mich, dass nicht nur mich diese Frage interessiert.

    Ich wünsche dir gute Besserung!

  • Britta
    27. Dez 2015 - 22:20 Reply

    Katzen, Hunde oder Meerschweinchen. JEDES Tier wirkt gegen Depressionen! Hab ich immer wieder beobachtet! LG Britta! 🙂

    Frohe Weihnachten und genießt die Festtage im Kreise eurer Familie. Alles Gute für das Jahr 2016!  

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