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Eine getürkte Deutsche

Ich wollte Deutsche werden aus Überzeugung, aber die deutsche Politik und Bürokratie wehrten sich hartnäckig dagegen. Ich finde, das Deutschsein zahlt sich aus, vor allem beruflich. Es ist strukturiert und zielorientiert. Und es ist professionell und kompetent. Ich als Deutsche weiß, was ich will und ich weiß vor allem wie. Wenn mir meine türkische Seite nicht einen Strich durch die eigene Rechnung macht, komme ich meistens ans Ziel.

Laut offiziellem Stand der Begrifflichkeit bin ich Passdeutsche mit türkisch-migrantischem Hintergrund. Da ist wenigstens das Wort „deutsch“ mit enthalten. Als meine Eltern Anfang der 1960er Jahre nach Deutschland kamen, wurden sie noch Gastarbeiter genannt, das hielt sich fast zwei Jahrzehnte. Aber unter „Gast“ verstanden die Deutschen nicht das gleiche wie meine Eltern, für die galt: „Jeder Gast hat seinen Platz auf unserem Kopf“, so wertvoll war er. In Deutschland ist nicht jeder Gast wirklich erwünscht. Salopp formuliert waren wir die Kümmeltürken oder Knoblauchfresser. Danach waren wir fast bis zum Fall der Mauer einfach nur Ausländer und danach entwickelte sich die deutsche Sprachakrobatik in Bezug auf uns Einwanderer rasant. Erst waren wir Migranten mit ausländischem Hintergrund, irgendwann dann waren wir ausländische Einwohner. Dann waren wir wieder Mitbürger, immerhin. Ganz kurz wurden wir auch transkulturell genannt, das hat sich nicht lange gehalten, weil die Verwechslung mit transgeschlechtlich bei den meisten zu große Verwirrung auslöste. Junge gebildete Mitbürger, deren Eltern migrantischen Hintergrund hatten, gründeten einen Verein, die deukische (deutsch-türkische) Generation.

Im Einwohnermeldeamt von Neukölln habe ich dann gemerkt, dass nicht alle mit einem deutschen Personalausweis vor dem Amt wirklich Deutsche sind. Manche sind deutscher. Als ich 1999 nach Berlin zog und mich in meiner neuen schicken Altbauwohnung anmelden wollte, passierte im Einwohnermeldeamt Folgendes:

„Guten Tag, ich bin vor einer Woche aus dem Westen hierher gezogen und wollte mich anmelden.“

Sie nimmt misstrauisch den deutschen Personalausweis, den ich ihr auf den Tisch lege, dreht ihn mehrere Male um, dabei beobachtet sie mich lauernd und fragt in breitem Ostblockakzent:

„(H)aben Sie Ihre Einbirgerungsurkunde dabey?“

Ich im Hannoveraner Hochdeutsch: „Ich pflege meine Einbürgerungsurkunde nicht mit mir herumzutragen, ich habe sie zu Hause eingerahmt und über mein Bett gehängt, so schlafe ich besser.“

Jetzt wurde sie zickig: „Sogar die deitschen Mitbürger müssen mitbringen ihre Geburtsurkunde, wenn sie sich wollen anmyelden in Berlin.“

Als vorausschauende Neudeutsche war ich natürlich informiert darüber und hatte noch in Münster, wo ich studiert und gewohnt hatte, eine besorgt.

„Sehen Sie, hier ist meine Geburtsurkunde, sie ist fotokopiert und beglaubigt und gestempelt von der Stadtverwaltung in Münster in Nordrhein-Westfalen.“ Aber weder in Münster noch in Nordrhein-Westfalen kannte sie sich aus. So weit westlich war sie wohl doch noch nicht gekommen.

Dabei waren es die Neudeutschen, die den Biodeutschen ihre angegriffene Identität und ihren Flaggenstolz wieder zurückgelehrt haben. Und zwar im Jahr 2006, bei der Weltmeisterschaft, als die Welt zu Gast in Deutschland war. In meinem Kiez in Neukölln waren die Autos über und über mit deutschen Flaggen behangen und hatten behaarte Schwarzköpfige als Fahrer mit Türkenschnauzer. Da die Türken und die Araber sich nicht für die WM qualifiziert hatten, hielten sie zu ihrer Ersatzidentität. Alle meine nicht deutschen Freunde fanden die Deutschen mit den vielen Flaggen doch irgendwie unheimlich. „Nein, in den Autos, das sind alles Ausländer, ihr müsst mal drauf achten.“ Unter uns Neudeutschen sind wir bei dem Begriff Ausländer stehen geblieben. Die Biodeutschen mit ihren winzigen Fahnen waren anfangs bescheiden und unsicher, aber dann immer selbstbewusster.

Ich selbst sehe mich gerne als Neudeutsche. Ich kann sogar mit Vorsicht behaupten, ich bin stolz, eine Neudeutsche zu sein. Biodeutsch – das wäre nichts für mich, bei dem schwierigen Erbe, mit dem ich mich dann rumplagen müsste. Wir sind die unbelasteten Deutschen ohne schreckliche Vergangenheit. Konservative Biodeutsche nennen mich auch Plastedeutsche, weil der Personalausweis in Plastik verpackt ist, sie halten mich wohl für getürkt.

7 Responses to "Eine getürkte Deutsche"

  • Hanny
    17. Mrz 2015 - 15:41 Reply

    Und ich fühle mit dir…..als erste Gereration der Gastarbeiterkinder würde ich erst mit der Anerkennung Kroatiens endlich das wonach ich 40j mich gesehnt hab, eine vollwertige Deutsche. Endlich darf ich nicht nur die Sozialkassen füllen und Steuern zahlen, endlich darf ich meine Meinung zur politischen Führung meines Heimatlandes kund geben. Ich darf wählen, wie alle die hier in dem Land geboren sind und deutsche Staatsbürger sind. Ich fand und find es immer noch schlimm, das wir in Deutschland geborene oder aufgewachsene, als Mensch 2. Klasse behandelt werden. Gut, einiges hat sich angepasst, doch vieles bleibt weiter logisch. Als meine Eltern in den 60gern herberufen wurden um Deutschland aufzubauen waren sie gut genug um als Gastarbeiter freundlich aufgenommen zu werden, keine Deutschkurse, keine Integrationskurse, keine Dolmetscher, ich musste als 7j scho übersetzen und Anträge erklären. Niemand war und ist aus meiner Familie vom Staat abhängig gewesen, auch heute sind in meiner Stadt in Rheinland-Pfalz 90%der HartzV Empfänger urige Einheimische die dem Sozialadel nacheifern und es nicht gelernt haben für Ihr Leben selbst verantwortlich zu sein. Ich finde es erschreckend, wie wir als Sozislschmarotzer abgestempelt werden, wo jeder weis, das die Anträge für jeden Deutschen kaum zu bewältigen sind, geschweige denn für Audländer. In andern Städten mag das anders sein, bei uns hier ist es tatsächlich so. Ich arbeite seit 2002 im Jobcenter u ich weis wovon ich rede.
    Lg

  • Nanny
    17. Mrz 2015 - 17:30 Reply

    Der Text der Bloggerin ist nur herablassend. Ich wundere mich sehr, dass ein Posting wie dieses bei einer Fachzeitschrift eine Bühne bekommt. Es wird Diskriminierung beklagt und das Mittel dazu ist Diskriminierung.

    Wie der Arbeitsalltag auf so einem Amt aussieht, danach fragt keiner. Dort hat man es mit gefälschten Personalausweisen und allen möglichen anderen Tricks zu tun. Und nur weil jemand aus Sachsen oder Berlin stammt, heißt dass noch nicht, dass sie nicht Deutsch reden können. So wie das da oben geschrieben steht, klingt es schlichtweg erfunden. So redet kein Deutscher in seiner Muttersprache.

    Und was bitte ist „breiter Ostblockakzent“? Sollte damit Sächsisch gemeint sein oder Thüringisch? Erstens spricht man regional ganz unterschiedlich. Da wo ich herkomme, redet man auf jedem Dorf ein wenig anders in seiner Mundart..Und zweitens entstammt der Begriff Ostblock aus einer ganz anderen Zeit. Und selbst wenn die Mauer noch stehen würde, würde der Ostblock nicht an der Oder-Neiße-Grenze aufhören, sondern dort erst beginnen. Hier hat die Schreiberin wohl eindeutig noch Informationsbedarf.

    Dann frage ich mich, woher kommt die Annahme, dass die Dame vom Amt noch nicht aus ihrer Stadt herausgekommen ist? Was täte es überhaupt zur Sache? Warum man überhaupt sagt: „… bin aus dem Westen hergezogen“ erschließt sich mir ebenfalls nicht.

    „Kümmeltürken und Knoblauchfresser“ Hat SIE mal jemand so bezeichnet? Das wäre schon komisch. Als Knoblauchfresser könnte man den größten Teil aller Menschen hier im Lande bezeichnen. Der Deutsche macht Knoblauch an fast jedes Essen, demnächst wohl auch noch in den Vanillepudding. Und Kümmel brauchen wir auch alle irgendwie.

    Ich für meinen Fall möchte nicht als „Biodeutsche“ bezeichnet werden. Diese ganzen Begrifflichkeiten nerven. So lange wir sowas pflegen, wird es auch immer wieder Konflikte geben. Und überhaupt, als Deutsche/r mit Migrationshintergrund hat man es bequem. Jede Unhöflichkeit wird als Ausländerfeindlichkeit abgetan. Wenn ich auf einem Amt oder in einem Geschäft nicht höflich behandelt werde, was auch hin und wieder passiert, dann bin ich halt schlecht behandelt worden. Wer mit Migrationshintergrund kommt, hat gleich die Möglichkeit auf die bösen ausländerfeindlichen Deutschen zu schimpfen.

    Da wo ich die Fußball-WM erlebt habe, waren an den Autos und in den Fenstern der Häuser nicht nur deutsche Fahnen, sondern alles war bunt aufgrund der vielen Nationalitäten. Doch das Thema ist ja prima geeignet um es für so ein plumpes Posting zu missbrauchen.

    • simsek
      18. Mrz 2015 - 1:32 Reply

      Super geantwortet; danke !!!

  • Sven
    17. Mrz 2015 - 18:52 Reply

    Liebe Nanny,

    ist doch klar ersichtlich, dass die Dame vom Amt vermutlich aus Russland oder Polen kommt – eben drum regt sich die Fred Stellerin ja darüber auf, dass sie mit etwas mehr Kooperationsbereitschaft gerechnet hätte – von einer „Mit Migrantin“ sozusagen. Viele Probleme mit Migranten sind von Deutschland hausgemacht, da die Gastarbeiter schnell wieder weg sollten, also nichts für die Integration getan wurde. Eine Ausnahme bilden die Spanier – da war es allerdings nicht der deutsche Staat, sondern die katholische Kirche, die Deutsch Kurse und Flamencoabende gleichermaßen organisierte und so Integration erleichterte.
    Ich verstehe die Thread Stellerin (als Urdeutscher)

  • Toni Zoellner
    22. Mrz 2015 - 1:58 Reply

    Es ist schön, dass Sie sich trotz aller Umstände immer noch wohlfühlen in Deutschland. Der neuen Generation sollten erst Recht keine Steine in den Weg gelegt werden!

  • ÖzDe
    15. Okt 2015 - 1:12 Reply

    Hallo zusammen,

    es ist schon erstaunlich, wie sehr ich mich in dem Geschriebenen von Frau Pak wiederfinde! Vorab möchte ich deutlich machen, das ich mich nicht als Opfer empfinde. Wir, unsere Generation, hat es mit Sicherheit nicht einfach gehabt. In zwei Kulturen aufwachsen, versuchen es beiden Kulturen irgendwie recht zu machen, das Beste aus ihnen zu gewinnen, etc…Das hat uns geprägt und uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Einige hat es gestärkt und andere hat es gebrochen, leider. Ich möchte niemandem etwas unterstellen, jedoch glaube ich daran, unabhängig davon wieviel Empathiefähigkeit jeder von uns mitbringt, man dies nur dann nachempfinden kann, wenn man es am eigenen Leib erfahren hat.
    Auch heute, als gestandene Frau, erlebe ich mehr als mir lieb ist, unterschwellige, indirekte fremdenfeindliche Situationen.
    Auf diese Problematik, soll und muss, ob mit Ironie oder auf direkte Art, aufmerksam gemacht werden.
    Das bedeutet nicht, dass alle fremdenfeindlichen sind. Es gibt, zum Glück noch „Menschen“ aber Fakt ist, dass es genug solchgesinnte gibt, die ihre Position dafür missbrauchen und bewusst das Leben anderer erschweren!!

  • Erika
    21. Nov 2015 - 14:22 Reply

    Mehmet Scholl hat es vorgemacht 🙂 LG Erika

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