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Ein paar Gedanken zu Psychologie und Religion

Es ist offensichtlich, man muss keine Statistiken mehr bemühen, den traditionellen Religionen laufen die Gläubigen davon. Einzelne entwurzelte junge Menschen aus Ost und West laufen zwar noch zur jüngsten Religion hin, dem Islam, aber die Autobahn der Orientierung weist in eine andere Richtung, die Musik spielt anderswo, auch auf dem Acker der Evangelikalen, der noch am auffälligsten blüht. Die Mehrheit der Jungen will weder Jesus noch Mohammed, sie will sich neu orientieren. Wäre jedenfalls „ungläubig“ oder „ noch so tun als ob“ eine Religion, sie wäre schon heute die größte.

Aber woran orientieren wir uns im wahrscheinlich tiefgreifendsten Wandel der letzten Jahrhunderte? Wo auch einer, der das Handy verweigert, stets online ist, ob er sich dessen gewahr ist oder nicht, rund um die Uhr gefilmt und abgehorcht wird und seine Daten gespeichert werden ohne Hoffnung auf Löschung in Ewigkeit, was bisher die Religionen immerhin versprechen konnten? Wo Missbräuchen und Denunziationen (Shitstorms) Tür und Tor offen stehen? Wo atemberaubende Möglichkeiten der Biotechnologie und Medizin unsere Gesellschaftsverträge umpflügen, wo mittelalterlich denkenden Potentaten Atombomben zur Verfügung stehen?

Bisher – ob man insbesondere im Christentum eine wichtige zivilisatorische Errungenschaft sieht oder eine „Kriminalgeschichte“ (Karlheinz Deschner) –kam niemand um die fundamentalen Glaubenssätze herum, sie stecken uns noch in den Knochen, auch wenn man aus der Kirche, welcher auch immer, ausgetreten ist.

Nur, hilft uns das in den enormen Anforderungen eines heutigen Alltags? Was erzählen wir unseren Kindern? Wohin gehen wir mit unseren Fragen? Wo ist unser Schmerz noch aufgehoben, die Verzweiflung vor dem Ultimo, dem Sterben? Niemand sage, dass ihn dieses Vakuum an Orientierung nicht umtreibe und eine zeitgemäße Orientierung „höherer Ordnung“ nicht bitter nötig wäre.

Die Hinwendung zu Ersatzreligionen ist vor diesem Hintergrund offensichtlich. Die drei meistgenannten heißen: Esoterik, Philosophie und Psychologie. Die Esoterik dreht sich narzisstisch um sich selber und ist eher eine Fortsetzung des Trends zur Vereinzelung, der verschreckte alternde Single mit Zen- und Ayurvedabüchern neben dem Bett geradezu ein Klischee. Die Philosophie bemüht sich redlich um Klärung unserer Stellung in der Welt, stellt aber noch mehr Fragen, und wo sie greift, wirft sie uns dahin zurück, wo wir schon verzweifelt fragend stehen. Außerdem: Zu Philosophie kann man nicht tanzen. Philosophisch heiraten ist auch nicht gerade das Richtige. Ihre Nüchternheit in Ehren, aber Philosophie ist einfach zu wenig sexy.

Wie halten wir es aber mit der Psychologie, mit dem Blick vornehmlich nach innen, auf unsere Motivationen und unbewussten Teile?

Wer den Vorwurf einer Psychologie als Ersatzreligion mittlerweile etwas abgeschmackt und hergezerrt findet, kann einen C. G. Jung recherchieren, der mit zunehmendem Alter vielmehr als Priester denn als Psychologe nachgefragt wurde. Er tat auch das Seine dazu. Ich kenne als Zürcher die Orte seines Wirkens, auch seinen legendären Turm am Zürcher Obersee, der mehr wie die Klause eines Schamanen erscheint als wie ein Studierzimmer eines Psychologen. Ich war auch vor Jahren als Patient in der Institution seiner vormaligen Forschungen, der Psychiatrischen Klinik „Burghölzli“ zu Gange (heute Psychiatrische Universitätsklinik), wo die robusten Küchentücher aus seiner Ära noch den gestickten Vermerk „Irrenanstalt“ herzeigten. Er war ein Kind seiner Zeit und tastete sich vor, durchaus zu recht auf die Schnittstelle zu, die Religion mit Wissen-Wollen über das Unbewusste verbindet oder eben trennt.

Ja nun – was hat Psychologie mit Religion am Hut oder umgekehrt?

Freud, sein geistiger Vater, hatte ja nicht die Psychologie erfunden, sondern versucht, sie auf eine wissenschaftliche Ebene zu heben – durchaus sein unbestrittenes Verdienst. Irrtümer erlaubt – auch er war ein Kind seiner Zeit. Und erstaunlich viele seiner Einsichten werden heute durch die Hirnforschung posthum bestätigt. Unsere Vorfahren aus alttestamentarischen Zeiten, von den Griechen über Jesus mit seinen Gleichnissen, Interventionen und äußerst erstaunlichen Einsichten für seine Zeit und seinen Ort (Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein), über die Romantiker mit ihren „blauen Blumen“ und ihren Märchen . . . unsere Vorfahren fanden sowohl im religiösen Kontext, den Ritualen und dem Weisheitsschatz des Volksmundes – immer noch mein liebster Ratgeber – Halt und Sinn genug, die, verglichen mit heute, in Zeitlupe sich verändernden Lebensumstände zu fassen und zu verstehen, auch wenn die alles bestimmende Macht der Kirchen schon damals zu wackeln begann. Will sagen, sowohl Freuds Erkenntnisse, wie noch mehr Jungs Vortasten ins kollektive Unbewusste mit seinen interkulturellen inneren Bildern liegen dem Alten Testament und dem Inventar, insbesondere der katholischen Kirche, immerhin nicht fern.

Was mich heute beängstigt, ist nicht das Neue, das ja auch Chancen bereithält, sondern die Geschwindigkeit, in der es kommt und uns ungefragt mitreißt. Und da stellt sich die Frage, ob ein naheliegender Ansatz, mit dieser Geschwindigkeit mitzuhalten, eben doch die Psychologie sein könnte, wenn unsere Kirchen sich nunmehr vollends um sich selber drehen und Wellness, Gesundheitswahn, Lottoglück und Fußball zweifellos nicht mehr sein können als etwas Ablenkung von dem Bösen.

Aber es wird nach meinem Verständnis eine neue Religiosität gebraucht, eine jenseits des vorgeschriebenen Glaubens und jenseits der Fetischverehrung der katholischen Kirche, aber auch jenseits des protestantischen Leistungsanspruchs bis hin zu Burnout und Depressionen. Wie die aussehen soll, können und sollen wir getrost der Zukunft überlassen, es geht vorerst um den Übergang. Sicher ist: Die Macht der Hoffnung und unser Bedürfnis nach Initiation, also wahrgenommen zu werden in der Gemeinschaft, werden auch in Zukunft nach Ausdruck, also Kulten und „Kirchen“ verlangen. Eine ganz und gar säkularisierte Welt kann ich mir nicht vorstellen. Die Macht des Unbewussten ist stärker, sie wird immer wie die Kunst (auch eine untaugliche Ersatzreligion) nach symbolischer Darstellung verlangen.

Niemand verlangt freilich – die Psychologen am allerwenigsten – dass diese Disziplin uns ersetzen soll, was die christlichen Kirchen einmal waren. Man kann auch zu C. G. Jung und Freud nicht tanzen und singen, und psychologische Rituale sind geradezu mit Misstrauen zu betrachten (gewisse Formen des Psychodramas und der Familienaufstellungen). Sorgfalt und Zurückhaltung in Ehren, aber Psychologen – auf welchen Äckern auch immer – dürften sich nach meinem Verständnis etwas eigenständiger und selbstbewusster zu den brennenden Themen unserer Tage äußern, gerade zu den Missbräuchen auf dem Feld ihrer nicht ganz fernen Schwester katholische Kirche mit ihrem Exorzismus, ihrer Beichtpflicht für Siebenjährige, der Verunglimpfung gleichgeschlechtlicher Liebe, von den völlig weltfremden Ansichten einer Glaubenskongregation zu Sexualität und Fortpflanzung ganz zu schweigen. Politiker und erst Recht Oberhirten von Religionen halten sich aus eigenem Machtkalkül zurück, wenn es um andere als die eigene Ideologie geht. Aber soll es allein den Karikaturisten überlassen bleiben, auch mal ein Statement zu den Glaubensverirrten anderer Religionen abzugeben? Soll es allein den Wissenschaftsjournalisten überlassen bleiben, die ungeheuerlichen Absolutheitsansprüche der Ersatzpriester aus dem Silicon Valley (Nomen est Omen) zu entlarven?

Das Neue ist immer aus dem Alten herausgewachsen, alle Religionen sind Patchworkgebilde und ohne Geburtshelfer nicht ausgekommen. Das müssen nun nicht mehr Personen mit Hang zu Machtgelüsten sein, aber eine differenziertere Supervisorin in all den Übergängen und neuen Fügungen, die uns heute verunsichern, als einmal mehr pauschal gesagt „die Psychologie“, ist für mich noch nicht auszumachen.

Wenn sich denn Psychologen etwas mehr einmischten!

Oder?

7 Responses to "Ein paar Gedanken zu Psychologie und Religion"

  • Daniel
    21. Apr 2015 - 23:53 Reply

    Interessantes Thema. Ich denke, dass spirituelle Fragen (nach Sinn und Orientierung) längst Einzug in einige Psychotherapiestunden genommen haben.

    VG Daniel

  • Ingo D.
    25. Apr 2015 - 22:44 Reply

    Bin evangelikaler Christ, Hobbyphilosoph und als HP-Psych in der systemischen Beratung und Therapie unterwegs.

    Die ethische Haltung meines Handelns wird bestimmt von meinem spirituellen Vertrauensverhältnis zu Gott und beantwortet mir die Frage: Was sollt ich tun.

    Die Klärung, Orientierung und Überprüfung meines Denkens auf Übereinstimmung mit dem was mir als Realität begegnet, wird auch bestimmt vom Konstruktivismus und der Systemtheorie und beantwortet mir die Frage: Was kann ich wissen.

    Die Wahrnehmung des möglichen Neuen, sowie die Courage Schritte zu dessen Ermöglichung und Verwirklichung zu gehen, wird bestimmt von lösungsorientierter systemischerer Kommunikation und beantwortet mir die Frage: Was kann ich hoffen.

    Im parallelen, prozesshaften Zusammenwirken aller drei Ebenen im subjektiven Bereich meiner Selbstreifung, im intersubjektiven Bereich meiner Beziehungsfähigkeit mit anderen, im objektiven Bereich meiner Orientierung in der Welt und im interobjektiven Bereich meiner Verantwortung die von uns allen geschaffenen Strukturen mit zu gestalten erahne ich wie die Frage: „Was ist der Mensch bzw. Gott“, mit wachsendem Taktgefühl beantwortet werden kann und höre aus der Ferne eine Musik, die sehr wohl zum gemeinsamen Tanz und Gesang einlädt und in Bewegung bringt.

    „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.“ (Karl Rahner)

    Übergriffigkeiten und Überhöhungen von „Psychologie“ zur Ersatzreligion dagegen ist im Grunde die maskierte Abwehr von zuviel Beschämung, bzw. zuwenig gesunder Scham, d.h. Schamlosigkeit.

  • Axel Siebmann
    27. Apr 2015 - 15:34 Reply

    Tut mir leid, kann mit ihrem gutgeschriebenen Aufsatz NICHTS anfangen. Das Zusammengefasse von Strömungen religiöser, philosophischer oder phychologischer Art, auch des letzten Jahrhunderts sind Informationen für Vorabiturienten.
    Es fehlt jedes persönliche Statement, und das wäre das Einzige, was mich an Ihnen interessieren würde.

    Fragen Sie sich doch bitte einmal, weshalb Sie sich hinter diesen allgemeinem Wissen verstecken? statt Ihre eigene, herrausgearbeitete Position zur Disposition zu stellen!

    Bevor Sie mich fragen:
    „Meine verschreckte alternde Seele“ wäre mit Ihrem auf dem Nachtisch veralterndem „ZEN“Buch eventuell ganz zufrieden, – DER BUDDHISMUS HAT ALLE ANTWORTEN
    Man bekommt nur soviel raus, wie man auch fähig ist, hineinzustecken. Ein Guru kann helfen, wenn er dann gut ist!
    Mit freundlichem Gruß,
    Axel Siebmann

  • Franz Josef Neffe
    28. Apr 2015 - 18:15 Reply

    Was man uns zum DENKEN untergejubelt hat, wurde uns zu AUTOSUGGESTION.
    Unbewusst bekräftigen wir Gedanken immer wieder und geben ihnen auf diese Weise Kraft.
    É.COUÉ hat uns vor hundert Jahren mit weltweitem Erfolg gezeigt, wie das funktioniert und wie wichtig es für uns ist, das verstehen und uns seiner bedienen zu lernen.
    Man hat das PRAKTISCHE ERFOLGSMODELL COUÉ mit allen Mitteln ausgegrenzt, damit nicht jeder auf EIGENE GEDANKEN kommt. Mit dieser Missgunst haben wir unser gesellschaftliches System heruntergewirtschaftet.
    Überall, wo ein bisschen was funktioniert, finden sich COUÉs Kerngedanken.
    COUÉ zeigt wie wichtig die praktische Unterscheidung von DER GLAUBE und DAS GLAUBEN ist.
    Das ist für Religion wie für Psychologie notwendig, wenn sie uns dienen soll.
    Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

  • Herbert Kremser
    5. Feb 2016 - 18:10 Reply

    Meine persönliche Ansicht dazu:

    Psychologie ist ebenfalls eine Religion, aber eine sehr spezielle.
    Sie ist die Religion der individuellen Atheismus. Im Zentrum einer jeden Religion fand ein wissenschaftlicher Fortschritt im Bereich: Wirtschaft, Politik, wissenschaft etc. statt.
    Dieser Fortschritts-Effekt löst bei den Anhängern einen Hoffnungs und Euphorie-Effekt aus.

    Beispiel: der Astrologe der eine Sonnenuhr baut und somit das Geheimnis von:
    Hunger, Wind, Kälte, Trockenheit etc. entschlüsselt und den Menschen zeigte, dass es zum einen 4 Jahreszeiten gibt und zum anderen auch die Möglichkeit sich nun bietet gezielte Berechnungen für die Agrarwirtschaft zu tätigen.
    Hunger, Kälte etc. verloren etwas an ihrem Schrecken und lösten eine Euporie aus.
    Deren Realwert allerdings deutlich geringer war als erhofft.

    Ähnlich betrachte ich den Psychologen, welcher das Geheimnis unserer Empfindungen:
    Angst, Depression, Burnout enträtselt und den Menschen eine Welt zeigt, der wir bisher
    hoffunungslos ausgeliefert waren.
    Auch hier verlor der Begriff „Depression“ etwas von seinem Schrecken, aber die Euhporie welche
    die Psychologie heute hat ist deutlich über deren Realwert.
    100% Euphorie auf 30% Prozac Wirkung. d.h .mindestens 3 fach Überbewertet ist die heutige
    Psychologie.

    Bezüglich Religion:
    Wir nehmen Psychologie nicht als Religion war, weil diese keinen „Wir-Konditionierungsmechanismums“ hat und ihre Spuren nicht mit „Göttern“ und „Kriegen“ in den Geschichtsbüchern hinterlassen kann. Sie ist also in den Tagesmedien nicht klar sichtbar.

    Sie ist eine Individual-Religion mit einem „Ich-Konditionierungsmechanismums“.
    Das Gott-Prinzip der Religion ist hier ein: „Ich der Mensch“ – Prinzip.
    Dass dieses „Ich der Mensch“ – Prinzip aber auch genauso gefährlich werden kann wie Religionen, zeigt die Psychologie der modernen Marktwirtschaft.

    Weil wir die individuelle, psychologische Sprache verstehen können, sehen wir die Manipulation nicht. Und wir sehen dadurch auch nicht, wie man selbst die Objektivität verliert.
    (eben: nur 30% Wirkung)

    Ich erwarte deshalb, dass parallel zur Euphorie der Marktpsychologie, auch bei der normalen Psychologie, Jahre der Ernüchterung folgen werden.

    Wie bei Religionen halt.

  • Herbert Kremser
    5. Feb 2016 - 19:19 Reply

    Diese ICH-Bezogenheit der Psychologie, hat noch ein anderes Problem.
    Man kann die Psychologie an den Akademien gar nicht kritisieren, für das was deren Anhänger mit den in den Medien, Justiz, Gesellschaft, etc. machen.

    Der betroffene Psychologe sieht sich womgölich gar nicht dafür verantwortlich.
    „Was kann ICH dafür, dass Psychologie missbraucht wird“ Etc.

    Bei „Wir- Konditionierungsmechanismen“ wird früher oder später in einem solchem Fall das Prinzip der
    „Bürgschaft“ geltend. Das scheint in der Psychologie nicht zu existieren.

  • Walter Aster
    27. Sep 2016 - 22:48 Reply

    Die Vergötterung des Glaubens ist eine alte Tradition aus jenen Zeiten, in denen das Kinderkriegen noch ein Spiel um Leben und Tod gewesen ist, mehr oder weniger alle von einem oder mehreren Parasiten befallen waren und die Ursache für jedwede Krankheit etwas mit Dämonen und bösen Geistern zu tun hatte. Außerdem starb man in der Regel viel früher als heutzutage und ein großer Kindersegen war bei ungünstigen Witterungsbedingungen nicht selten Ursache für so manche ernsthafte Hungersnot oder gar kriegerische Auseinandersetzung.
    Auch wenn es bisher noch nicht restlos nachgewiesen wurde, scheint es doch eine epigenetische Prädisposition für religiöse Gefühle zu geben, die sich nun nach dem Wegfallen all dieser Widrigkeiten irgendwie zu langweilen scheinen.
    Anstatt Gott immer wieder neu zu erfinden, sollten wir also zuerst mal herausfinden, warum es ihn überhaupt gibt!

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