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Ehe für keinen

Die Ehe für alle ist beschlossene Sache und Deutschland jubelt, als seien Aids und Krebs auf einmal besiegt worden. Dabei ist sie das falsche Signal. Sie ist ein weiterer Schritt in den Neobiedermeier. Das Ziel muss ihre Abschaffung sein, nicht ihre Ausweitung.

Selten habe ich in meiner Twitter-Timeline so viel einhellige Begeisterung gelesen wie in den letzten Tagen, seit der Bundestag die Ehe für alle beschlossen hat. Tanzende Schwule, feiernde Grüne und selbst manch einem verhärmten Gewerkschaftslinken schienen die Sorgenfalten für ein paar Stunden aus dem Gesicht gewischt. Ich muss gestehen, ich habe ja ein bisschen Angst vor dieser einhelligen Jubelfeier: Muss ich jetzt auch heiraten? Und wen eigentlich? Und was passiert, wenn nicht? Gibt es bald einen Strafzettel für Unverheiratete? Oder wer bis 35 nicht unter der Haube ist, zahlt einen Steueraufschlag von 20 Prozent. Eine Heirats-Unvermögensteuer. Einen Unvermittelbarkeits-Ablass.

Dabei war das Manöver mal wieder der gewohnt-gekonnte Merkelianische Eiertanz. In einem Interview mit dem Debattenmagazin Brigitte hatte die Kanzlerin die Worte „Gewissensentscheidung“ und irgendwas mit Pflegeeltern von acht Kindern aus sich heraus geschwurbelt. Das war schon beachtlich, schließlich hatte sie noch vor ein paar Jahren gesagt, das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare ginge ja mal gar nicht. O-Ton damals: Sie fühle sich nicht wohl, was das Kindeswohl in der Homo-Ehe angeht. Ob nun Mama und Papa oder eher zwei Papis ihren Kindern den Konsum von Ballerspielen vergeblich verbieten wollen, ist doch egal! Wirklich bedrohlich für das Kindeswohl ist ein Land, in dem Kita-Erzieherinnen wochenlang streiken können, ohne dass es jemanden interessiert.

Zwar stimmte Merkel bei der Abstimmung gegen die Ehe für alle, dennoch machte sie sie möglich. Ein taktisch ungeheuer schlaues, aber auch perfides Hakenschlagen. In die Geschichtsbücher wird eingehen: Merkel machte die Ehe für alle möglich. Trotzdem konnte der christliche Burgfrieden mit der CSU aufrechterhalten werden. Bei ihrem Nein sah man förmlich Horst Seehofer auf ihrer Schulter, ihr menschgewordenes Über-Ich. Merkel steht paradigmatisch für die Schizophrenie unserer Zeit: Der Kölner Psychologe Stephan Grünewald diagnostiziert, Deutschland sei gespalten in das, was er Auenland und das, was er Grauenland nennt. In den jüngsten tiefenpsychologischen Befragungen seines Rheingold Instituts gaben die Probanden an, sie interessierten sich wieder stärker für Politik, seien aufmerksamer, ließen sich aber die Freude am Leben in der heimischen Gefühlsparzelle, dem Auenland, nicht nehmen. Das Grauenland – also Kriege, Terrorismus, Globalisierung und Digitalisierung – sind zwar bedrohlich, bleiben aber weit weg. Zu den Abgründen der Welt entwickelt man eine entspannte Fernnähe, in der man sich beständig einreden kann, dass schon alles irgendwie gutgehen wird. Die Figur, die fürs Auenland steht, ist nach wie vor Angela Merkel, der Deutschen liebste Nachtwächterin. Und was gibt es Schöneres, als im Auenland ruhig zu schlafen mit dem Menschen, den man jetzt auch heiraten darf und sich einzureden, dass die eigene Betulichkeit die Realität jenseits der Scholle schon davon abhalten wird, das eigene Schlafzimmer heimzusuchen.

Von diesem neuen Landlust-Biedermeier-Virus haben sich auch die sonst so emanzipatorischen Linken gerne anstecken lassen. Tatsächlich beschlossen wurde die Ehe für alle schließlich von einer klaren linken Mehrheit im Bundestag. Erstaunlich. Hatten die Linken nicht immer gegen die Familie gewettert? Sie sei die Keimzelle des Faschismus, hat Max Horkheimer einst geschrieben. Karl Marx sah in ihrer Zerstörung den Schlüssel zur Überwindung des Kapitalismus. Heißt das, wenn Schwule und Lesben heiraten dürfen, ist der Kapitalismus plötzlich nur noch halb so schlimm? Überhaupt: Wie tragisch, dass ausgerechnet die Homosexuellen, die eine gesellschaftliche Utopie vor Augen hatten, sich immer noch nach romantischem Spießertum sehnen!

Auf den zweiten Blick ist die Ehe für alle ein genauso vergiftetes Geschenk wie das taktische Manöver der Kanzlerin – ja sagen, aber nein meinen: All die Schweinereien, die der Staat im Namen der Ehe vollzieht, gibt es jetzt auch für Euch. Schluss mit double income, no kids. In Zukunft greift das Ehegattensplitting: Wer mehr verdient, spart Steuern und wer weniger verdient, sollte am besten gleich ganz aufhören, zu arbeiten. Kostenlose Mitversicherung in der Krankenversicherung, sobald einer von beiden maximal die steuerfreien 450 Euro verdient. Der Mini-Job, die Autobahnausfahrt in die Altersarmut, wird endlich für alle staatlich subventioniert.
Endlich dürfen auch Schwule und Lesben Kinder adoptieren, das heißt: Bald seid auch Ihr alleinerziehende Mütter und Väter. Glückwunsch! Tolle Aussichten! Schon jetzt verdient ein Drittel aller Alleinerziehenden weniger als 900 Euro und krebst am Existenzminimum rum.

Wem also soll die Ehe nutzen? Von Anfang an sollte sie dem Staat dienen, der Gesellschaft nutzen, nicht denen, die sie eingehen. Der von beiden, der auf die schiefe Bahn gerät, abstürzt oder anderweitig ins Straucheln gerät, soll nicht dem Staat zur Last fallen, sondern dem Ehepartner. Damit das Ganze nicht ganz so kalt und gemein wirkt, wie es ist, hat man irgendwann noch die Romantik ins Spiel gebracht, die ihren Teil zum Irrsinn beiträgt: Die Verliebtheit soll ewig dauern, die Leidenschaft auch. Dabei ist die Verliebtheit vergleichbar mit einer mittleren Psychose – und eine dauerhafte Psychose führt entweder in die Psychiatrie oder ins US-Präsidentenamt. Die Verknüpfung von Romantik und einem Regelsystem, das die Gesellschaft zusammenhalten soll, ist nichts weiter als eine fortgesetzte Perversion. Die Ehe jetzt auf alle auszuweiten, ist das falsche Signal aus den richtigen Gründen. Ein Akt der Gleichberechtigung, ja, aber kein Fortschritt. Diese Armut der Seele zu zweien, wie Nietzsche sagte, gehört ins Museum. Ein echter Erfolg wäre die Ehe für keinen. Noch nicht mal für Volker Kauder!

Ein Gewinn wäre darum einzig, die Ehe als Privileg abzuschaffen. Staatlich unterstützt wird, wer Kinder erzieht und alle anderen Ehegattensplittings und ähnliche Prämien, die den sogenannten geliebten Menschen zur Grundlage eines Steuersparmodells machen, werden abgeschafft.

 

8 Responses to "Ehe für keinen"

  • Anja
    4. Jul 2017 - 13:19 Reply

    Mit einem Lächeln auf den Lippen begann ich zu lesen. Jetzt tut mir der Bauch weh vom Lachen. Ich stimme vollkommen mit Ihnen überein! Sehr schön geschrieben und ein bemerkenswerter Ausdruck.

  • Heinz Prochazka
    4. Jul 2017 - 15:47 Reply

    Welch erfrischend neue Gedanken! Danke dafür!
    Die Themen Zwangsehe und häusliche Gewalt sollte man in diesem Zusammenhang auch nicht unerwähnt lassen…

  • Christiane
    5. Jul 2017 - 1:00 Reply

    Sehr guter Ansatz!
    Staatlich Unterstützung haben außerdem Personen verdient, die Angehörige oder Freunde pflegen.

  • Martin
    5. Jul 2017 - 12:22 Reply

    Äpfel und Birnen:
    Jetzt, wo alle das gleiche Recht auf Heiraten haben, und nur darum geht der Jubel, kann auch jeder getrost gegen die Ehe sein.
    Vielleicht sollte dieser entscheidende Unterschied etwas deutlicher dargestellt werden!

  • Petra
    5. Jul 2017 - 20:17 Reply

    Eine ganz andere Denkweise, und so erfrischend geschrieben. Regt zum Nachdenken an. Mußte des öfteren herzlich lachen !

  • Chris
    6. Jul 2017 - 0:59 Reply

    Herr Schröder verteidigt mal wieder seine seit Jahren bekannte Meinung zur Ehe. Eigentlich gar nicht so schlecht, und v.a. verständlich, wenn man weiß, dass er selbst ein Scheidungskind ist

  • Peter
    25. Jul 2017 - 4:01 Reply

    Kommentar von Chris (06. Juli) geht unter die ‚Gürtellinie‘ . Erinnert mich an die törichte Dummheit von CDU-Abgeordneten der 60er Jahre, als diese sich bemühten Willy Brandt als ‚unehliches Kind‘ zu denunzieren. Chris bemüht den Geist der 50er + 60er Jahre, als NS-Ideologien (Juristen) noch ’salonfähig‘ waren und das Justiz-Ministerium in Bonn (Rosenburg) wegen Überfüllung von Nazi-Juristen ‚geschlossen‘ werden musste.

    https://www.tagesschau.de/inland/justizministerium-ns-vergangenheit-101.html

    Als Homosexueller hätte ich mir durchaus intelligente Argumente gegen die ‚Homo-Ehe‘ angehört. Nicht weil ich gegen diese bin, sondern weil es mir Freude bereitet hätte mich inhaltlich mit diesem Thema auseinander zu setzten.

    Die Strafbestimmung des § 175 StGB (Homosexualität) ist 1994 nur abgeschafft worden, weil keine Argumente vorgelegt werden konnten, um in den ‚Neuen Bundesländern‘ diesen Straftatbestand wieder ein zu führen.

    Und das Heterosexuelle mit Einführung der ‚Ehe für Alle‘ jetzt ihre Haustiere heiraten ist ein nicht ernstzunehmendes Argument der AFD, welches an den Realitäten vorbei geht.

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