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Ego am Stiel

Zum ersten Mal sah ich das Ding an einem sonnigen Januartag im Jahr 2015 am Arc de Triomphe in Paris. Ein japanisches Pärchen fummelte etwas aus dem Rucksack, das sich als Teleskopstock entpuppte. Mit zwei, drei Handgriffen montierten sie ein iPhone an die Spitze des Stocks, der ungefähr einen Meter lang war, streckten die Konstruktion am langen Arm vor sich – und fotografierten sich selbst. Eine riesige Figurengruppe mit napoleonischen Helden gab den Hintergrund ab. Überflüssig zu erwähnen, dass dieses Selfie anschließend versendet wurde.

Dieser Teleskopstock war mein erster Selfie-Stick. Nun, als ich ihn zum ersten Mal in Aktion sah, fielen mir all die kulturkritischen Kommentare wieder ein, die ich über dieses neuste Gadget für die Jeunesse digitale gelesen hatte. Der Tenor war in der Regel: Diese Erfindung sei das perfekte Symbol für den weltweit grassierenden Narzissmus. Sicher, die Selfie-Manie lässt sich mit diesem Gerät buchstäblich auf die Spitze treiben. Aber ist es wirklich Narzissmus, wenn manche Menschen das dringende Bedürfnis verspüren, allen Bekannten und Freunden mitzuteilen: „Hallo, ich bin gerade in Paris, ich habe eine tolle Zeit, mir geht`s super“? Schrieb man diesen oder einen ähnlichen Text in grauer Vorzeit nicht auch auf Postkarten? Und gab es „damals“ nicht die berüchtigten Dia-Abende, bei denen Freunde und Verwandte mit Wir auf Gran Canaria-Bildern sonder Zahl traktiert wurden?

Schon richtig, würden die Kulturkritiker entgegnen, aber nun habe das Ganze doch eine andere Quantität und damit eine neue Qualität angenommen. Es gebe Millionen und Abermillionen Menschen, die ihr ganzes Leben – ihre Reisen, ihre Mahlzeiten und vieles mehr – quasi permanent ausstellen. Dabei sei der Absender heute die Hauptsache, er stehe immer im Zentrum der Mitteilung, und der Hintergrund, die Mona Lisa, das Kolosseum oder das Brandenburger Tor, das frühere Postkartenmotiv also, sei eher nebensächlich. Die Botschaft laute nun nicht mehr nur: Ich bin gerade da oder dort. Sondern: Schaut! Mich! An! Nochmal Einspruch: Gerade der Stock erlaubt ja nun, einen weiteren Blickwinkel einzufangen und mehr Hintergrund ins Bild zu bringen. Und manchmal geht es beim Selfie sogar darum, so viele andere wie möglich mit ins Bild zu holen. Auch das ist sehr nervig und irgendwie infantil. Aber Narzissmus?

Jedenfalls bleibe ich bis zum Beweis des Gegenteils durch eine empirische Untersuchung dabei: Es sind andere Erklärungen möglich als Narzissmus (immerhin eine schwere Persönlichkeitsstörung). Das Selfie-Phänomen ist vielleicht eine Marotte, die wieder verschwindet, eine eher harmlose Wichtigtuerei. Oder ein schierer, millionenfacher Nachahmungstrieb befördert diese Manie. Und wenn man schon die Diagnose Narzissmus bemüht, dann wäre eine Einschränkung angebracht – es handelt sich eher um eine kulturelle Deutung, eine Metapher, nicht um einen klinischen Befund.
Der englische Philosoph Simon Blackburn findet das Phänomen „grotesk“ und „eine Plage“ und bringt den Begriff der Eitelkeit ins Spiel. Er beruft sich auf seinen großen Vorläufer Adam Smith: Vanity sei der innige Wunsch, das Objekt von Aufmerksamkeit und Zustimmung der Mitmenschen zu sein. Dieses Urbedürfnis, von anderen beachtet und geachtet zu werden, sei heute überdimensioniert und zur Selbstaufblähung mutiert: Ich, ich, ich! Womit Blackburn auch wieder beim klinischen Bild des Narzissmus landet. Das aufgeblähte Selbst braucht ständig Aufmerksamkeit und Zuwendung. Was aber bloße Wichtigtuerei und das (mitunter lächerliche, aber auch allzu menschliche) Buhlen um Zuwendung von gefährlichem Narzissmus unterscheide, so Blackburn, sei der völlige Mangel echter Narzissten an Mitgefühl, an Einfühlung in andere. Eitelkeit und Neid gingen eine toxische Verbindung ein: Echte Narzissten ertragen keine Konkurrenz, sie müssen Bessere herabwürdigen und Rivalen aus dem Feld schlagen, um alleiniger „Sieger“ im Kampf um Aufmerksamkeit zu sein.

Blackburn glaubt tatsächlich, eine Kultur des Narzissmus zu erkennen – erst sie habe die Entartungen des Finanzkapitalismus möglich gemacht („Kleptoparasitismus“), und sie habe Politikertypen wie Tony Blair und George W. Bush hervorgebracht. Beide seien Musterbeispiele für sozial blinde Selbstüberhebung in Tateinheit mit Eitelkeit. Und um es ganz klar zu machen, differenziert Blackburn: Ein gewisses Maß an Selbstliebe ist gut, wir brauchen sie – im Kantschen Sinne von „Selbstachtung“ und im Humeschen Sinne von „Stolz“. Erst die Furcht, sich vor anderen zu blamieren oder sich schämen zu müssen, dränge den Einzelnen zu sozialem und moralischem Verhalten. Aber diese Furcht ist eine andere als die des echten Narzissten. Der kennt nur die Furcht, nicht oder nicht mehr beachtet zu werden.

Es ist ein weiter Bogen, den Blackburn von einem vielleicht flüchtigen Phänomen („Selfie“) bis in die Höhen abendländischer Philosophie schlägt, von aufgeblasenen Politikern zum Selfie-knipsenden Touristen. Die Philosophie mag sich solche Bögen erlauben. Die Psychologie als empirisch fundierte Wissenschaft hat zwar sehr viel über Narzissmus zu sagen, aber sie muss auch vorsichtiger sein bei der Verknüpfung von Alltagsgewohnheiten und massiv veränderten, klinisch auffälligen Persönlichkeitsstrukturen. Sie kann Vermutungen anstellen, etwa darüber, ob bestimmte narzisstische Tendenzen zu übersteigerter Selbstdarstellung sogar „zeitgemäß“ und zweckdienlich sind, um in der spätmodernen Gesellschaft bestehen zu können. Vor vier Jahrzehnten hat der Soziologe Christopher Lasch bereits schon einmal das „Zeitalter des Narzissmus“ ausgerufen. Beweise blieben spärlich.

Deshalb sollte die Psychologie nicht der Versuchung erliegen, eine steile These ohne Beweisführung zu formulieren und einen ihrer wichtigen klinischen Begriffe für eine flotte Zeitgeistdiagnose freizugeben. Oder gar bei der Beweisführung nachzuhelfen – um mit einem getürkten Beachtung zu finden. Das wäre ironischerweise ein Beweis im Sinne der Blackburnschen Anklage: Um beachtet zu werden, tun manche Menschen so ziemlich alles …

5 Responses to "Ego am Stiel"

  • Michael Georg Kruppa
    14. Jul 2015 - 17:46 Reply

    Grüß Gott, Herr Heiko Ernst.
    Ich bin der Meinung, dass der Begriff „Narzisst“ generell zu leichtfertig verwendet wird. Aus meiner Betrachtung heraus wirft man gerne mal mit aktuell gebräuchlichen Schlagwörtern um sich, ohne
    fundierte Kenntnisse darüber zu haben. Ich sehe in dem Verhalten – gerade die Verwendung des
    Selfie-Sticks und der Selbstdarstellung im Internet ein völlig anderes Problem:
    Tatsächlich mangelndes Selbstwertgefühl und ganz konkrete Bindungsängste.
    Wo sind die Zeiten geblieben, als einst Klaus Hipp die Werbung beendete mit „Dazu stehe ich mit meinem Namen“?
    Die Menschen verstecken sich hinter falschen Namen, trauen sich nicht, offen und ehrlich zu sein,
    sind nicht bereit oder willens, ihre authentische Meinung zu äußern und plappern unbedarft alles nach.
    Die Verwendung eines Selfie-Sticks ist an und für sich ein ganz deutliches Anzeichen von Bindungsängsten. Warum sonst sollte ich Geld für etwas ausgeben, um bekommen zu können, was ich kostenlos haben kann. Mehr noch: Wenn ich den nächsten Passanten anspreche und um Hilfe bitte, habe ich noch mehr Vorteile: Geld für einen Selfie-Stick gespart, neuen Kontakt zu einem anderen Menschen bekommen, der möglicherweise mal ein Freund werden könnte und als dritte Option: Ich habe die Möglichkeit verschenkt, jemanden glücklich zu machen. Indem ich einen Passanten bitte, mir behilflich zu sein, vermittle ich diesem Menschen ja das Gefühl: „Du bist wichtig, du wirst gebraucht“
    ich habe auch eine Möglichkeit diesen dann zu loben. So kann ich dessen Selbstwertgefühl auch noch stärken. Ich hoffe, ich muss so allgemein gültige psychologische Grundsätze jetzt nicht beweisen.
    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag!

  • Gerd Dukaneer
    17. Jul 2015 - 19:39 Reply

    Es war sehr wohltuend den Artikel des Herrn Ernst und den anschließend Kommentar zu lesen und die Bestätigung zu bekommen, dass mein Gebrauch von Selfie-Teleskopstangen nicht auf Narzissmus beruht. Manchmal will man eben nur ein schönes Erinnerungsfoto vor einer grandiosen Landschaft machen und all Wandervögel wollen mit aufs Bild (deswegen sind sie aber noch lange keine Narzissten). Zu zeigen, dass man nicht nur zu Hause psychologische Fachliteratur liest, sondern auch aktiv Feldforschung betreibt, gehört zum gesunden Geist. Ein kreativer Mensah ist sich seiner Selbstwirksamkeit bewusst und kann sich in Zeiten, wo sie vielleicht eingeschränkt ist, mit Hilfe der Selfies daran erinnern und sogar
    wiedererlangen.

  • Julian
    25. Jul 2015 - 21:57 Reply

    Wie immer super Artikel! Sehr verständlich und dennoch anspruchsvoll geschrieben…Danke vielmals

  • Christiane Frenster-Nakayama
    8. Aug 2015 - 3:47 Reply

    Danke, Herr Ernst, für den wie immer wunderbar lesenswerten Text mit Kampf und Punktsieg gegen die „flotten Zeitgeistdiagnostiker“, die – wie ich finde – oft und auch hier verkappte strukturkonservative Jammerer sind, die dem „Früher war alles besser“ nicht widerstehen können. Wer Kinder hat (oder anderen Zugang zur Generation der digital natives) und sie gut beobachtet, sollte eigentlich wahrnehmen, wie viel Gutes in dieser Generation hochkommt. Klar – eine Menge Analyse- und Kritikwürdiges natürlich auch, wie in jeder anderen Generation. Aber gleich das Totschlag-Argument „Narzissmus“ zu bemühen, wenn Menschen die aktuellen Mittel – nun halt technische – für sich und ihre Selbstdarstellung nutzen, wo es nur um Menschliches – Allzumenschliches und auf die eine oder andere Art seit jeher Praktiziertes geht, empfinde ich auch als inflationären Gebrauch des psychologischen Diagnose-Instrumentariums.
    Mein erstes eigenes Selfie wartet noch auf den Anlass (bin gespannt drauf) und mein erstes bewusst wahrgenommenes Selfie habe ich tatsächlich erst vor wenigen Tagen live erlebt, obwohl ich häufig unterwegs bin (wo sind die alle?!): ein verliebtes Pärchen vor einer Sehenswürdigkeit meiner Stadt. Mir kamen die beiden so was von Du-zentriert und dermaßen wenig selbstaufgebläht vor … Na klar gibt’s auch beknackte Justin-Bieber- / Paris-Hilton-Selfies, aber ich bin überzeugt, wir Normalverbraucher-Ottos und -Ottilies kriegen diesen Spagat zwischen Dokumentationszwang und beglückenden Erinnerungs-Triggern schon hin. Wäre ja nicht die erste technische Neuerung, über die sich Zeitgenossen ereifern (worüber sich dann wiederum Nachfahren wundern…).

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