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Drohnen-Eltern

Im Optimierungswahn der Gegenwart ist das Kind zum neuen Heiligen geworden. Es muss beschützt, gefördert und vergöttert werden, bis der Therapeut kommt. Aber: Wer das eigene Kind zum einzigen Lebenssinn macht, legt die Spur für sein späteres Scheitern. Ein Aufruf zu mehr Gelassenheit.

Der Neunjährige wollte nur ein Abenteuer erleben. Die Mutter ließ ihn allein in einem Kaufhaus in New York zurück. Allein, ausgestattet nur mit Geld, Handy und einem U-Bahn-Plan. Sie war vorher oft mit ihm U-Bahn gefahren, er kannte sich aus und konnte alleine entscheiden, welchen Fremden er vertrauen konnte und welchen nicht. Er wusste, wie man sich selbständig zurechtfindet. Nach einer dreiviertel Stunde kam er begeistert zu Hause an, voller Stolz, was er geschafft hatte. Die Mutter wurde danach zur «schlechtesten Mutter der Welt» gekürt und hat heute eine eigene Fernsehshow in den USA.

Conny, eine Bekannte von mir ist schwanger. Diese an sich sehr erfreuliche Tatsache erweist sich im Alltag allerdings als extrem nervenaufreibend, da sie eine Stimmung der latenten Verkrampfung mit sich herumträgt. Und das kann man beileibe nicht mehr allein auf die hormonellen Verirrungen einer spätgebärenden Frühschwangeren zurückführen. Dieses eine Kind muss ein optimales werden. Das Leben ist schon jetzt ganz auf dieses Kind ausgerichtet: Einmal hatte ihr Mann Rohmilchkäse mitgebracht, da hatte sie ihn angeguckt, als wolle er sie und das Kind töten. Auch sonst lebt sie wie eine Nonne: kein Tropfen Kaffee. Keine Aufregung. Wirklich gar keine. Wenn sie auf der Straße sieht, wie jemand unter freiem Himmel eine Zigarette ansteckt, wechselt sie die Straßenseite. Kommt sie dem Süchtling näher als fünf Meter, droht sie mit Anzeige wegen Kindesmissbrauchs. Zu Hause hört sie nur noch Bach für Babys, schon Beethoven und Tschaikowsky wären zu heftig, von Wagner ganz abgesehen, diesem Führerkomponisten. Ich konnte mir nicht verkneifen, ein paar Takte Parsifal vorzuschlagen – sie würden nicht schaden als Vorbereitung für eine «Führer-light»- Karriere als Konzernlenker oder Parteivorsitzender.

Conny ist auf dem besten Weg zur Helikopter-Mama. So nennt man diese überbehütenden Eltern, in deren Mitte Conny offenbar eine große Karriere anstrebt. Ich finde diesen Begriff falsch. Helikopter sind sehr laute Fluggeräte. Schon im Anflug nimmt man ihre Rotorblätter wahr, sie klingen nach Krieg und lauter Überwachung. Wenn der Heli kommt, hört ihn das geschulte Ohr schon drei Tage vorher. Jeder halbwegs professionalisierte Schwerverbrecher kann sich noch in aller Ruhe eine Höhle im Wald buddeln, ehe der Helikopter wirklich über ihm kreist. Ich nenne Eltern wie Conny «Drohnen-Eltern». Sie überwachen ihre Kinder, folgen ihnen auf Schritt und Tritt, still und leise, ohne, dass sie selbst gehört werden, sie sind Detektive des Gutmeinens, stille Ermittler auf den Pfaden der optimalen Kindheitsentscheidungen. Sie sehen alles, wissen alles und sind darum die größte Gefahr für die Zukunft ihrer eigenen Brut: Indem sie alles wissen, verhindern sie, dass die vorgeblich Geschützten lernen, selbst zu entscheiden. Letztlich schützen sie, genau wie die echten Geheimdienste, niemanden außer sich selbst und ihre himmelschreienden Neurosen.

Sie tun es für sich, nicht für Ihre Kinder. Mittlerweile gibt es sogar Studien, die zeigen, wie sehr Eltern von diesem Eiertanz ums Kind und dem Förderwahn profitieren. Je engagierter die Eltern das Kind behüten, in den Mittelpunkt stellen und von bilingualer Kita bis hin zum Fechten und Reiten die Förderung ihrer Kinder planen, umso glücklicher sind sie – und umso unglücklicher wird das Kind. Es wird zur Rechtfertigung der eigenen Existenz.

Dabei lässt sich beobachten, dass viele Leute, die es, wie man sagt, im Leben zu etwas gebracht haben, aus ziemlich windschiefen Verhältnissen kommen. Ihr Vorteil ist der Mangel: Nur dort, wo nicht alles bis ins letzte Detail von Drohnen-Eltern durchgeplant worden ist, hat doch das junge Leben die Chance, seinen eigenen Platz zu finden, einen Raum, der nicht schon vom bedingungslosen Perfektionswahn mit den voreilenden Bedenken der Eltern zugestellt worden ist.

Drohnen-Eltern sind wie echte Drohnen einfach nur eine Gefahr für den echten Flugverkehr. Sie sind nicht nur der Horror ihrer Kinder, sie sind noch viel mehr der Horror aller Erzieher, Lehrer und allen, die es sonst noch gut mit den Kindern meinen. Da wird mit dem Anwalt gedroht, an Elternabenden stundenlang über potentielle Gefahren diskutiert, um das Kind dann doch lieber nicht auf die Klassenfahrt mitzuschicken, weil es dem 13-Jährigen nicht zumutbar ist, ganze fünf Nächte von zu Hause weg zu sein. Eine Bekannte erzählte mir neulich, dass in der Grundschule am Elternabend über eine halbe Stunde darüber diskutiert wurde, wie man gedenke, die Treppe abzusichern. Eine Treppe! Mit Stufen! Da kann so ein Sechsjähriger schon mal dran scheitern!

Als wir Unterschriften gefälscht haben, taten wir das, weil wir wussten, dass es Ärger geben würde; weil wir wussten, dass wir uns selbst in die Versetzungsgefährdung hineingeschrieben hatten mit unserer Faulheit. Wenn heute Kinder die Unterschriften ihrer Eltern fälschen, begründen sie das so: Wir wollten Mama nicht traurig machen! Ich kann die Kinder verstehen – schlechte Noten, das ist dieser Elterngeneration beim besten Willen nicht zuzumuten. Das machst Du als modernes Kind lieber mit Dir alleine aus. Wenn Conny so weitermacht, ist es durchaus denkbar, dass ihr Kind ihre Unterschrift schon fälschen kann, noch bevor es überhaupt schreiben gelernt hat.

 

 

 

8 Responses to "Drohnen-Eltern"

  • Anne
    14. Mrz 2017 - 13:11 Reply

    Herlich…
    Aber es sind nicht alle Eltern so…
    Es gibt auch noch uns nomale…Die starke Kinder hervorbringen ….Sie behüten und beschützen. ..Aber auch frei lassen
    Der Spanne ist oft nicht einfach…Es nennt sich loslassen…Ebenso Potenzial zu finden…
    Heutzutage bekommt man vorgeworfen …Das man Kinder unter Druck setzt…Da sich am schlechtesten orientiert wird…und es aber tatsächlich noch Kinder gibt…Die gerne von alleine fleissig sind…eben weil man es auch vorlebt…?!Weil man ihnen erklärt…und sie dann ihre Fehler selbst machen lässt…Aber dann bereit ist den Scherbenhaufen wieder gemeinsam zudammenzukeherenich war mit 10 allein …7 Tage …Meine Eltern waren Unternehmer…Ich bin auch gross geworden …und bin Selbständige ….Heute würden solche Eltern der Kindesvernachlässigung angezeigt werden…Aber in den 80/90zigern war das eben so…Wir sind 3km zu Schule gelaufen…Aber da gab es eben auch noch nicht soviele Autos..und Idioten..Es hat sich global etwas verändert…Aber auch das wird wieder kippen…Die Menschen schreien lediglich nach Veränderung…!!!Es gibt ein tolles Buch…Mit dem Titel einen Scheiß muß ich…wunderbar ist es zu lesen…Wie wir reingequetscht werden…In was wir alles tun müssen. ..Bleibt Euch und Eurem Bauchgefühl doch einfach mal selbst treu…Alles Gute an jeden da draußen

  • Petra Kurz
    14. Mrz 2017 - 13:31 Reply

    Der Mann hat recht mit allem was er schreibt……..nur in der Begründung für diese Tatsache, dass viele Mütter oder auch Väter so über das Ziel rausschießen hätte ich mir noch mehr Erklärung gewünscht.

    Oftmals sind es Ängst die da ganz viel mitspielen oder besser gesagt Angststörungen oder man ist selbst unter die Räder der emotionale Unfähigkeit der Eltern geraten.
    Wie soll man es denn dann bitte „richtig“ machen?

    Uns Menschen ist leider als Folge der gesellschaftlichen Weiterentwicklung die Intuition, das Bauchgefühl oder das Vertrauen in andere Menschen ( Kinder ) verloren gegangen.

    Aber wenn man sich genug anstrengt und es wirklich für sich und sein Kind will, kann man diese wichtigen Voraussetzungen des Mensch Seins wieder erlernen.
    Je früher man damit anfängt desto besser.

    Danke an meine Psychologin, Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin der Yogagruppe, meinem sehr geduldigen Mann und meinem wunderbaren Sohn mit all seinen Stärken und Schwächen.

  • Dr. Peter Seiler
    14. Mrz 2017 - 15:11 Reply

    Hallo Herr Schroeder,

    Ihr Artikel sollte zur Pflichtlektüre einer jeden werdenden Mutter werden. Man sollte es jedem Frauenarzt schicken, der es jeder werdenden Mutter noch vor dem ersten Ultraschallbild zeigt.
    Sie bringen das Problem genau auf den Punkt. Ich habe im Freundeskreis sehr viele Lehrer, wenn Sie Ihre Geschichten hören würden, kann man daraus ein Roman verfassen, allerdings ein Horrorroman.
    Ich habe in der Schule so viel Blödsinn angestellt, dass ein Klassenlehrer zu meinem Vater sagte, ich soll kein Abitur machen, sondern in den Zirkus gehen und im Studium haben Freunde und ich entschieden, das Vordiplom in Chemie zu verschieben und dafür ein Semester Billiard dazwischenzuschieben. Dafür habe ich später bei der Führung einer großen Abteilung gewusst, was ich zu machen habe. Das schlimme ist, dass all diese armen Menschen, so will ich sie mal nennen, in hohe Positionen in die Industrie kommen, weil sie wirklich gute Noten haben, aber dann…. Das ist auch Ursache von manchen Mobbing, eigene Angst.
    Glückwunsch zu Ihrem Artikel.

    Gruß

    Peter Seiler

    • Cornelia Frisse
      18. Mrz 2017 - 0:52 Reply

      Warum sollte man diesen Artikel eigentlich nur der werdenden Mutter vorlegen? Weil Mutti schon immer an allem Schuld war? Mein Mann und ich haben drei Kinder, aber der Helikopter bin nicht ich, sondern er. Soll es tatsächlich geben.

      • Cornelia Frisse
        18. Mrz 2017 - 0:55 Reply

        Dem Artikel selbst würde ich allerdings voll und ganz zustimmen. Als Mädchen der 70er und 80er durfte ich den ganzen Tag draußen rumtoben und mich in Gefahr bringen, es war herrlich! Ich wünschte, das könnte ich meinen Kindern heute auch „bieten“. Ist in Innenstadtlage mit Tempollimits ignorierenden SUVs allerdings leider nur bedingt möglich.

  • Renate Luhmer
    14. Mrz 2017 - 15:35 Reply

    Ich bin dagegen, Kinder in dieser Zeit unbeaufsichtigt sich selbst zu überlassen.Denn die heutigen Gefahren sind ganz andere als die, denen wir vor 60 Jahren ausgesetzt waren.
    Dennoch finde ich, der Autor dieses Aufsatzes liegt ziemlich richtig. Ich sehe auch mit Unbehagen, dass die Kinder und Jugendlichen zu stark verplant werden und zu wenig unorganisierte Freizeit haben, in der sie sich selbst fühlen und eigenen Impulsen von innen folgen könnten. Sie leisten zu viel, die erbrachte Leistung ist auch zu wichtig und wird damit zur Verpflichtung, viele Kinder haben zu wenig echten Kontakt mit Menschen und Tieren.
    Dies ist kein Plädoyer gegen feste Regeln mit regelmäßigen Gesprächen und Kontakt, in dem ein Elter, der seinem Kind nah ist, den „Zustand“ und den womöglichen Hilfebedarf seines Kindes „checken“, aber eben leider auch nur dann erkennen kann, wenn er Instinkt, Kompetenz und gute (erfahrene oder spürsame) „Draufsicht“ hat.
    Die eigentlich hilfebedürftigen sind die Eltern. Pädagogisches Wissen, durchaus auch angelesen, kann den Eltern helfen, sich mehr mit seiner eigenen Unsicherheit und ihren Nöten als Eltern zu beschäftigen als damit, das eigene Kind im Laufrad zu halten und dafür zu sorgen, dass es sich wehrlos frühzeitig auf die Leistungsanforderungen von anderen ausrichtet anstatt auf sein Wesen…
    Der Austausch mit anderen Eltern kann Eltern helfen, wenn er darauf aus ist, die Ängste und Nöte der Eltern zu artilulieren – und dies vielleicht sogar in organisierten Gruppen, die den elterlichen Impetus und Erfolgsdruck reduzieren und in gute Bahnen lenken könnten.
    Wir haben so etwas früher als lehrer auf Elternabenden getan: Wir haben regelmäßig mit den Eltern über die altersangemessenen Auffälligkeiten im Verhalten ihrer Kinder informiert und mit ihnen besprochen, wie sie damit umgehen können und sie auch dahingehend beruhigt, dass das meiste von dem, was sie in der Pubertät geboten kriegen, vorübergehende Erscheinungen sind, die nötig für eine gute Entwicklung sind. Wir haben die Eltern damit beruhigt und entlastet und sie davon abbringen können, selber zu regredieren und sich mit ihren Kindern auf deren Entwicklungsstufe in unergiebige Zweikämpfe zu verwickeln.

    Noch früher (1970?) gab es zu SPD-Zeiten in Berlin sogenannte „Elternblätter“ für Eltern von Kleinkindern. Diese Broschüre bekam jede Mutter ab dem Zeitpunkt der Geburt ihres Kindes monatlich frei Haus. Darin waren die Entwicklungsphasen ihres Kindes fortlaufend altersangemessen beschrieben – es gab auch Beschreibungen, wie die jeweiligen Entwicklungsphasen beschaffen und woran sie erkennbar waren. Und Tipps, wie Eltern damit umgehen sollten. Wenn Eltern / Mütter das annehmen konnten, war es sehr hilfreich. Am meisten beeindruckt hat mich damals daran, dass den Müttern auch psychophysisches FACHWISSEN vermittelt wurde wie dass Kinder erst zur Sauberkeit erzogen werden können und sollen, NACHDEM der Schließmuskel überhaupt funktionstüchtig ist, WEIL jeder vorherige Reinlichkeitserziehung das von ehrgeizigen Eltern erwünschte Ergebnis nur über die frühzeitige und krankmachende Verformung vom zuvor gesunden Körper des Kindes erreichen kann.
    Keine Ahnung, warum es sowas heute nicht mehr gibt. Vielleicht, weil die Probleme, die sich später aus der heutigen Aufzucht und Erziehung von Kindern ergeben könnten, mindestens bei Stadtmenschen im Zeitalter des Technologiewahnsinns schlechter vorherzusehen und vtl auch komplexer und schwieriger zu bedienen sind.
    Der Anpassungsdruck ist größer denn je, wenn einer Erfolg und Prestige braucht.
    Aber es gibt andererseits auch Hartz, wodurch keiner untergehen muss, der sich nicht anpasst.
    Überbehütende Eltern waren schon immer schlecht für Kinder. Das ist nicht neu. Nur die Qualität der Überbehütung – ihre Mittel und Möglichkeiten, ihre „Techniken“, die im Zeitalter der technologischen Potenz(ierung) auch immer unpersönlicher und „besser“ im Sinne von vollständiger und bedrohlicher werden.

  • Sophia Domke
    7. Apr 2017 - 15:09 Reply

    Ich denke, die aktive Gewalt in der autoritären Erziehung ist gar nicht so weit entfernt von der passiven Gewalt dieser Drohnen-Eltern. Denn im Kern sind es die Eltern, die ihr eigenes Drama am Kind reproduzieren. Sie kreisen um die tiefste Verletzung, um ihr eigenes tiefstes Trauma.

    Nämlich um die Erfahrung, so wie sie wirklich als Kinder waren, falsch gewesen zu sein und mit diesem Schmerz allein gelassen worden zu sein.

    Denn ob eine Mutter ihrem Kind „den Hintern versohlt“ um es zu einem besseren Menschen zu machen, oder in jeder natürlichen Bewegung hindert, um aus ihm den perfekten Erdenbürger zu gestalten, sie verletzen doch beide letztendlich die Integrität ihres Kindes und vermitteln ihm: du bist falsch so wie du bist und musst so und so sein, damit ich dich lieben kann. Sie verhalten sich dem Kind gegenüber nach dem Grundsatz: deine Natur ist im Kern falsch und ich muss ständig intervenieren, damit du nicht zu einem Defekt heranwächst. Woher werden sie diese tiefe Überzeugung wohl herhaben? Das ist das elementare Trauma, das sich in ihre Hirnwindungen gebrannt hat.

    In beiden Situationen hat das Kind keine Chance, ein gesundes Selbstgefühl zu entwickeln. Es muss, um in diesem Elternhaus zu überleben, seinen eigenen Empfindungen misstrauen lernen und ständig mit der Umwelt abgleichen, was gerade an Empfindungen und Verhaltensweisen erwünscht ist…

    In beiden Fällen entsteht ein Vakuum, wenn das Kind erwachsen wird und dem Erwachsenen wird die objektive Instanz seines gesundes Selbstgefühles fehlen.

    Im Grunde wird er keine andere Chance haben, als wieder diese Gewalt an seinen Kindern zu verüben, selbst wenn er versucht, alles ganz anders zu machen…

    Es sei denn, er stellt sich dem, was eigentlich wirklich in ihm am Werk ist und sorgt dafür, seine eigenen inneren Kinder dort abzuholen, wo sie stehen. Wenn die Eltern ein gesundes Selbstgefühl haben, werden sie es ihren Kindern vermutlich nicht verwehren.

    Sophia Domke von sophia-domke.com

  • Wolfgang Singer
    19. Mai 2017 - 14:16 Reply

    Sie sprechen mir aus der Seele. Als Lehrer erlebe ich den Wandel tagtäglich. Viele Kinder leiden und, was fast paradox erscheint, sie beschützen und rechtfertigen ihre Eltern. „Wenn ich nicht wieder mindestens eine 2 im Diktat habe, bekommt meine Mutter Migräne und ich bin dran schuld.“ [Originalzitat!] Der Druck, dem die Kinder schon ohnehin durch die zum Teil verheerenden Bildungspläne ausgesetzt sind, ist immens. Hinzu kommt der obligatorische Übergang auf das geliebte Gymnasium – koste es was es wolle, das Kind „bezahlt“ ohnehin dafür. Wenn man nun als Pädagoge innerhalb der Schule den Schülern eine kleine „Gegenwelt“präsentieren möchte, gerade in den musischen Fächern Zeit zum kreativen Tun bereitstellt, lediglich grobe Zielvorgaben macht, die Kinder sich erproben lässt, beginnen die empörten Rufe von Seiten der „hochengagierten“ Eltern, dass dies verschwendete Zeit sei! Wie schnell sich entsprechende Elterngruppen bilden, die via Smartphone und Internet sich gegenseitig „heiß“ machen und glauben, dem Lehrer gewaltig ins Handwerk pfuschen zu dürfen, ist unvorstellbar. Erschreckend aber auch ist der sozialverächtliche Blick dieser Eltern hinsichtlich denjenigen Kindern gegenüber, welche noch nicht zu sehr auf Bildungselite getrimmt sind! Zu meinem Bedauern färbt über kurz oder lang genau diese arrogante und überhebliche Haltung auch auf die betreffenden Schüler ab. Das soziale Klima in der Klasse vergiftet sich – ganz besonders in der Abschlussklasse der Grundschule, dem 4. Schuljahr. Nebenbei: In den letzten Jahren kommt es immer häufiger vor, dass bei den Schulempfehlungsgesprächen einige Eltern mit ihrem Rechtsanwalt auftauchen – man weiß ja nie!
    Auf der Strecke bleibt das eigene Kind.

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