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Die Zukunft: Trau, schau wem!

Über die Zukunft zu spekulieren und sie sich in leuchtenden oder düsteren Farben auszumalen bleibt ein allseits beliebtes Gedankenspiel. Es vereint Science Fiction-Anhänger, technologische Visionäre und Möchtegern-Nostradamusse, aber auch eher pragmatisch-nutzenorientierte Wissenschaftler und professionelle Trendscouts (die gerne Trendsetter wären und sich dann Futurologen nennen). Das säkulare Prophetentum kennt viele Formen. Auch Psychologen haben sich hin und wieder futurologische Ausflüge erlaubt, es ist noch nicht so lange her, dass B.F. Skinner in seinem Buch Walden II eine Welt entwarf, in der die Menschen mithilfe von Konditionierung und anderen lerntheoretischen Tricks zu ihrem eigenen Besten erzogen werden.

Wie wir uns der Zukunft nähern, ob wir von ihr träumen als einem kommenden Paradies oder ob wir sie eher fürchten, sagt viel, wenn nicht gar alles über unser Verhältnis zur Gegenwart aus. An den individuellen und kollektiven Fantasien über die Zukunft lässt sich ablesen, wie wir die Gegenwart empfinden – ob wir sie „fortschreiben“ oder lieber disruptiv verändert haben wollen. Ein demoskopisch stabiles Muster zeigt sich an jedem Jahresbeginn: Ängste und Pessimismus dominieren, wenn es um die Entwicklung des großen Ganzen geht, Hoffnungen und Optimismus sprießen, wenn die persönliche Zukunft eingeschätzt wird.

In den Künsten, literarisch und filmisch, haben die Kassandras klar die Oberhand: dystopischer Grusel ist ja doch unterhaltsamer als Disneyworld. Von Orwells 1984 und Huxleys Schöne Neue Welt über Blade Runner und Matrix bis zu jüngeren Szenarien wie Dave Eggers Roman The Circle (2013) sind Kunstwerke auch Warnschilder fürs kollektive Bewusstsein. The Circle zeigt den Horror einer künftigen Googleapplefacebook-Welt – den Totalverlust jeglicher Privatsphäre und das Einverständnis der meisten mit dieser Entwicklung (2017 verfilmt mit Tom Hanks und Emma Watson in den Hauptrollen). Ebenfalls 2017 kam der Film Singularity in die Kinos (John Cusack in der Hauptrolle): Singularität bezeichnet in der Technologie den Zeitpunkt, ab dem Maschinen so intelligent sind, dass sie sich selbst rasant verbessern. Dann können sie sogar, wie der Supercomputer Kronos in diesem Film, das Kommando übernehmen und sich gegen ihre Erfinder wenden.

Das singularistische Bedrohungsszenario einer Machtergreifung der Maschinen gegen den Menschen hält der Philosoph Markus Gabriel für Unfug (sein aktuelles Buch heißt: Warum es die Welt nicht gibt). „Futurologie ist reine Verwirrungstaktik“, meint er, denn Maschinen, und seien sie noch so „intelligent“, sind doch nur „seelenloser Schrott“. Ich stimme ihm da zu. Aber es sind ja nicht die Maschinen, die man fürchten muss, sondern die, die auch weniger intelligente Maschinen als Herrschaftsinstrument nutzen können und wollen.

Deshalb sind auch ohne dystopische Neigungen Fragen erlaubt: Wie wird die Welt in zehn, zwanzig, fünfzig Jahren nun wirklich aussehen? Ist es eine gute Sache, wenn Autos ihrem Namen Ehre machen und autonom fahren? Brauchen wir bald alle ein Bitcoin-Konto? Kann man irgendwann sein Gehirn in einen Computer hochladen, bevor man stirbt – und ist man dann überhaupt tot? Oder überleben wir uns selbst in Gestalt unserer Klone? Lassen sich Verbrechen oder Krankheiten bald mithilfe von Genom-Diagnostik verhindern? Lässt sich durch Facebook-Algorithmen nach und nach die Demokratie aushebeln? Werden wir den Mars kolonisieren – und wer darf mitkommen?

Die entscheidende Frage ist bei all diesen Gedankenspielen, Projekten und Projektionen: Welches Menschenbild und welche Gesellschaft wird – wenn überhaupt – dabei mitgedacht? Und wie beeinflussen diese Ideen unser Verhalten, etwa bei den Wahlen oder im Konsumentenalltag? Was bedeuten die technischen Innovationen für unser Zusammenleben, für Menschenwürde, Freiheit, Wohlstand? Dass wir das große Versprechen, auf das sich ein Großteil der Innovatoren etwa des Silicon Valleys einigen können, nicht glauben dürfen, ist klar: Es wird sicher nicht alles besser, leichter, schöner.

Eine mögliche Zukunft, in der etwa die digitale Informationssammlung, die Kontroll- und Manipulationsmöglichkeiten auf eine technisch mögliche Spitze getrieben werden, zeichnet sich gerade in China ab: Der Datentotalitarismus chinesischer Prägung ist eine Mischung aus Big Brother und Schöner Neuer Welt – der Staat weiß alles über dich – also benimm dich! Die Partei lenkt dein Verhalten wie ein gütiger, aber strenger, nun ja, großer Bruder. Eine westliche Variante der Verhaltenslenkung für Menschen, die partout nicht „vernünftig“ sein wollen, ist der libertäre Paternalismus, der sich hinter dem netten Wort Nudge (Schubsen)verbirgt. Wer sich nicht im Sinne einer Leitkultur verhält, wird durch sanftes Schubsen in eine Richtung gedrängt, die jemand – Wissenschaftler, Politiker, Unternehmer – als die vernünftige, gesunde oder sinnvolle definiert hat.

Vielleicht brauchen wir eine Typologie der Zukünfte oder der Entwürfe, wie wir leben werden oder sollen. Sie hätte ihren diagnostischen Ausgangspunkt durchaus in der Gegenwart: Welches Maß an Inklusivität, Demokratie, Menschenwürde ist jeweils in einer Vision enthalten? Und welche Interessen (kommerzielle, machtpolitische, philantropische) verfolgen die Zukunftserfinder im Hier und Jetzt?

Sollen wir beispielsweise auf „optimistische Singularisten“ setzen – und unsere Zukunft künstlichen Superintelligenzen anvertrauen? Die Protagonisten dieses Weges haben allerdings etwas nerdhaft Naives und Größenwahnsinniges. Und wie haben wir bisher auf Innovationen reagiert, die das Leben stark beeinflussen? Sind wir skeptisch-vorsichtige Bremser oder überschwänglich-optimistische early adopter? Welche Emotionen ruft eine Vision hervor: Vorfreude auf coole neue Erfindungen, oder Sorge um unerwünschte und unvorhersehbare Nebenwirkungen? Sind wir letztlich nur die macht- und kritiklosen Zielgruppen und „User“ der neuen Geräte und Erfindungen? Zum Beispiel zeigte eine viel diskutierte Studie der Psychologin Jean Twenge: Das Handy verändert offenbar das Sozialverhalten, den Intellekt und auch die Sexualität von Jugendlichen dramatisch – und nicht unbedingt vorteilhaft.

Die Permanenz und Omnipräsenz des digitalen „Angeschlossen-Seins“ macht uns mehr und mehr zu ohnmächtigen, passiven, blinden Objekten der Zukunftsplaner. Sie fördern – absichtlich oder unabsichtlich – das Gefühl: Das verstehe ich nicht mehr. Schauen wir ihnen auf die Finger! Prüfen wir ihre Methoden – und ihre Interessen. Und seien wir skeptisch gegenüber allen Versprechungen von Bequemlichkeit, Schnelligkeit, Problemlosigkeit.

One Response to "Die Zukunft: Trau, schau wem!"

  • Harry
    3. Dez 2017 - 15:04 Reply

    Ja die zunehmende Digitalisierung kann ein Fluch oder ein Segen sein. Man muss nur wissen wie man die Technologie zu seinen Gunsten nutzen kann, ansonsten stellt sie eine große Ablenkung dar.

    PS: Sehr interessanter Artikel.

    Viele Grüße.

    Harry

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