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Die Sehnsucht der Trumpwähler

Dieser Blog ist vor allem ein Literatur-Tipp: Es lohnt sich, immer wieder einmal Originaltexte von Sigmund Freud nachzulesen. Frappierend, wie  viele seiner Beobachtungen und Analysen den Blick weiten auf Phänomene, die uns heute noch und heute wieder umtreiben.

Noch immer fasziniert mich das, was derzeit im mächtigsten Land der Erde vor sich geht. Inzwischen ist es allerdings weniger die Person des Präsidenten – der ist mittlerweile gründlich ausgeleuchtet, parodiert und durchdiagnostiziert worden. Ein psychologisches Faszinosum bleiben jedoch die 30 bis 40 Prozent der Hardcore-Trumpwähler. Nichts scheint sie von ihrer Treue zum vermeintlichen Heilsbringer abbringen zu können. Eine Treue, die an Besessenheit grenzt. Trumps Anhänger scheinen völlig unempfänglich zu sein für Zweifel, für rationale oder moralische oder auch nur politische Argumente.

Wie Siegfried im Drachenblut badet Trump regelmäßig in der Menge seiner Getreuen. Bei diesen Versammlungen trägt er stundenlang – ganz ohne Teleprompter und Manuskript – seine, nun ja, Gedanken und freien Assoziationen vor. Und sie jubeln und feiern ihn ekstatisch, oder, wie man in Süddeutschland sagt: „wie ned gscheid“. Auffallend ist, dass die Choreografie dieser Rallyes die jubelnde Menge vor allem im Rücken des Präsidenten zeigt. Dort ragt immer eine Tribüne empor, und wir sehen den dort Sitzenden bei jedem Wort des Redners ins Gesicht (es gibt reichlich Beispiele bei Youtube zu sehen).

Wir können also in jedem Moment jede ihrer Reaktionen beobachten, kein gelegentlicher Schwenk der Kamera in die Menge vor Trump ist nötig. Wer nicht an der Rallye teilnehmen und sie nur im Fernsehen sehen kann, fühlt sich trotzdem als Teil einer „Ringmasse“, denn er sitzt, wie in einem Stadion, seinesgleichen gegenüber. Und kann sich in deren Emotionen spiegeln – oder ihr Hingerissensein bestaunen. Was ist in diesen Gesichtern zu lesen? Woher rührt diese quasireligiöse Verzückung? Wir haben sie in anderen Filmdokumenten schon mal gesehen, in Schwarz-Weiß ….

Schon im 19. Jahrhundert haben sich Soziologen und Psychologen Gedanken über die „Massenseele“ gemacht. Die wohl einflussreichste Theorie der Masse hat Gustave Le Bon formuliert. Er schrieb: „… das Individuum erlangt schon durch die Tatsache der Menge ein Gefühl unüberwindlicher Macht, welches ihm gestattet, Trieben zu frönen, die es allein notwendig gezügelt hätte.“ Und er fasst die dramatischen Veränderungen des Einzelnen in einer Masse, neben dem Hauptmerkmal der „kollektiven Intelligenzhemmung“, so zusammen: „Schwund der bewussten Persönlichkeit, Vorherrschen der unbewussten Persönlichkeit, Orientierung der Gedanken und Gefühle in derselben Richtung durch Suggestion und Ansteckung. Das Individuum ist nicht mehr es selbst, es ist ein willenloser Automat geworden.“

Sigmund Freud hat, drei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, in seiner Schrift Massenpsychologie und Ich-Analyse an Le Bon angeknüpft und die affektiven Mechanismen zwischen Massen und ihren Anführern herausgearbeitet. Ihn trieb die Frage an, was „zivilisierte Individuen“ zu „Barbaren“ macht. Oder, wenden wir seine Überlegungen ins Zeitgenössische, zu hochaggressiven „Wutbürgern“. Anders als Le Bon sieht er weder Hypnose noch „Ansteckung“ am Werk. Freud untersucht mit dem Besteck seiner neuen Theorie der Psychoanalyse die „libidinöse Konstitution“ einer Masse, die einem Führer in lustvoller Unterwerfung und unter Aufgabe des eigenen Verstandes folgt.

Die Libido, also jene Lebenskraft, die auch Selbstliebe und sexuelle Energie einschließt, sucht sich ein Objekt. Im Falle politischer Massen ist das ein Außenseiter, dem man magische Kräfte zuschreibt und der die Konflikte und Rivalitäten innerhalb einer Gruppe zumindest auf Zeit neutralisieren kann. Und er formuliert ein Ziel, ein Projekt, für das er die Gefolgschaft der Masse braucht. Die gewährt sie ihm um so mehr, als er auch die immer in libidinösen Beziehungen vorhandene Feindseligkeit kanalisiert – und zwar nach außen, auf die klar definierten Feinde, die dem Führer und seiner Gruppe nichts gönnen.

Die Bindung der Gefolgschaft an den Führer ist deshalb so stark, weil sie über den seelischen Mechanismus der Identifikation erfolgt. Identifikation ist für Freud die früheste Form einer Gefühlsbindung an eine andere Person. Kleinkinder identifizieren sich (im Normalfall) mit ihren Eltern, möchten so werden wie sie. Und sie idealisieren und imitieren die Eltern, zumindest eine zeitlang. Und wie damals die Eltern ist der Führer jemand, der groß und stark und allwissend ist, gleichzeitig aber ist er für uns da, er ist einer von „uns“.

Der Führer bedient dieses Gefühl, indem er sich trotz seines Reichtums und seiner Macht in Gesten der Volkstümlichkeit ergeht (Trump isst am liebsten Junkfood, trinkt Cola, und sein Geschmack wird von den „Eliten“ verspottet, von den Anhängern jedoch als Beweis gesehen, dass er eben dieser Elite nicht angehört). Die Masse ist überzeugt: Er liebt uns, denkt und kämpft für uns, wenn wir ihm nur folgen. Eine Regression, also ein Rückfall in frühere Verhaltens- und Gefühlsmuster, macht aus der Masse ein anhängliches, fest gebundenes Kind.

Schließlich bietet der Führer seinen Getreuen das Erlebnis der Transzendenz – sie können sich als Teil einer großen Bewegung fühlen, etwas, das ihre Alltagsexistenz weit übersteigt. So sehr schätzen sie dieses Gefühl, dass sie die Realität ausblenden und sich ganz der Illusion der Größe hingeben können. – Make America Great Again. Dieses Schauspiel ist eine geradezu idealtypische Illustration dieser hier nur grob skizzierten Massenstudie Freuds. Sein Buch Massenpsychologie und Ich-Analyse ist zuerst 1921 erschienen und heute in verschiedenen Auflagen erhältlich, zum Beispiel im Fischer-Verlag.

Lesen!

2 Responses to "Die Sehnsucht der Trumpwähler"

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