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Die Schweiz – jenseits von Gut und Böse

Eine Abstimmungsvorlage in der Schweiz lautet sinngemäß: Wollt Ihr mehr Steuern bezahlen? Die Antwort des Volkes lautet: Ja. Das Ausland staunt, wo gibt’s das denn?!

Eine andere Vorlage heißt: Wollt Ihr sechs statt wie bisher vier Wochen Ferien? Die Antwort des Volkes: Nein. Das Ausland staunt. In Frankreich schafft es die Nachricht prompt auf die Frontseiten. Ils sont fou, les Suisses!

In aller Welt sind das Volksvermögen vermehrende Arbeiter, Ärzte, Ingenieure und Forscher hochwillkommen, ja Singapur schüttet extra teuer eingekauften Sand aus Malaysia vor der Küste auf, um sie zu beherbergen – die Schweiz erteilt eine Absage. Nein, es sind schon zu viele da. Das Ausland ist entsetzt oder applaudiert.

Die Liste des Sonderbaren im Guten wie im Schlechten im Sinne der Menschenrechte (Das „Minarettverbot“; die Schweiz als eines der letzten Länder, die das Frauenstimmrecht einführten – und dabei von Bern erstaufgrund der Nachfrage einer einzigen Appenzellerin gezwungen werden musste, es von heute auf morgen in allen Kantonen umzusetzen) ließe sich beliebig fortsetzen.

Was man Ausländern schon gar nicht erklären kann, so sehr man sich bemüht: Man reibt sich meistens auch im eigenen Land die Augen über den Ausgang dieser oder jener Abstimmung, ob an der Urne oder im Parlament, die gescheiten Prognostiker verhauen sich oft im zweistelligen Prozentbereich. Und das ist mir lieb, in diesem topographisch zerknitterten Land mit seinen tausend Kompromissen, den vier offiziellen Landessprachen und unzähligen lokalen Kulturen und Bräuchen, mit seinen starken Kantonen und Gemeinden und dem schwachen Bund in Bern, wo Minister (Bundesräte) eine Münze aus dem eigenen Sack in den Kaffeeautomaten einwerfen, wenn sie einem Gast des Departements eine Tasse Kaffee anbieten wollen.

Selbstredend, dass die sieben höchsten Regierenden des Landes ohne Bodyguards und Kamerageblitze am Abend das Bundeshaus verlassen, in öffentliche Verkehrsmittel steigen und nach Hause fahren, womöglich Toilettenpapier und eine Lauchstange vom Markt auf dem Bundesplatz in der Einkaufstüte, die man noch heimbringen sollte fürs Pot au Feu. Es steht jedem Ungläubigen frei, in Schweizer Fußgängerzonen den Test zu machen: Kennen Sie die Namen der sieben Bundesräte? Bestenfalls bringt es einer auf fünf. Kein Wunder, wenn es keinen Wahlkampf gibt. Die Namen erfährt man erst, wenn sie schon gewählt sind.

Um es klar zu sagen: Die letzte Abstimmung über die „Masseneinwanderung“ habe ich als große Schande empfunden, allein schon des Namens wegen. Ich finde den pauschalen Vorwurf des Rosinenpickens meines Landes seitens der EU rundum gerechtfertigt. Ich fand das feige Lavieren um das Bankgeheimnis mit seiner Differenzierung zwischen erlaubter Steuerhinterziehung und dem verbotenen Steuerbetrug vor 40 Jahren schon unverständlich und schändlich und kann die Plakatkampagnen der Schweizerischen Volkspartei SVP mit ihren Messerstechern, Minaretten als Raketen, ihren schwarzen und weißen Schafen, nicht anders als faschistoid bezeichnen. Aber davon soll hier nicht die Rede sein, auch wenn ich meinem Ärger darüber gerne Luft machen möchte. Es soll auch nicht von den unzutreffenden Vorwürfen der EU und der USA die Rede sein, die manches in ein anderes Licht rücken würden. Ganz abgesehen davon, wie andere Länder abstimmen würden, hätten sie Volksabstimmungen wie in der Schweiz.

Soit“ würden meine lieben Französisch sprechenden Landsleute jenseits des „Röstigrabens“ sagen, die bei den phobischen Landesthemen meist überstimmt werden, wobei die andere lateinische Minderheit, die Tessiner, oft noch radikaler national abstimmt als die Deutschschweizer Landkantone. Soit. Laschiamo questo. Dann warten wir die nächste Abstimmung ab! Und Volksabstimmungen folgen hier schneller im Takt als die Jahreszeiten, wobei auch hierin die eine ausbügelt, was die andere verpatzt. In diesem Land ist jenseits von Gut und Böse ein Zufallsgenerator am Werk, der mir lieb und teuer ist und damit zu tun hat, dass die Macht so tief im Volk verankert liegt, wie wohl nirgendwo auf diesem Planeten. Sicher ist, nirgendwo anders als in der Schweiz werden Minderheiten geradezu gehätschelt und dazu eingeladen, sich doch auch am Regieren zu beteiligen. Wenn Wohlstand und Stabilität eines von Rohstoffen ungesegneten und dafür zu zwei Dritteln mit Steinen verwöhnten Landes ein Indikator ist, dann hat sich diese Seltsamkeit bewährt, und das weiß jeder Schweizer zuinnerst.

Kürzlich erlebte Szene: In der Turnhalle eines politisch der SVP nahestehenden Dorfes wird der runde Geburtstag eines linksgerichteten Schriftstellers mit großem Aufwand geehrt. Der Bundespräsident (auch im einjährigen Turnus gewählt), ein zweiter Bundesrat und andere Politiker sind zugegen. Nirgendwo Polizei, außer Handys keine Fotoapparate, geschweige das Fernsehen, nur der Chauffeur einer der sieben Bundeslimousinen lehnt mit einem Knopf im Ohr im Eingang, an diesem Tag wohl auch mit einem Beschützerauftrag oder umgekehrt. Die Gemeindepräsidentin begrüßt die Anwesenden: und zwar die Gemeinderäte namentlich zuerst, dann namentlich die freiwilligen Helfer des Anlasses und die Spender der schönen Blumenbouquets – und dann seien da auch noch zwei Bundesräte aus Bern zugegen, „herzlich willkome ali mitenand“.

Nach der Veranstaltung auf dem Pausenplatz des Schulhauses bezahlt der Bundespräsident die nationale Cervelatwurst mit Senf aus dem eigenen Sack, drückt dem Chauffeur auch eine in die Hand und weg fahren sie Richtung Bern.

So lange das so ist und bleibt, gebe ich die Schweiz trotz allem nicht verloren, auch wenn ich mir nach Abstimmungen wie der letzten manchmal etwas verloren vorkomme in diesem Land.

2 Responses to "Die Schweiz – jenseits von Gut und Böse"

  • Andreas Irmer
    19. Aug 2014 - 11:40 Reply

    Die Schweiz ist das Vorbild für Europa. Die EU ist nur ein neuer Herrschaftslevel der Bürokraten und Politokraten. Aber die Schweiz und ihre einmalige direkte Demokratie ist Weg der Freiheit. Einer echten Bürgergesellschaft.

    Ebenso ist es das Recht eines Volkes „Stopp“ zu rufen. Auch wenn manche meinen Völkerwanderung light bringt Frieden, Reichtum und Freude.

  • Silke Barra
    19. Aug 2014 - 14:26 Reply

    Sie sind schon „très spécial“, die Schweizer. Da das Weltgeschehen auch ohne sie funktioniert, immer wieder kundtun, nicht mitspielen zu wollen und sie seit Jahrhunderten ihr Neutralität wie Schutzschild vor sich herhalten. Eine offensichtliche Differenz von Fremd- und Eigenbild scheint zwischen und hinter den Bergen keine Rolle zu spielen.
    Ich habe für einige Zeit in der Schweiz gelebt und gearbeitet, ob im deutschen oder welschen Gebiet, sah ich keine große Differenz im Verhalten der Bevölkerung. Nur ein Beispiel in Sachen EU: …“ sie waren sich alle einig, die Schweiz sei noch nicht so weit darüber nachzudenken… “ Nun ja, sie sind zwar in Europa, tun so, als wenn sie auf einem anderen, eigenen Kontinent leben.
    Ich gebe die Schweiz zwar auch nicht verloren und hoffe, dass die neuen Generationen durch etwas Multikulti „slowly but gradually“ etwas ändern will – doch kann? In der schweizerischen Fussball-Nationalschaft klappt es noch auch… hopp, Schwyz!!

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