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Die magische Wirkung von Respekt

Es ist kein Geheimnis, dass das staatliche Sozialnetz in den USA dünner als in europäischen Ländern ist. Zwar existieren durchaus zahlreiche Programme für bedürftige Bürger, aber die Leistungen lassen sich vom Umfang nicht mit dem Sozialsystem in Deutschland vergleichen. Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche gemeinnützige Organisationen, die sich – mit oft originellen Ansätzen – um arme, kranke oder arbeitslose Mitbürger kümmern und von der großen Spendenbereitschaft und dem ehrenamtlichen Engagement vieler Amerikaner profitieren.

Eine der faszinierendsten Non-Profit-Einrichtungen, die ich kenne, ist das Inspiration Café in Uptown, einem Stadtteil in Chicagos Norden ganz in meiner Nähe. Hier können Obdachlose ein kostenloses Frühstück oder Abendessen bekommen. Doch es ist keine der üblichen Suppenküchen, in denen man sich an der Essensausgabe anstellen muss oder einfach einen Teller vorgesetzt bekommt. Auf den ersten Blick unterscheidet es sich kaum von einem normalen Restaurant. Die Gäste können Speisen aus einer umfangreichen Karte auswählen und werden am Tisch bedient. Wenn man etwas nicht mag, kann man es zurückgehen lassen. Bei meinem letzten Besuch an einem Montagmorgen saßen etwa 25 Männer und Frauen im gemütlich eingerichteten Essraum in kleinen Gruppen zusammen. Auf den Tellern waren Eiergerichte, French Toast oder Pancakes angerichtet und ehrenamtliche Helfer sahen zu, dass es allen gut schmeckte.

Man merkt schnell, dass es im Obdachlosen-Café um viel mehr als die Versorgung mit warmem Essen geht. Menschen, die auf der untersten Stufe der sozialen Leiter stehen, können hier die Erfahrung machen, respektvoll, freundlich und umsichtig bedient zu werden. Dadurch, so die Hoffnung von Lisa Nigro, einer ehemaligen Polizistin, die die Einrichtung vor 26 Jahren gegründet hat, kann in ihnen das Gefühl der eigenen Würde (wieder) wachsen.

Längst ist klar, wie wirkungsvoll der Ansatz ist – nicht nur, weil mittlerweile ein zweites Café dazugekommen ist. Evan Cauble-Johnson, ein leitender Mitarbeiter der Organisation, erzählte mir von der erstaunlichen Transformation, die er immer wieder bei den Gästen erlebt: „Wenn die Leute das erste Mal zu uns zum Essen kommen, sind sie oft schüchtern und zurück genommen. Sie sind an ein einsames Leben ohne soziales Netz gewöhnt. Aber dann freunden sie sich mit anderen Gästen an, lernen die Ehrenamtlichen kennen; und sie trauen sich, mehr aus sich heraus zu gehen. Die Leute werden wieder sie selbst.“ Diese Dynamik ist auch wissenschaftlich belegt. Vor ein paar Jahren luden zwei Psychologen von der Universität Illinois in Chicago 24 Gäste des Inspiration Cafés zu einer Interviewstudie ein. Die Teilnehmer schilderten eindrucksvoll, wie sehr die höfliche, individuelle Behandlung und das Gefühl zu einer Gruppe zu gehören, Selbstwertgefühl und Motivation heben.

Wenn das Selbstbewusstsein steigt, schaffen es viele der Obdachlosen, ihrem Leben eine ganz neue Richtung zu geben. Dann nehmen sie auch eher die weiteren Hilfsangebote der Inspiration Corporation an. Dazu zählt auch ein Ausbildungsprogramm, in dem ehemalige Obdachlose zum Koch bzw. zur Köchin ausgebildet werden. In zwei öffentlichen Restaurants, die ebenfalls zur Inspiration Corporation gehöre, lernen die Trainees leckere Gerichte zu kreieren und den zahlenden Gästen professionell zu servieren. Damit schließt sich ein bemerkenswerter Bogen, wie ich finde: Nachdem sie selbst im Inspiration Café liebevoll versorgt wurden, kümmern sie sich nun um das Wohl anderer.

Ein anderer Aspekt, der mir am Inspiration Café gefällt, ist die tragende Rolle der Ehrenamtlichen. In den beiden Obdachlosen-Cafés kochen und bedienen jährlich rund 1300 freiwillige Helfer aller Altersklassen, Hautfarben und Berufsgruppen. Die Transformation, die man bei ihnen beobachten kann, betont Cauble-Johnson, sei ähnlich groß, wie bei den obdachlosen Gästen: „Selbst Leute, die sich der Problematik von Armut bewusst sind, sagen oft, die Mitarbeit habe ihnen die Augen geöffnet.“ Auf der Webseite der Organisation (www.inspirationcorp.org) kann man über die Erfahrungen der Helfer nachlesen. Eine Schülerin beispielsweise berichtet: „Ich konnte mit Leuten reden, die ich noch niemals vorher getroffen habe. Alle waren freundlich und jeder respektierte den anderen. Es gab keine Unterschiede, wir waren alle auf dem gleichen Niveau. Und so sollte es eigentlich immer sein.“

Auf dem Heimweg von meinem Besuch gingen mir ein paar Fragen nicht aus dem Kopf: Wie ist es eigentlich bei mir mit respektvollem Verhalten gegenüber Obdachlosen bestellt? Nehme ich sie als individuelle Menschen war? Oder doch eher als problematisches städtisches Phänomen, mit dem man sich nicht gern befasst? Wie fühlt sich wohl jemand, der auf der Straße sitzt und mich um ein paar Münzen bittet, wenn ich einfach wegschaue? Das ist für mich die eigentliche Magie des Inspiration Café, dass es wohl jeden, der es erlebt, zum Nachdenken bringt.

4 Responses to "Die magische Wirkung von Respekt"

  • Julian H
    4. Jun 2015 - 2:18 Reply

    Super Artikel! Danke! Finde Mitgefühl ist immer angebracht… Mitleid jedoch hilft keinem.

  • Nana
    14. Jun 2015 - 21:07 Reply

    Toller Artikel. Der Artikel im aktuellen Heft zum gleichen Thema dagegen gefällt mir überhaupt nicht.

  • Momokooh
    13. Aug 2015 - 12:48 Reply

    Es ist Faszinierend zu lesen, wie Menschen mal nicht gleich Obdachlose abstempeln als wären sie minderwertig. Es ist bewundernswert das es immer noch Mensch gibt die sich für Mensch Einsätzen die aus welchen Gründen auch immer auf der Straße gelandet sind. Es ist wichtig nicht jeden Menschen gleich abzustempeln ohne ihn wirklich zu kennen. Der Mensch hat eine Geschichte und man sollte nicht einfach hin weg sehn sondern ergründen und helfen. Die meisten Menschen sind nur noch auch sich bezogen und das finde ich traurig. Deswegen mein größter Respekt an die Menschen die andere noch nicht aufgegeben haben und helfen ohne wenn und aber zusagen.

    RESPEKT LEUTE !

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