Go to Top

Die Kunst, es nicht gewesen zu sein*

„Das habe ich getan! sagt das Gedächtnis.
„Das kann ich nicht getan haben, sagt der Stolz.
Endlich – gibt das Gedächtnis nach.“
Friedrich Nietzsche

Wie der Einzelne und wie Kollektive mit ihren Fehlern, Vergehen, Versäumnissen umgehen, wie sie sich eigener Schuld stellen, prägt unsere Kultur mehr, als wir ahnen. Wir können immer wieder sehr unterschiedliche Arten besichtigen, wie sich Menschen ihren Verfehlungen stellen. Zwei aktuelle Beispiele:

Da ist der FIFA-Skandal, der jeden zum Zyniker machen kann, so dreist und skrupellos – und vor allem: ungestraft – wurde da gelogen. Korruption in großem Stil wurde jahrzehntelang zur Wohlfahrtsmission für arme Länder zurechtgebogen. Das Verrückte daran ist: Alle, alle wussten es. Aber seltsamerweise können sich Ankläger wie Täter auch heute noch darauf einigen, dass vor allem „das System FIFA“ schuld an dieser Schmierenkomödie ist. Soziologen sprechen von kriminogenen Strukturen: Man kann doch gar nicht anders als zuzugreifen, wenn die Millionen so leicht zu haben sind. Wer könnte diesem Selbstbedienungsangebot widerstehen? Und so dürfen sich sogar die Täter ein bisschen wie Opfer fühlen – verdammte Verführung aber auch!

Und wie ist die unglaublich lange und ungestörte Blatter-Herrschaft zu erklären? Die Psychologie kennt das Phänomen der Verantwortungsdiffusion: Die Verständigung auf das „System“ ermöglichte auch den FIFA-internen Kritikern Blatters nichts zu tun. Gar nichts. Sie haben sich grummelnd mit dem System arrangiert. Denn, nicht wahr, einem Einzelnen kann man vielleicht auf die Finger hauen. Aber ein System ändern – vergiss es! Schön, dass wenigstens das FBI die gute alte und bewährte Fahndungsmaxime angewandt hat: „Follow the money trail! – Folge der Spur des Geldes!“ Denn am Anfang und am Ende der Geldflüsse sitzt kein System, da sitzen immer Geber und Empfänger mit einem Namen.

Ziemlich verräterisch erscheint mir eine in Deutschland öfter zu hörende Argumentation, die der US-Justiz nun sinistre Motive unterstellt: Das seien doch karrieregeile Staatsanwälte und Politiker, die in der FIFA eine Chance zur Profilierung gefunden hätten (als sie Strauss-Kahn am Wickel hatten, war Ähnliches zu lesen). Ich für meinen Teil habe überhaupt nichts dagegen, wenn sich jemand in der richtigen, in der gerechten Sache profiliert. Lang lebe Justizministerin Lynch!

Beispiel Nr. 2: Die Grünen arbeiten derzeit mit demonstrativer Betroffenheit und mit berechtigter Scham ihre pädophil verseuchte Phase auf. Wobei es vorwiegend nicht direkt involvierte Mitglieder sind, die diese mühsame Arbeit verrichten – die damaligen Dulder oder Mitwisser schweigen überwiegend. Grüne Mandatsträger haben sich vehement und zu Recht erregt, als die Aufklärungsarbeit des massenhaften sexuellen Kindesmissbrauchs in der katholischen Kirche nur schleppend voranging. Der schmerzhaften Erkenntnis, dass im eigenen Verein Unglaubliches toleriert wurde, stellen sich längst nicht alle, die Schuld tragen. Immerhin: Das „System Grüne“ bemüht sich inzwischen um Aufklärung. Es scheint zur Selbstkritik und zur Selbstreinigung fähig. Die FIFA ist das bisher und wohl auf Weiteres nicht.

Eigene Fehler eingestehen zu können, gehört nicht zu den starken Seiten des Menschen. Der Satz: „Ich habe es verbockt, das war ein schwerer Fehler von mir!“ geht den meisten nicht leicht oder gar nicht von den Lippen. Verleugnen und Verdrängen und bisweilen groteske Selbstrechtfertigungen und Abwehrmechanismen gehören vor allem in der Politik zur psychischen Grundausstattung. Das Spiel „Ich war`s nicht!“, bei dem es um die Zu- oder Abweisung von Verantwortung geht, wird fast täglich weiter gespielt. Etwa bei den diversen Beschaffungsskandalen der Bundeswehr: Wer hat wann wovon gewusst – und muss deshalb „Konsequenzen ziehen“?

Fehler zuzugeben gilt immer noch als Schwäche, die Angst vor Autoritäts- und Machtverlust ist groß. Die Sozialpsychologen Carol Tavris und Elliot Aronson stellen fest, (in ihrem sehr lesenswerten Buch Mistakes were made – but not by me), dass der letzte US-Präsident, der einen Fehler zugegeben hat, John F. Kennedy war. Nach dem Schweinebucht-Fiasko 1961 sagte er: „Die Verantwortung liegt ganz bei mir. Diese Regierung wird offen mit ihren Irrtümern umgehen … Ein Irrtum wird erst dann zum Fehler, wenn man ihn nicht korrigiert.“ Nach diesem Eingeständnis stieg Kennedys Popularität deutlich an.

Das Beispiel blieb dennoch folgenlos. Klassisch ist der Satz Henry Kissingers, zu dem er sich bequemte angesichts erdrückender Beweise für gravierende strategische Böcke und völkerrechtswidriges Handeln: „Möglicherweise kam es unter Regierungen, denen ich gedient habe, zu Fehlleistungen.“ Diese Systemformel „Es wurden Fehler gemacht“ soll beschwichtigen, wenn nichts mehr zu vertuschen ist, aber zugleich die Spuren zur persönlichen Verantwortung verwischen. Sie erfreut sich bis heute großer Beliebtheit.

Politiker könnten von einer anderen Berufsgruppe lernen, wie man mit Fehlern umgeht – von den Ärzten. Auch sie glaubten lange, dass ihre Autorität verlorenginge, wenn sie Behandlungsfehler eingestehen würden. Das Gegenteil ist der Fall: Seit sich die Ärzteschaft darauf verständigt hat – zumindest in einigen Ländern und in vielen Krankenhäusern – Behandlungsfehler nicht mehr zu vertuschen oder zu bestreiten, sondern offenzulegen, um daraus zu lernen und das System zu verbessern, stieg das Vertrauen der Patienten. Und das Ansehen der Mediziner.

* Ich bekenne: Diese Überschrift habe ich geklaut. Sie ist der Titel eines Aufsatzes von Odo Marquard, dem kürzlich verstorbenen großen Skeptiker. Der Philosoph sah in den gedanklichen Verrenkungen der Geschichtsphilosophie, die Verantwortung für die Übel der Welt an Instanzen wie „Natur“ oder „Gott“ zu delegieren, die „Kunst, es nicht gewesen zu sein“.

3 Responses to "Die Kunst, es nicht gewesen zu sein*"

  • Schreier Gernot
    9. Jun 2015 - 18:05 Reply

    Toller Artikel…
    Schreibe ja selbst auch einen „psycho-ironischen“ Blog in der österreichischen Zeitschrift “ Tirolerin “

    Leider wird Verantwortung in unserer Gesellschaft nicht gelebt.

  • Christelle Schläpfer
    10. Jun 2015 - 9:55 Reply

    Ausgezeichneter Artikel! Schwächen zuzugestehen, bedeutet Stärke zu zeigen (siehe Beispiel Kennedy). Doch der Hauptgrund, dass Menschen die Verdrängung vorziehen, sind Schuld und Scham, welche einen minderwertig fühlen lassen. Also lieber das Gesicht wahren und Ausreden finden, bis die Erinnerung so manipuliert ist, dass wir selber daran glauben.

  • Anonymous
    10. Jun 2015 - 22:59 Reply

    Jawoll – danke. Ohne Schuld und Scham, kein Schmerz. Ohne Schmerz kein Mitgefühl, keine persönliche Reifung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.