Go to Top

Die Bürde der Psychologin

Kurz vor dem Abitur fragte mich mein Klassenlehrer: „Weißt du schon, was du studieren willst?“ – „Ich dachte an Germanistik und Philosophie.“ Das waren meine Lieblingsfächer. Mein Lehrer hielt das für brotlose Kunst. Er sagte: „Du wirst einen guten Notendurchschnitt haben und könntest ein NC-Fach studieren.“ – „Was ist das?“ – „Das ist ein Fach, das viele studieren wollen – aber da es nicht so viele Plätze gibt, werden nur die besten Abiturienten ausgewählt.“

Das wollte ich unbedingt. „Welche NC-Fächer gibt es?“ – „Zur Zeit sind das: Biologie, Psychologie, Medizin und Zahnmedizin und Informatik.“

Drei Monate später ging ich zur Uni, um mich zu bewerben. In meinem Größenwahn wollte ich den Menschen als Ganzes erfassen: Medizin und Psychologie sollten es sein.

Nachdem ich meinen Antrag vorgelegt hatte, sprang mir der Beamte fast ins Gesicht. Er hielt mein Ansinnen für unverschämt: „Erstens sind Medizin und Psychologie Ganztagsjobs und zweitens: Glauben Sie, Sie können gleich zwei NC-Fächer belegen, während andere gar keinen Studienplatz erhalten?“

Etwas blass um die Nase und deutlich kleinlauter verließ ich das Zimmer. Dann ließ ich den Zufall entscheiden. An einer Uni versuchte ich es mit Medizin, an der anderen mit Psychologie. So bekam ich an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster einen Studienplatz in Psychologie.

Doch ich wusste noch gar nicht, welche Probleme das für mich bedeuten würde.

Als meine Mutter hörte, ihre Tochter studiere nun Psychologie, war das Erste, was ihr einfiel: „Wie schön. Jetzt muss du immer Verständnis für uns haben.“ Für uns: Es ging also nicht nur um meine Mutter, sondern auch um ihre Freundinnen und Nachbarinnen. Ich schluckte, sagte aber nichts.

Auch meine Freundinnen wollten von meinem Beruf profitieren. Jede Affäre wurde bis ins kleinste Detail diskutiert, die Männer wurden auf dem Seziertisch zerlegt. Immerhin: Meine Freundinnen schauten sich soviel ab, dass sie selbst als kleine Psychologinnen durchgingen. Denn manche ihrer Analysen trafen ziemlich ins Schwarze.

Wirklich gestört hat mich mein Beruf auf Partys. Und dass ich Psychologin bin, war nicht das einzige Problem. Auch die Namenshürde musste erst einmal überwunden werden:

„Wie heißt du?“
„Serpil.“
„Wie? Serfin?“
„Nein, Serpil.“
„Noch mal: Serkin?“

Oft schrie ich eine halbe Stunde lang meinen Namen. Bis ich heiser war.

Später machte ich es mir einfacher. Mein Spruch war: „Ich sage dir meinen Namen drei Mal, wenn du ihn dann nicht verstanden hast, nenn mich Aischa.“

Danach folgte die nächste Klippe: mein Beruf.

Ich hatte schlechte Erfahrungen damit gemacht, auf Partys darüber zu sprechen. Antwortete ich auf die Frage nach meinem Job wahrheitsgemäß, konnte es passieren, dass ich mir eine lange, tragische Lebensgeschichte anhören musste. Eingekeilt zwischen Lautsprechern und dem Erzähler verstand ich nur Fragmente des Gesagten. Oder mein Gegenüber schaute mich misstrauisch an, drehte sich auf dem Absatz um und suchte das Weite. Die dritte Möglichkeit bestand darin, dass sich mein Gesprächspartner analysieren lassen wollte. Ich musste dann erklären, dass mein Job als Psychologin nicht darin besteht, Menschen zu analysieren oder zu durchschauen. Schon gar nicht auf einer Party, auf der ich mich amüsieren will.

Nach einiger Zeit begann ich, mir Berufe auszudenken: Tierärztin, Sängerin. Einmal stellte ich mich als Anwältin vor. Aber das war auch nicht gut, da musste ich mir gleich eine Fallgeschichte anhören. Als ähnlich verfänglich erwies sich der Beruf der Ärztin. Am besten kam es an, wenn ich sagte, ich sei Oberschwester.

Privat verschwieg ich also oft, dass ich Psychologin bin. Bei der Arbeit aber, da wollte ich als Psychologin akzeptiert sein. Doch da war ich die Berufstürkin. Auf jedem Symposium, auf jeder Fachtagung – immer die gleichen Fragen über Türkinnen, über türkische Väter und Brüder.

Einmal rief mich eine Frau in der Beratungsstelle an, die ich leitete. „Hallo, ist dort die Türkin?“ – „Ja, ich bin in der Türkei geboren. Wie kann ich Ihnen helfen?“ – „Haben Sie ein Faltblatt, in dem steht, wie eine Kurdin über Psychotherapie denkt?“ – „Wie meinen Sie das, haben Sie mit der Frau schon gesprochen?“ – „Nein, ich wollte mich erst vorinformieren. Also, was ist nun?“ – „Äh, ich sage es mal so: Haben Sie jemals ein Faltblatt gelesen, das erklärt, wie deutsche Frauen über Therapie denken?“ – „Was erlauben Sie sich, Sie Muselmane, ich will sofort Ihre Vorgesetzte sprechen!“

Ich habe dann einfach aufgelegt. Mir fehlte der Mut, ihr zu sagen, dass ich nicht nur meine eigene Vorgesetzte war, sondern auch die der Deutschen in der Beratungsstelle. Ich hatte Angst, die Frau hätte sich sonst selbst zur Therapie angemeldet.

19 Responses to "Die Bürde der Psychologin"

  • Monika Weller
    12. Aug 2014 - 12:57 Reply

    Liebe Frau Serpil,
    Auch Oberschwestern haben Ihre Bürden 🙂
    Lieben Gruß

    Monika Weller, ihres Zeichens Oberschwester.

  • Janis
    12. Aug 2014 - 13:16 Reply

    Ja, ein bekanntes Leiden. Ähnlich empfinde ich es auch, wenn Bekannte selbst Diagnosen stellen und diese dann validieren lassen wollen.

    Ein zweites Gesicht des Psychologe-sein fehlt jedoch: Wir haben es doch so gewollt! Der Psychologie wohnt der Allmachtsanspruch inne, Menschen in den Kopf schauen zu können und nahezu jede Fragestellung psychologisch betrachten zu können. In gewissen Zügen genießen wir es auch, eine Rolle der allwisenden Psychologen einzunehmen. Eine Hassliebe also. Wir setzen uns diesen Fettnäpfchen immer wieder aus. So könnten wir auch den Namen einfach auf einen Zettel schreiben oder aber den Beruf „Geisteswissenschaftler“ nennen – doch tun wir es oftmals nicht.

  • Rob Mennis
    12. Aug 2014 - 13:50 Reply

    Ich habe ihren Beitrag mit Freuden gelezen. Es konnte eine Herausforderung gewesen sein die Anruferin geistlich um zu basteln, Schade um die Bemerkung von Masite Atik.

  • David
    12. Aug 2014 - 14:30 Reply

    Bürde . . .
    Nun ja, sie als Psychologin verstehen doch sicher am ehesten den Beweggrund hinter den einzelnen Verhaltensweisen und können daher am kompetentesten auf derlei Situation reagieren =D
    Hatte mir etwas mehr erhofft vor Lese Beginn
    Bin aber nicht enttäuscht da ICH wohl mit falschen Erwartungen an den Blog gegangen bin
    Viel Erfolg weiterhin für Sie

  • hatice
    12. Aug 2014 - 15:05 Reply

    Diesen Beitrag würde ich eher als „Die Bürde der türkischen Psychologin“ betiteln.

    Warum müssen türkisch stämmige Mitbürger sich immer auch als solche präsentieren? Sollte die kulturelle Herkunft, vor allem in solch einem Beitrag, nicht eher im Hintergrund stehen? Für mich ist es unrelevant.

    Auch ich habe anscheinend vom Beitrag zu viel erwartet. Schade.

    • Serpil Pak
      15. Sep 2014 - 18:33 Reply

      Hallo Hatice, freut mich das du mir geantwortet hast und sorry aber war weg. Jetzt bin ich wieder da. Du hast recht ich sollte demnächst über die Berufstürkin mehr schreiben, die wiederrum nicht als Psychologin ernst genommen. Nuttiges Schicksal. Migrantische Grüße

  • sara samardzic
    12. Aug 2014 - 15:11 Reply

    sehr interessant und lustig. Eine Freundin von mir hat schon aufgehört, sich als Psychologin vorzustellen, sie hat sich einen anderen Beruf ausgedacht: Volkswirtin. Das klingt so langweilig!!

  • swantje
    12. Aug 2014 - 15:56 Reply

    Nun ja, ich bin Sozialpädagogin und arbeite in einer stationären Jugendhilfeeinrichtung und alle Leute im Bekanntenkreis, die Probleme mit ihren Kindern haben, wenden sich vertrauensvoll an mich, obwohl unser eigener Sohn auch nicht immer ein Vorzeigekind ist…. Mein Schwager ist Bankkaufmann und bei jeder größeren Investition, belästige ich ihn -außerhalb seiner Arbeitszeit- gerne mit meinen Fragen….. Meine Freundin ist Zahnärztin und hat schon ganz oft einen Blick auf alle Zähne meiner gesamten Familie werfen müssen und raten Sie mal, was mein Stiefvater erledigen muss, wenn er uns besucht??? Er ist Elektriker….
    Also , Kopf hoch, das geht uns allen so!

  • Anna Gramm
    13. Aug 2014 - 13:22 Reply

    Hallo Fau Pak,
    Ihr Blog hat mich zum Schmunzeln gebracht.
    Es ist nicht so einfach mit den Vorurteilen der Mitmenschen klar zu kommen. Viele vergessen, dass neben den Beruf (oder der Berufung), auch noch ein „ganz normaler Mensch“ ist, mit anderen Bedürfnissen.
    Ich bin Designerin und habe auch Schmuck entworfen. Bei mir heißt das Vorurteil: Du machst Schmuck, aber du trägst ja keinen. Man sieht dir nicht an, dass du Designerin bist.
    Meine Antwort: Ich habe alle meine Entwürfe im Kopf. Soll ich dir was entwerfen, dann kostet das Geld!
    Und schon ist das erledigt.
    Herzlichst viel Spass bei der Arbeit

  • Regina
    13. Aug 2014 - 14:13 Reply

    Wunderbar geschrieben und sehr wahr. Ich bin als Psychologin auf Parties und im Urlaub auch gerne inkognito; am besten klappt bisher: Sachbearbeiterin. Klingt total langweilig und provoziert kaum Nachfragen…

  • bettina
    14. Aug 2014 - 10:12 Reply

    Ich fühle mit dir! Privat wirst du niedergeredet oder sie bekommen angst durchschaut zu werden….der spruch den ich am häufigsten hörte beim kennenlerne: a psychologin, jetzt wirst mich sicher gleich durchschauen und willst du dich in einem andern job etablieren, weil es nach dem studium nicht gerade viel möglichkeiten gibt ohne weiterbildung, dann hat man es sehr schwer. Die einen haben angst vor psychologen, die anderen wollen einem erzählen, man hat jetzt studiert und will ja gar nicht im büro arbeiten. Der nächste sagst man sei überqualifiziert, aber kellner, reinigungsdame usw. Für diese jobs ist man nicht überqualifiziert. Beim letzten passt man nicht in die gruppe, da man einen titel hat. Usw. Und was ist die quintessenz? Hat eine hohe qualifikation oder bessergesagt mehrere und macht arbeiten für die keine nötig ist und ist unglücklich oder man macht nichts und hofft dass man doch einen anspruchsvolleren job bekommt!

    • Serpil Pak
      24. Sep 2014 - 17:37 Reply

      Liebe Bettina,
      du weisst wovon ich rede. Danke für wirkliches Verstehen Kollega.

  • Sara
    14. Aug 2014 - 16:35 Reply

    Wie wahr! Genauso ist es!

    „Oh, dann muss ich ja jetzt aufpassen, was ich sage!“
    „Weißt du denn dann, was jemand denkt, wenn er so oder so schaut?“
    „Du hättest etwas tun müssen, schließlich siehst du doch immer alles!“

    • Serpil Pak
      24. Sep 2014 - 17:34 Reply

      Liebe sara,
      du hast so schön gefragt.
      1. musst nicht aufpassen bin nicht immer im dienst. Vor allem wenn ich party mache.
      Große Widersprüche fallen mir schon auf. Gedankenlesen kann ich nicht. Ich muss immer zweimal die Projektionsfläche bieten, als Psychologin und als Türkin.Oft ist es für mich auch eine Überforderung.
      Danke für deine Anteilnahme.

  • Menekse Deprem
    18. Nov 2014 - 12:59 Reply

    Liebe Frau Pak,
    es ist gut, wie Sie schreiben. Manchmal schreibt man etwas locker flockiger als es sich leben lässt. Das Schreiben lässt es aushalten. Wahrscheinlich sagt das eher über meine eigenen Erfahrungen als über Ihre. Jedenfalls, kann ich in meinem Leben vieles, von dem Sie berichten, bestätigen. Aber in einem Punkt könnte ich Sie sogar toppen, keine Muselmanin sein, keine Türkin sein, weil aber man in der Türkei geboren und aufgewachsen ist, die ganze Palette der Vorurteile gegen die muhammedanische Türken auf sich gerichtet sehen.
    Alle besten Wünsche

  • Regina Höfer
    17. Feb 2016 - 21:15 Reply

    Meine Top 5 der Reaktionen auf „Ich bin Psychologin“:

    1. „Oh, ok…“, schweigt den Rest des Abends
    2. „Wie interessant, das wollte ich auch unbedingt studieren, aber ich hatte den NC nicht“
    3. „Ich hab da mal eine Frage: der Schwager meiner besten Freundin ist depressiv, was kann man denn da machen?“
    4. „Oh je, dann muss ich jetzt aufpassen, was ich sage! Du hast mich bestimmt schon analysiert!“
    5. „Psychologen haben doch selbst einen an der Klatsche!“

  • Carrie
    29. Dez 2016 - 5:23 Reply

    Sofern die Situation nicht wichtig ist sage ich auf Partys gerne, dass ich im Krankenhaus arbeite und biete damit eine wunderbare Projektionsfläche. Denn der Mensch hört eben, was er hören will, von „Oh sie hat einen Knochenjob in der Küche, lieber nicht weiter bohren…“ bis „Verwaltung, wie öde“. Nachgehakt wird selten, schließlich reden viele Menschen allzu gerne über sich selbst. Und dann ist das gefragt, was wir am besten können, das Zuhören…

    Kommt es doch mal raus mit der Wahrheit und wird diese mit der üblichen Aussage „da muss ich aber aufpassen, was ich sage“ quittiert, dann kontere ich mit „nicht nötig, ich kann Gedanken lesen“. Stille.

    Das Schöne ist ja, dass wir Psychologen Narrenfreiheit haben, da wir eh als seltsam gelten!

  • Paolo Pinkel
    10. Mrz 2017 - 14:02 Reply

    Hallo Serpil!

    Das ist echt ein leidiges, aber auch lustiges Thema, wenn man förmlich die Angst der anderen spürt durchleuchtet zu werden. 🙂

    Dabei ist Psychologie unser ganzes Leben und jeder wendet es, wenn auch unbewusst an. Der erste Eindruck, die kleinen netten Taktiken um als Kind etwas von den Eltern zu bekommen oder im Berufsleben bei Verhandlungen.

    Wer sich nicht mit Psychologie beschäftigt verpasst definitiv was vom Leben.

    Liebe Grüße

    Paolo

  • James Donovan
    25. Apr 2017 - 0:43 Reply

    Ich hatte neben meinem Studium einige Zeit in einer Klinik gearbeitet, viele Psychologie StudentInnen im Praktikum in dieser Zeit kennengelernt und leider eher die umgekehrte Erfahrung gemacht. Das viele von ihnen meinten Sie verfügen bereits nach ein paar Semester Theorie über eine vermeintlich ausgezeichnete Menschenkenntnis. Eine Annahme die – beruflich sowie privat – oft in voreiligen Rückschlüssen und Fehl- oder Überinterpretationen resultierte.

    Es waren alles mitsamt tolle Menschen, aber kam es zu alltäglichen –
    teilweise banalen – Beziehungskonflikten (ich hatte einige der Studentinnen näher kennengelernt) so kam es recht häufig vor, dass man das Gefühl gerade hatte unfreiwillig sich einer Psychotherapie-Sitzung unterziehen zu müssen, was mitunter sehr nervig sein konnte.

    Aber ich möchte nicht pauschalisieren, ich kenne auch viele kompetente PsychologInnen und alle sind sich einig, dass Sie keineswegs in der Lage sind ihr Gegenüber komplett unilateral zu „durchleuchten“ wie es die Gesellschaft oft fälschlicherweise annimmt bzw. dass auch nicht ihr Job ist. Vielmehr soll die psychotherapeutische Maxime lauten, gemeinsam mit dem Klienten Zusammenhänge zu erkennen und Rückschlüsse zu ziehen, um dann geeignete Interventionen zu veranlassen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.