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Die Antwort ist das Unglück der Frage

Vor drei Wochen, am 24. März 2015, zerschellte der Airbus 320 der Germanwings in den südfranzösischen Alpen. Alle Mitglieder der Crew und alle Passagiere starben. Das schreckliche Unglück erwies sich zwei Tage später als eine entsetzliche Tragödie. Das Gerät, das die Kommunikation im Cockpit aufzeichnet, war gefunden worden. Brice Robin, der Staatsanwalt aus Marseille, gab den Untersuchungsbefund bekannt: „Es ist davon auszugehen, dass der Co-Pilot bewusst die Zerstörung des Flugzeugs eingeleitet hat.“ Der Untersuchungsbefund, das gab Brice Robin mit dem ersten Teil des Satzes an, war erschlossen. Die empirischen Belege waren: die Ankündigung des Piloten, die Toilette aufzusuchen; die Geräusche beim Verlassen des Cockpits und bei dem offenbar forcierten Versuch, das Cockpit wieder zu betreten; das Schweigen des Co-Piloten, der die Tür nicht öffnet; seine gleichmäßige Atmung – wobei wir nicht wissen, wie gleichmäßig sie war. Zugleich gab Brice Robin die Erklärung des Unglücks: der Co-Pilot hätte es bewusst eingeleitet.

Die Veröffentlichung der ersten vermuteten, plausibel erscheinenden Deutung der Kommunikation und Geräusche im Cockpit war verständlich, aber unzureichend bedacht. Denn mit der Erklärung der bewussten Handlung etablierte der französische Staatsanwalt eine dominierende Interpretation, der unsere öffentliche Diskussion sofort folgte, ohne zu bedenken, dass damit eine eindimensionale psychologische Konzeption eingeführt worden war. Was ist eine bewusste Handlung? Aus unserem Alltag wissen wir, dass wir im Kontext einer Absicht handeln können, aber gar nicht wahrnehmen und später erinnern können, wie wir handelten. Das Autofahren ist ein bekanntes Beispiel: Wir steigen in unseren Wagen, fahren zur Arbeitsstelle und wundern uns, wie wir unser Fahrzeug steuerten. Während wir fuhren, waren wir offenbar woanders. Aber wo? Irgendwo in unseren Gedanken, Erinnerungen, Fantasien, Sehnsüchten, Konflikten. Häufig wissen wir nicht mehr, wo. Mit anderen Worten: Während wir in einer bestimmten Absicht handeln, bewegen wir uns in anderen, bewussten und nicht-bewussten Kontexten.

Was hatte der Co-Pilot der Airbus-Maschine vor? Die suizidale Absicht liegt nahe, aber wir wissen nicht, wie nahe. Wir wissen nicht, in welchen Kontexten A. L. sich befand, als er die Tür des Cockpits verriegelte. Wir wissen nicht, ob und wenn wie er hin und her gerissen war zwischen seinen Lebensinteressen und seinen destruktiven Impulsen. Er hatte sich entschieden, den Sinkflug einzuleiten und die Geschwindigkeit des Flugzeugs zu erhöhen. Aber wie hatte er sich entschieden? Mit welchen Gedanken, Fantasien und Konflikten? Gab es einen Anlass? An wen dachte er? Wem wollte er mit seiner monströsen Tat etwas mitteilen? Wie hielt er sich aus? In welcher Verfassung war er? War er psychotisch? War er sediert? Wir wissen es nicht. Das erklärende Narrativ eines Selbstmords im Sinne einer bewussten Handlung verkürzt den selbstregulativen Prozess des Co-Piloten auf eine Scheingewissheit.

Die Ermittlungen im Umfeld seines Privatlebens ergaben: Andreas L. war seit längerer Zeit in psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung. Für den Tag seines letztes Fluges war er krank geschrieben worden; er hatte die Krankschreibung zerrissen. Offenbar hatte er seit mehreren Jahren wegen wiederkehrender depressiver Krisen psychiatrische wie psychotherapeutische Behandlungen nachgesucht. Art und Umfang der Konsultationen sind unbekannt. In der öffentlichen Diskussion wurden die Fragen eines erweiterten Suizids im Kontext einer Depression und einer Amok-ähnlichen Handlung erörtert. Die Fragen konnten nicht geklärt werden. Die Ermittlung der Lebensverhältnisse des Co-Piloten erbrachte keine relevanten Hinweise oder Belege für das von ihm in Gang gesetzte Ausmaß an Zerstörung. Das vorläufig letzte Wort öffentlicher Vermutungen war – beispielsweise – in der Süddeutschen Zeitung (in ihrer Oster-Ausgabe) zu lesen. Dort hieß es: „Es war geplant“ (S. 10). A. L. hatte sich im Internet über Mittel des Selbstmordes, über Behandlungen von Depressionen und über den Verriegelungsmechanismus der Cockpit-Tür informiert. Was hatte er geplant? Das wissen wir nicht. Er hatte sich, das kann man sagen, offenbar informiert.

Zwei Bemerkungen möchte ich machen. Erstens: Das Interesse der Öffentlichkeit an dem Flugunglück, das bei den Angehörigen der Opfer und bei den Angehörigen des Piloten wahrscheinlich immenses, irreparables Leid hinterlassen wird, ist verständlich. Das Sicherheitsgefühl, sich auf komplexe, technisierte, kontrollierte Lebensverhältnisse und Lebensbewegungen verlassen zu können, wurde bei uns – nach der japanischen Atomreaktor-Katastrophe im Jahr 2011 – erneut erschüttert oder zumindest labilisiert. Das Bedürfnis nach Beruhigung war enorm. Plausible, vermutete und vor allem schnelle Antworten wurden gegeben. Der Wunsch nach Kontrolle dessen, was so gern mit der unscharfen Formel von den psychischen Problemen geortet wird, begann öffentlich zu kursieren. Die Not des Nicht-Wissens wurde nicht ausgehalten und angemessen diskutiert. Experten gaben allgemeine Antworten, obgleich sie keine spezifische Antwort wussten. Wissenschaft, sagte Niklas Luhmann, erzeugt im gleichen Maß Wissen wie Nicht-Wissen. Das Wort Wissen hat seine Wurzeln im Indogermanischen Sehen. Wissen hat etwas mit Beobachten und Teilnehmen zu tun; wissenschaftliches Wissen entsteht aus kontrolliertem Beobachten.

Zweitens: Der Pilot A. L. konfrontiert uns mit einem basalen Problem. Seine Tragödie bestand darin, dass ihm offenbar nicht gelang, in den psychiatrischen und psychotherapeutischen Kontakten ausreichend Auskunft über sich zu geben, so dass mit der gesetzlich möglichen Schutzmaßnahme einer psychiatrischen Einweisung hätte interveniert werden können. Andreas L. konnte es offenbar nicht – aus Gründen, die wir nicht kennen. Er hatte sich in den therapeutischen Kontakten entschieden – bewusst oder nicht-bewusst – sprachlos zu bleiben, womit er gegen seine Lebensinteressen handelte, zu klären, was mit ihm ist. Wir sind täglich darauf angewiesen und müssen darauf vertrauen, dass wir unseren (gemeinsamen) Lebensinteressen gemäß handeln und uns das Lebenswichtige mitteilen. Wir sind auf unsere Auskunftsbereitschaft angewiesen. Wer sich aus dieser unausgesprochenen Verpflichtung zurückzieht, tut sich und uns keinen Gefallen. Die eine enorm schwer zu beantwortende Frage für eine demokratisch verfasste Gesellschaft, die von ihren Bürgerinnen und Bürgern die Beachtung der (eigenen und gemeinsamen) Lebensinteressen erwartet, bleibt: Welches Ausmaß von Rückzug können und müssen wir tolerieren – in der Familie, in der Partnerschaft, im Freundeskreis, in der Verwandtschaft, im Kreis der Kolleginnen und Kollegen? Die andere, sehr intime Frage für einen selbst bleibt: Wann muss ich über meinen Rückzug Auskunft geben und mich mitteilen?

(Die Antwort ist das Unglück der Frage ist der Titel der Sammlung ausgewählter Schriften von Walter Boehlich, erschienen im S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011; der Titel dieses Blogs ist der Publikation entnommen.)

4 Responses to "Die Antwort ist das Unglück der Frage"

  • Cornelia Lütge
    14. Apr 2015 - 18:44 Reply

    Lieber Gerhard Bliersbach,

    es ist sehr schnell sehr still um diese Tragödie geworden. So funktioniert das System eben. Ich habe gerne ihre Gedanken dazu gelesen! Sie haben Fragen formuliert, die eine Schicht weiter entblättern. Und sie damit in einen weiteren Bezugsrahmen gesetzt. Dieser zeigt uns, dass – bei allem technischen equipment, das es ermöglicht Mutmaßungen zu untermauern und das Verstehen-wollen scheinbar erlaubt – am Ende immer offene Fragen zurück bleiben. Und ohne die Gewissheit unumstößlicher Antworten sollten wir nicht müde werden, Antworten zu finden. Menschen sind nur allzu schnell zufrieden, wenn das Offensichtliche die Mutmaßungen nährt, zumal wenn es sich um schier unvorstellbare menschliche (!) Aktionen handelt.

    Ihren kurzen Bericht finde ich mutig. Er fokussiert nicht das allgemeine Entsetzen, sondern setzt sich mit ‚Selbstschutz‘ und Verantwortung auseinander. So verstehe ich es. Dafür danke.

    Frühlingsgrüße,
    Cornelia Lütge

  • Christina
    14. Apr 2015 - 19:09 Reply

    Ja irgendwie erinnert es mich an den Trailer dieses Filmes, wo der Pilot all jene mit in den Tod nimmt, die ihm im Leben weh getan haben oder im Stich gelassen haben inklusive seinen Therapeuten und zum Schluss auch noch seine Eltern im Garten im Tiefflug mitnimmt. Und andererseits erinnert es mich an die Twintowers

  • Anonymous
    17. Apr 2015 - 22:50 Reply

    Meiner Ansicht nach kann das nur ein Mensch mit narzisstischer Kränkung, großer Lebensangst, maßloser Wut mit sadistischer Motivation gewesen sein.

    Hauptindizien:
    – Das ruhige Atmen beim Freitod
    – Leid Anderen zufügen
    – Publicity
    – Ein rein depressiver Mensch richtet seine Aggression eher gegen sich selbst.
    Ein Mensch mit Persönlichkeitsstörung eher gegen Andere.

    Die Motivation und die Tat empfinde ich als Monströs.

    Ich stelle mir die Frage, wie kann ich als einzelner Mensch und wie können wir als Gesellschaft dafür sorgen, dass Menschen wertschätzend behandelt werden, in Liebe und Verbundenheit heranwachsen können und auch im Erwachsenenalter eine Solidarität unter uns Menschen erfahren, damit sie als starke, lebensbejahende und verantwortungsbewusste Menschen, Anderen begegnen werden.

    Und wie können wir empathische Menschen vor solchen Soziopathen behüten?

  • Momokooh
    13. Aug 2015 - 13:19 Reply

    Es ist Herzlos andere Menschen mit in den Tod zunehmen aber man darf nicht vergessen das der Liebe Mann krank war. Klar ist das keine Entschädigung ! Aber es erklärt vieles warum er es vielleicht getan hat. Aber durch das extreme runter machen von Depressiven Menschen traut sich keiner mehr zu sagen das sie Depressiv sind. Weil sie gleich verurteilt werden. Das ist schade und traurig da sie auch nur Menschen sind und mit sich dann allein kämpfen müssen weil sie angst haben in deine Schublade geworfen zu werden. Traurig ist auch das die Familien angehörigen nicht in ruhe gelassen worden sind von den Medien klar will jeder das neuste zu erst berichten aber das man an die trauernden Menschen denkt wie sie gerade leiden das ist wohl allen egal. Es ist echt eine Schande so respektlos zu sein. Mal ganz ehrlich !
    Aber dennoch öffnen sich manche Augen durch solche Berichte und Artikel ! Vielleicht fangen jetzt Leute an zu denken was sie manchen Menschen mit ihrer Art und weise antun. Ich hoffe wirklich für alle das sie mal nachdenken was sie eigentlich anrichten !!

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