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Detox: Ablasshandel 4.0 für Landlustbewohner

Detox oder Entgiftung sind die Worte der Stunde. Es wird entschlackt und ausgespült, bis die Eingeweide jauchzen. Medizinisch hoch umstritten, steckt dahinter vor allem der Wunsch nach Selbstkontrolle, der eigentlich Unterwerfung bedeutet.

Nach dem Superfoods-Frühstück eine Hydro-Colon-Darmspülung, dann Asana-Easy-Power-Yoga, danach eine Ayurveda-Ölmassage mit integriertem Säure-Basen-Blitzfasten und am Abend die Sünden der letzten Wochen wegspülen mit drei Litern Guaraná-Brennnessel-Tee auf Ex. Danach wird noch schnell online gedetoxed, auch ganz wichtig. Schluss mit dem Monitoring, Social Networking und Rummailing, das unkonzentriert und vor allem süchtig macht. Also digital detoxen: weg vom Smartphone mit einer App! Da kann man auch versuchen, den Islamischen Staat mit einer psychodynamischen Gruppentherapie zu resozialisieren.

Danach sind Sie erst recht reif für die Heilfastenklinik, Kostenpunkt: 1500 Euro. Die Entgiftung ist ein geschäftsträchtiges Feld geworden; und wie bei jedem überhypten Trend springen auch die auf den Zug auf, die schon längst einen Sitzplatz haben: Auch Saunen werben neuerdings damit, wie entgiftend schwitzen ist. Wer hätte das gedacht!

Das entgiftete Leben als Ersatzreligion

Detox ist in, Runterkommen ist das neue Abheben, eine Art Ganzjahresfasten, nur ohne Karneval vorher. Der Mensch der Gegenwart scheint ohne Haltepunkt, die Religionen haben ihre Anziehungskraft verloren, wir müssen den Sinn unseres Daseins in uns selbst finden. Wer also bei der Introspektion tief drinnen doch öfters auf Leerstellen stößt und sich trotzdem keiner gängigen Glaubensgemeinschaft anschließen mag, ist schnell bei sich und seinem Körper. Die letzte Göttin, die uns geblieben ist, ist die Gesundheit und das entsprechend korrekt entgiftete Leben ist die nächste Ersatzreligion: Eine Art Ablasshandel 4.0 für Wellnesshotel- und Landlustbewohner. Entschleunigungsesoterik für Leute, denen die Reise zum Yoga-Guru einfach zu anstrengend ist.

Das epidemische Entgiften ist ein Refugium des scheinbar verlorenen Glaubens, in dem nicht nur Freiheit von allem, was Spaß bringt, gefordert ist, es ist auch eine Sphäre, in der die Freiheit von evidenten Beweisen entscheidend ist. Schon am Begriff der „Schlacken“ entzündet sich erbitterter Streit. Während die durchgespülten Detox-Jünger von der Existenz überzeugt sind, winkt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ab: „In einem gesunden menschlichen Körper gibt es keine Ansammlung von Schlacken und Ablagerung von Stoffwechselprodukten.“[1] Andere Wissenschaftler wie Simon Brookes von der Flinders University in Adelaide sagen, dass Nieren, Leber und Verdauungstrakt Gifte im Körper innerhalb weniger Stunden selbstständig neutralisieren. Eine Fastenkur kann den Körper belasten und, wie bei jeder normalen Diät auch, nimmt man allzu oft hinterher leichter wieder zu, als man vorher abgenommen hatte.

Genau wie ihre religiösen Ahnen haben sich auch die Lifestyle-Fundamentalisten noch nie von Fakten ihre Dogmen zerstören lassen. Was ist also der Grund für die Begeisterung am Detox? Das Leben nach dem Tod ist fragwürdig, wir müssen es nach Lage der Dinge wohl doch ins Diesseits verlagern. Wenn wir also nur diesen einen Schuss frei haben, ist gewaltig Druck im Kessel der Selbstvervollkommnung.

Friedrich Nietzsche hat das früh geahnt, als er nach der Verkündigung von Gottes Tod den letzten Menschen beschrieb – eine Art hyperkorrekter, Mensch gewordener Gartenzwerg, emsig bemüht, keinen Fehler zu machen, also eine Kreuzung aus Helene Fischer und Johannes B. Kerner: „

„Jeder will das Gleiche, jeder ist gleich, wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus“, lässt er seinen Zarathustra sagen, „man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit. ‚Wir haben das Glück erfunden‘ – sagen die letzten Menschen und blinzeln.“[2]

Simplify your life: ein Euphemismus für Effizienz-Maximierung

Dieses sinn-, visions- und phantasiefreie Bürokratenleben, dessen Highlight der geöffnete oberste Hemdknopf ist, wird heute gelebt von Millionen sogenannter normaler Menschen. Jenes vollendet mönchsgleiche asketische Vorsichhin-Existieren, fernab von allem, was es lebenswert machen könnte, aber bewundert von allen, denen diese Disziplin nicht so recht gelingen mag: Rauch- , alkohol- , gluten-, keim- und kalorienfrei marschieren wir letzten Menschen durchs Leben, auf der Suche nach der nächsten Detox Challenge.

Spätestens hier wird die entgiftete Bewegung Opfer genau der herrschenden Leistungsdoktrin, der sie sich doch eigentlich entziehen möchte. Eine Challenge ist ein Wettbewerb, es geht um Gewinnen und Verlieren, mindestens darum, sich zu vergleichen, dafür muss das Unterfangen skalierbar gemacht werden. Das ist der tiefere Sinn des Entgiftungstrends. Radikale Selbstkontrolle. Die „Gesellschaft der Angst“, die der Soziologe Heinz Bude heute diagnostiziert, beruhigt sich selbst, indem sie sich an die Kette legt. „Simplify your life“ ist nur ein Euphemismus für Effizienz-Maximierung. Was einfach ist, ist leichter kontrollierbar als das Komplexe.

Verzicht ist immer auch Entscheidung gegen etwas, ein Nein, der machtvollste Gestus, den wir haben. Verzicht ist Macht über sich selbst, Beherrschung und Gewalt der Triebe, der Gelüste, des ganzen unberechenbaren Ungeziefers, das da im Gewächshaus der Seele mitwuchert. Leider erliegen wir einer Täuschung, denn wo Entgiftung draufsteht, ist Vergiftung durch Selbstvermessung drin. Eine ganze Industrie freut sich daran, dass wir unsere eigene Unterwerfung für Selbstermächtigung halten und ihr auf den Leim gehen. Pulsmesser, Fitness Apps, Schritt – und Kalorienzähler, der ganze Self-Tracking-Blödsinn ist die vollständige Überwachung im Mantel der Befreiung. Damit einher geht eine Vorratsdatenspeicherung unter anderem der Krankenkassen, die das Gesundheitswesen tiefgreifend verändern werden. Warum einen Zeitgenossen gesundpeppeln, der nachweislich seine 10.000 Schritte an jedem zweiten Tag verweigert hat?

Neulich habe ich gelesen, es gibt sogar einen Stuhlgangmesser. Da werden auf dem Klo endlich nicht mehr Mails gecheckt, sondern der eigene Haufen gescannt. Hier kriegt der Begriff „Heißer Scheiß“ erst seine wahre Bedeutung.

 

[1] Welt am Sonntag, 06.03.2016, S.17

[2] F. Nietzsche, Also sprach Zarathustra (Link)

2 Responses to "Detox: Ablasshandel 4.0 für Landlustbewohner"

  • Michael Beyhl
    14. Apr 2016 - 15:27 Reply

    Toller Blog !!! Freu mich schon auf den Auftritt am 29.4.2016 im Bockshorn Lg

  • Mandy
    14. Jun 2017 - 21:19 Reply

    Toller Beitrag, Detox bzw Entgiftung ist ja immer mehr im Kommen 😉

    lg
    Mandy

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