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Der Braxit und wir

Die westliche Welt ist in Schockstarre: Angelina Jolie lässt sich von Brad Pitt scheiden. In den Redaktionen von Bunte und Gala ist Trauerbeflaggung angeordnet worden. Aber diese Scheidung ist anders: Weit über Friseurzeitschriften-Abonnenten hinaus sorgt dieses Ende für Bestürzung. Warum? Vielleicht weil die Geschichte dieses Paares die Grenzen der Liebe im 21. Jahrhundert aufzeigt.

Ich gebe zu, ich bin, was Gossip angeht, eher schwach auf der Brust. Scheidung von Brangelina? Da musste ich erstmal googeln. Ich habe schon Brad Pitt mit Leonardo diCaprio verwechselt und Letzteren, was sein Privatleben angeht, auch schon mit George Clooney. Also ging ich ins Internet und stellte fest: Das Netz war außer Rand und Band. Manch eine Tastatur musste unter Wasser geweint worden sein im Affekt der Gefühle. Es war von „Braxit“ und „Breaking Brad“ die Rede, Artikel mit Gerüchten wurden geteilt, geliked und verschickt. Hatte er eine Affäre? War er gewalttätig oder ist er gar mit der Sackkarre durch Berlin spaziert? Verzweifelt war man auf der Suche nach Erklärungen: Warum gerade diese beiden und warum gerade jetzt? Ich wartete jede Sekunde auf eine weltweite Schweigeminute.

Ich musste an den Film Mr. and Mrs. Smith denken. Hier hatte sich das spätere Wunderpaar während der Dreharbeiten am Set kennengelernt. Beide spielten Auftragskiller, die aber nichts vom Beruf des anderen wussten. Erst Liebe, dann Langeweile und schließlich der Versuch, sich gegenseitig umzubringen. Eine ganz normale Beziehungsgeschichte. Deutschlands berühmtester Maler, Gerhard Richter, sagte einmal „Meine Bilder wissen mehr als ich.“ Die Werke eines Künstlers sind stets weiter als ihr Schöpfer, in ihnen tritt zutage, was als verstehen und Erkennen des Menschen erst später möglich wird. Bei Jolie-Pitt könnte man sagen: „Unsere Filme wussten mehr als wir.“ Eine Liebe wie im Film – und plötzlich begegnen sich Kunst und Leben, Erfindung und Erfahrung.

Wahrscheinlich ist an der These, dass Stars heute eine Art Ersatzheilige sind, wirklich was dran. In scheinbar hyperkomplexen Zeiten, in denen das Gefühl des Verlorenseins und der Suche dominiert, der Suche nach Heimat, Sicherheit und Orientierung, betreten im entscheidenden Moment zwei Figuren die Bühne, die irgendwie all unsere kleinen und großen Probleme des Alltags auf einer ins Extreme verzerrten Leinwand aufführen. Sie sind die ideale Projektionsfläche all unserer überzogenen Optimierungszwänge und Ansprüche. Ein omnipotentes Paar, das fasziniert und verstört, das in seiner scheinbaren Perfektion mehr blendet als strahlt, ein bisschen eklig in seinem Glamour und doch auch ziemlich beeindruckend.

Hier ist niemand, der halbherzig in Teilzeit geht, keiner, der an der falschen Stelle zurücksteckt, um dem Partner später die eigenen verpassten Chancen vorzuwerfen. Mitten durchs Blitzlichtgewitter suggerierte dieses Duo: Vielleicht ist das Unmögliche doch möglich, die vollendet symbiotische Partner- und Elternschaft auf Augenhöhe, in der Selbstbehauptung und Hingabe keine Widersprüche mehr sind. Für Frauen war Angelina Jolie so etwas wie ein lebender Beweis, dass man am so anstrengenden Streben nach Perfektion nicht zugrunde gehen musste, dass man Kinder und Karriere zugleich haben konnte, dass man Erfolg und einen Mann haben konnte, der nicht aus Angst vor der weiblichen Stärke sofort Reißaus nimmt, um mit einer Bachelorstudentin im zweiten Semester durchzubrennen. Dass dieser ganze Wahnsinn, genannt Gleichberechtigung, Emanzipation oder wie auch immer, doch funktionieren konnte.

Tatsächlich gehören Jolie-Pitt zur ersten Generation, die die Ziele des Feminismus nicht mehr predigten, sondern lebten. Zieht man den ganzen pompösen Show-Schnick-Schnack und die entsprechende Inszenierung ab, bleibt ein Paar, das mit den Fragen des Zusammenseins im 21. Jahrhundert, seinen Bedingungen und Möglichkeiten, haderte wie wir alle. Sie lassen sich so als Zeugen einer Übergangszeit anrufen, einer Übergangszeit der Liebe, in der die alten Regeln nicht mehr gelten und die neuen sich erst andeuten wie ein Bergmassiv im Frühnebel.

Soziologen sagen, wir leben in einer Übergangszeit zwischen Fusions- und Assoziationspaaren. Fusionspaare, ich nenne sie Ein-Matratzen-Paare, sind eine langsam aussterbende Gattung: ein Leben, eine Matratze, eine Katastrophe. Hier wählten Männer Frauen, die im Status unter ihnen standen: Der Chef entschied sich für die Sekretärin, der Pilot für die Stewardess und der Arzt für die Krankenschwester. Streng genommen waren das keine Fusionen, sondern feindliche Übernahmen im Gewand der hormonellen Überreizung. Je qualifizierter und erfolgreicher die Frau war, desto wahrscheinlicher war es, dass sie ihr Leben allein verbringen würde. Diese Paare werden seltener. An ihre Stelle treten die Assoziationspaare, die Zwei-Matratzen-Paare, deren abgründigen Höhepunkt Brangelina darstellen: Sie leben eher nebeneinander, als füreinander und optimieren sich gegenseitig als Freunde und Coaches in der Selbstoptimierung. Jeder hat seine Matratze für sich, drumrum ist ein Gestell, was das Ganze zusammenhalten soll und der, der sich zu sehr ankuschelt, landet irgendwann in der Ritze. Hier begegnet man sich auf Augenhöhe. Das heißt: Der Chef wählt die Unternehmensberaterin, der Auftragskiller die Auftragskillerin und der Proktologe die Urologin. Augenhöhe auf allen Ebenen.

Brangelina liefern das frühzeitige Erwachen aus diesem Traum gleich mit. Und das Drehbuch ist so durchschnittlich wie die letzten Filme der beiden. Offenbar war es Angelina, die die Scheidung eingereicht hat. Auch das ist typisch für moderne Zwei-Matratzen-Paare: Zwei von drei Trennungen gehen heute von Frauen aus. Frauen sind weniger bereit, ein totes Pferd zu reiten, auch wenn es noch zuckt. Frauen nehmen Probleme früher wahr, sprechen sie früher an und kommen mit den Konsequenzen der Trennung besser zurecht. Sie haben mehr Freundinnen, mit denen sie reden. Sie tapezieren die Wohnung neu, schneiden sich die Haare ab und schmeißen sämtliche Klamotten zum Fenster raus. Das sind Optionen, die Männer nicht haben. Männer haben keine Klamotten oder wissen nicht, wo sie sind.

Und wenn die unüberwindbaren Differenzen, von denen die Rede war, tatsächlich sein Alkohol- und Cannabiskonsum, seine Wutausbrüche und seine mangelhafte Erziehung der Kinder war, sind wir mitten in der Hölle der Zwei-Matratzen-Paare. Nach wie vor sind es Männer, die überwiegend auf die schiefe Bahn geraten. Über 90 Prozent aller Mörder im Knast sind Männer, Wohnungslose sind zu zwei Dritteln Männer und auch an Alkoholismus sterben jedes Jahr dreimal so viele Männer wie Frauen.

In ihrem letzten gemeinsamen Film By the Sea schrieb Angelina Jolie das Drehbuch, war Produzentin und Regisseurin. Hier schließt sich der Kreis der Ironie zwischen Kunst und Leben. Je stärker sie scheinbar die Regie übernimmt, desto orientierungsloser oszilliert er zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Während sie arbeitete und in Krisengebiete reiste, wollte er lieber Party machen.

Jetzt, nach der Scheidung, ist alles plötzlich so grau und normal und durchschnittlich wie überall: Sie fordert das alleinige Sorgerecht und will keine Unterhaltszahlungen. Der Rosenkrieg kann beginnen! Vielleicht ist die erwünschte Augenhöhe der Partner noch immer eine Illusion und was stattgefunden hat, ist nur die Umkehrung der Verhältnisse: Jetzt fühlen sich viele Männer ihren Frauen so wenig gewachsen wie es früher umgekehrt der Fall war.

Es ist wie bei Mr. and Mrs. Smith – vielleicht wissen wir noch immer weniger voneinander, als wir glauben. Wer bin ich? Wer ist der andere? Wer will ich sein und geht das mit dem, der hier neben mir liegt? Die Zeugen der Übergangszeit sind noch unsicher, was es wirklich bedeutet, dauerhaft und mit allen Konsequenzen ein Zwei-Matratzen-Paar zu sein – ohne sich am Ende gegenseitig umbringen zu wollen.

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