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Den Stecker ziehen

„Achtsamkeit“ mag für Psychologen ein Standardbegriff sein, der sich mit einem bestimmten Forschungsparadigma verbindet. „Achtsam“ ist aber auch sehr schnell als Plapper- und Modewort in die Alltagssprache eingesickert. Ein „Streiflicht“ der Süddeutschen Zeitung vom 2. Juli dieses Jahres hat der Achtsamkeit kürzlich eine besondere Muffigkeit zugeschrieben („eines der scheußlichsten deutschen Wörtern … die verklemmte kleine Schwester der Wachsamkeit“). Und der Chronist und Kritiker der Digitalisierung, Jewgeni Morosow, sieht in dem Wort ein Überbleibsel aus der New-Age-Welle, die in den 1960er Jahren über uns gekommen ist – es rangiere im Grad der Schwammigkeit gleich hinter der auch allseits beliebten „Nachhaltigkeit“. Achtsamkeit mag tatsächlich ein staksiges deutsches Wort sein. Aber jenseits semantischer Geschmacksempfindungen wirft der Begriff gravierendere Fragen auf.

Von vorne: Achtsamkeit bezeichnet eigentlich eine sehr erstrebenswerte, positiv besetzte psychische Fähigkeit – nämlich eine besondere Form von Aufmerksamkeit. Anders als etwa Konzentration, die unter Ausblendung aller Störfaktoren auf einen Punkt fokussiert ist, meint Achtsamkeit eine Art Panorama-Bewusstheit – hellwache Offenheit, weitgestellt auf all das, was im Hier und Jetzt geschieht, absichtsvoll, distanziert und nicht wertend. Sie entspricht in gewisser Weise der therapeutischen Haltung „frei schwebende Aufmerksamkeit“, wie sie Psychoanalytiker in der Therapie zu praktizieren versuchen: alle Signale auffangen, ohne sie gleich auszuwerten oder zu schubladisieren, gleichzeitig auch kritiklose Selbstbeoachtung. Achtsamkeit hat, das macht sie für viele so interessant, eine Herkunftsgeschichte aus dem Buddhismus – in der Vipassana-Meditation wird die Ausschaltung all dessen eingeübt, was als „Störgeräusch“ die offene, leidenschaftslose Beobachtung beeinträchtigen könnte.

Das Gegenmittel für die Gifte der Gegenwart

Achtsamkeit gilt wegen ihrer beruhigenden Wirkung inzwischen in Medizin und Psychologie als Universalmittel – gegen stressbedingte Störungen und Krankheiten (und was ist heute nicht stressbedingt?), gegen Nervosität, Depression, hohen Blutdruck und vieles mehr. Vor allem aber ist Achtsamkeit das anscheinend perfekte Antidot gegen die Übel der digitalen Moderne: zunehmende Unkonzentriertheit und Zerstreutheit, suchtartiges Kleben an digitalen Endgeräten, mit denen die Ressource Aufmerksamkeit unablässig auf- oder abgesogen wird durch permanente Ablenkungen – insbesondere durch die sogenannten sozialen Medien.

Bedenklich ist nun, dass die Idee der Achtsamkeit in die Hände der Leute gefallen ist, die ihr Geschäftsmodell genau darin sehen, uns süchtig, abhängig, zerstreut und konfus zu machen. Die Achtsamkeit wird von den Leuten gekapert und vereinnahmt, die verantwortlich dafür sind, dass ein starkes Bedürfnis nach Stille, nach Entkoppelung von der digitalen Dauerberieselung und Perma-Kommunikation entstanden ist. Unter dem Schlagwort digital detox, also: digitale Entgiftung, wird Achtsamkeit als eine Methode angeboten, mit der man sich von der Fesslung an die digitalisierten Scheinwelten für einige Zeit erholen und regenerieren kann. Achtsamkeit setzt die Dauerberieselten sozusagen auf Medien-Diät. Der Stecker wird gezogen, nicht etwa, um sie endgültig zu kurieren von ihrer Abhängigkeit – im Gegenteil. Sie sollen sich nur auf ein „vernünftiges“ Maß der digitalen Verbundenheit einpendeln, bevor sie wirklich und dauerhaft krank werden.

Der Psychologie wird von linken Kritikern oft vorgeworfen, sie sei so etwas wie der Reparaturbetrieb für vom Kapitalismus kaputt gemachte Menschen. Es gehe im Wesentlichen darum, die Probleme zu individualisieren – der Einzelne ist zu schwach und zu anfällig, er muss wieder fit und stark gemacht werden. Das System selbst bleibt unangetastet. Es geht darum, die Arbeitskraft (und heute vor allem: die Konsumfähigkeit) der Ausgebrannten, Depressiven oder Süchtigen wiederherzustellen. Die zeitgemäße Variante dieses Programms wäre noch wesentlich effizienter: präventiv dafür zu sorgen, dass die Subjekte optimal funktionieren – und gar nicht erst krank aus dem System fallen.

Inneres Wachstum im Dienste der Firma

Der amerikanische Autor Dave Eggers hat in seinem Roman Der Circle (deutsch 2014) den sanften Horror des fürsorglichen digitalen Kapitalismus gezeigt – eine stark an ein großes Internet-Unternehmen gemahnende Firma umsorgt ihr Angestellten mit allerlei Wellnessschnickschnack und mit sozialer Überbehütung, um sie in einen Zustand der wohligen Rundumversorgung zu versetzen und vom kritischen Denken abzubringen. Diese Dystopie ist auf raffinierte Art gruselig, aber sie ist längst keine Fiktion mehr. Die Vermarktung von Achtsamkeit und ihr Einsatz im Dienste der „Firma“ hat beachtliche Ausmaße angenommen – das mulmige Gefühl, das einen beim Lesen des Romans beschleicht, kann einen auch in der Realität befallen.

Der Circle, ach was: Google hat 2012 ein Buch lanciert (im Digitaljargon: mit uns allen geshared), in dem es darum geht, „die Konzentration und die Kreativität zu verbessern und nützliche mentale Gewohnheiten zu entwickeln“. Das Buch mit dem Titel Search inside yourself. Das etwas andere Glücks-Coaching wurde von einem Google-Ingenieur, Chade-Meng Tan, verfasst. Er hat sich von den Aufmerksamkeits-Koryphäen Jon Kabat-Zinn und Daniel Goleman beraten lassen und sieht sein Werk als „Programm für persönliches Wachstum“.

Was so freundlich und hip daherkommt, sind Präventions- und Ablenkungsmanöver. Der Einzelne soll seine Fitness verbessern und sich optimal an die Schöne neue Welt 2.0 anpassen. Jewgeni Morosow warnt: „We must be mindful of all this mindfulness!“ – Hütet Euch vor all dieser Achtsamkeit!

8 Responses to "Den Stecker ziehen"

  • Roland Kopp-Wichmann
    6. Jul 2016 - 8:01 Reply

    Lieber Herr Ernst,
    ich sehe diesen Achtsamkeits-Hype ähnlich kritisch. Genauso wie es für heute für fast alles einen „Coach“ braucht, gibt es jetzt Achtsamkeit in den verschiedensten Anwendungsgebieten. In der Mitarbeiterführung, in der Partnerschaft, bei der Kindererziehung, im Hundetraining und beim Essen.

    Das Buch von Chade-Meng Tan kann man da auch aufführen. Allerdings kommt es immer auf den Einzelnen an. Ich arbeite viel mit Führungskräfte und in meinen Coachings spielt Achtsamkeit eine große Rolle, um innere Konflikte aufzuspüren. Die meisten Menschen kennen ja nur den Geisteszustand des Autopiloten und müssen erst dahin geführt werden, ihre Gedanken und Gefühle zu beobachten, um sie aus einer Distanz auch reflektieren zu können.

    Im Sinne von „Man kann alles mißbrauchen“ ist das Zitat „We must be mindful of all this mindfulness!“ sehr nützlich. Aber wer für sich selbst mal den enormen Nutzen von Achtsamkeit entdeckt hat, lässt sich auch nicht mehr davon abhalten, dies in sein tägliches Leben einfließen zu lassen.

  • Kristin
    7. Jul 2016 - 13:03 Reply

    Toller Artikel!! Vielen Dank dafür.
    Ganzheitlichkeit ist auch eines von diesen Worten, die eine wunderbare Bedeutung haben und mittlerweile inflationär für alles Mögliche verwendet werden…

    Ich bin Trainerin für verschiedene Bewegungsprogramme und leidenschaftlicher Bodyworker. Eine meiner Methoden ist silent touch, eine fasziale, schmerztherapeutische Methode, bei der ich den Klienten anleite hinzuspüren und genau zu beschreiben, wie sie den Schmerz wahrnehmen, was sich verändert und was der Schmerz mitteilen möchte, während ich den Klienten behandle. Oft teilen mir meine Klienten dann mit, dass sie zum ersten mal in ihrem Leben Signale ihres Körper wirklich wahrgenommen haben und sind sehr berührt davon.

    Glücklicherweise erlebe ich aber in meinem Umfeld derzeit auch genau das Gegenteil der Digitalisierung: das Menschen sich bewußt ausklinken, kein handy mehr haben, keinen Computer mehr, raus aus der Stadt auf´s Land ziehen und Seminare besuchen, bei denen es um Jahreskreisrituale und Innenschau geht!

  • Manuela Sekler
    7. Jul 2016 - 18:24 Reply

    Lieber Herr Ernst,

    vielen Dank, dass Sie den Modebegriff „Achtsamkeit“ kritisch beleuchten. Gerade bei inflationär gebrauchten Begriffen ist es wichtig, auf Tendenzen missbräuchlicher Verwendung aufmerksam zu machen.

    Gleichwohl finde ich wie Roland Kopp-Wichmann, dass „Achtsamkeit“ als Haltung in einem guten Sinne sehr hilfreich sein kann und das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden sollte. Auch deshalb habe ich mich besonders über den zweiten Absatz Ihres Beitrags gefreut, in dem Sie Aspekte von „Achtsamkeit“ so treffend auf den Punkt bringen.

  • Marion Kraatz
    7. Jul 2016 - 21:24 Reply

    Hallo Herr Ernst, auf der Suche nach Möglichkeiten meine Achtsamkeit mehr zu trainieren, sind mir genau diese Angebote begegnet. Mein ganzes Leben war bisher Achtsamkeit für Andere und es fällt mir immer noch schwer, Achtsamkeit auf mich selbst zu richten. Seit 4 Jahren bin ich am üben und es macht mir „Stress“, den ich nicht haben möchte. Achtsamkeit ist Aufmerksamkeit und Sorge für mich und mit kleinen Schritten geht es voran. Ich habe meine verbliebene kleine „Umwelt“ mit einbezogen und auch sie sind Menschen, welche auf mich achten.
    Danke für den Artikel.
    Grüße von der Ostsee
    Marion Kraatz

  • Michael Möller
    8. Jul 2016 - 14:48 Reply

    Ich denke, wie auch bei anderen „Modewörtern“, sollte hier differenziert werden. Herr Ernst, Sie nennen in Ihrem Artikel auch die Nachhaltigkeit, welcher es ebenso erging, wie es der Achtsamkeit derzeit bereits ein stückweit ergeht und weiter ergehen wird. Vereinfacht gesagt werden Methoden der Achtsamkeit in den „falschen“ Händen auch zu anderen Zwecken genutzt werden können, als ihre Begründer oder Bereiter (im Westen eben hauptsächlich Kabat-Zinn) angedacht war.
    Vergleichend liegt auch dem Konzept des „Betrieblichen Gesundheitsmanagements“ eine positive Idee zugrunde – es kann aber auch anders gesehen werden, wenn die „Employability“ der Arbeitnehmer gefördert werden soll.
    Grundlegend ist es gut, dass auch in der digitalen Szene sich diesem Thema angenommen wird – wenn auch zu hinterfragen. Achtsamkeit als Trend wird von Systemen, wie hier den Konzernen, eben so adaptiert, dass er in ihr System passt – so wie die Nachhaltigkeit, die im Laufe der Zeit leider ziemlich verwaschen ist.

  • Vladimir
    17. Jul 2016 - 13:40 Reply

    Guter Artikel . Aber ich spreche leider die Sprache nicht perfekt

  • Angela Wenning
    5. Aug 2016 - 1:52 Reply

    Meine Meinung: Mehr wache Präsenz statt passiver Achtsamkeitswahn

  • Manuela Sekler
    4. Dez 2016 - 15:55 Reply

    Wie wäre es, Achtsamkeit (mindfulness) mit Achtsamkeit (care) zu verknüpfen bzw. aus ersterem zweiteres erwachsen zu lassen? Auch in der Firmenkultur.
    Vielleicht passiert es mitunter auch von selbst?

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