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Das Zeitalter des Fühlens

Seit diesem Jahr kursiert ein neuer Begriff, der die große Ratlosigkeit aller noch Denkenden gegenüber den nur noch Fühlenden auf den Punkt bringt – postfaktisch. In der halb ironischen, halb resignativen Chiffre vom postfaktischen Zeitalter bündelt sich das Unbehagen, dass Tatsachen, Wissen und Logik immer weniger und manchmal schon gar keine Rolle im öffentlichen Diskurs mehr spielen. All das, was unzweifelhaft ist, das Faktische eben, kann heute ohne Ansehensverlust oder Sanktionen geleugnet, Daten und Zahlen dürfen nach eigenem Gusto interpretiert oder gleich ignoriert werden.

An Stelle von Begründungen oder Herleitungen tritt immer öfter die bloße Behauptung. Verschwörungstheorien, also die Domäne von Spinnern, Querulanten und wunderlichen Außenseitern, werden immerhin noch mit einem Anschein von Faktizität vorgetragen. Das Postfaktische braucht auch diesen Aufwand nicht mehr und fließt direkt in den gesellschaftlichen Mainstream – ein Klimawandel der besonderen Art, der noch die abstrusesten Gerüchte, Lügen und Wahnsysteme gedeihen lässt.

Postfaktisch soll heißen: An die Stelle der Fakten sind Emotionen, Dafürhalten, Stimmungen, Vorurteile und andere „Bauchgefühle“ getreten. Die harmlosere Variante des Postfaktischen besteht im Aufgeben der anstrengenden und frustrierenden Verstehensarbeit angesichts eines komplexen, unübersichtlichen Geschehens. In unserem Alltag sind wir alle anfällig für den Rekurs auf das, was die Gefühle uns einflüstern. Wir machen uns die Welt so, wie sie uns gefällt. Bei Ringelnatz hieß das: „ … und also schließt er messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht darf.“

Lüge, Täuschung und Propaganda

Die gefährlichere Spielart des Postfaktischen ist die dreiste und bewusste Lüge, die Durchsetzung eigener Interessen mit gezielter Irreführung, Täuschung und Propaganda. Diese Variante geht auch einher mit der Leugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse (wie etwa dem Klimawandel) und mit der generellen Verachtung von Wissen und „Eliten“. Und vor allem: Diese Lügen treffen auf viele, die nur zu bereit sind, sie zu glauben. Donald Trump und seine europäischen Geschwister im Ungeist sind die Posterboys dieses neuen post-, besser: antifaktischen Politikertyps.

Eine Erklärung für die Drift ins Postfaktische ist die Überlastung mit Informationen und Optionen. Der Psychologe Daniel Levitin schreibt in seinem Buch The organized mind: „Die Notwendigkeit, unsere Aufmerksamkeits- und Gedächtnissysteme wieder zu beherrschen, war nie größer als heute. Unsere Gehirne sind beschäftigter als jemals zuvor. Wir stehen unter Dauerbeschuss von Fakten, Pseudofakten, Geschwätz und Gerüchten – die alle als Information daherkommen.“ Hinzu kommt, dass in der globalisierten Welt Neues und Fremdes immer schneller auf uns einstürmt – und archaische Abwehrreflexe und Ängste auslöst. Das Denken unterbleibt.

Das Primat des Gefühls 

Preferences need no inferences, behauptete vor mehr als drei Jahrzehnten der polnisch-amerikanische Kognitionsforscher Robert Zajonc in seinem sehr einflussreichen Artikel mit dem Titel Feelings and Thinking (American Psychologist, 2/1980). Soll heißen, unsere Vorlieben (oder Vorurteile) bestimmen unser Denken. Es gebe ein Primat des Gefühls: Wir denken so, wie uns das die Affekte vorgeben. Noch komplizierter eigentlich: Selbst wenn wir nach-denken und nicht nur „aus dem Bauch heraus“ reden, entscheiden und agieren, dann unterlaufen uns eine Menge von Denkfehlern. Die erkennen wir jedoch nicht als solche, sondern halten uns etwas auf unsere Denk-Bemühung zugute. Und wir handeln aufgrund von, nun ja: gefühlten Wahrheiten. Die sind in der Regel nichts anderes als nachträglich rationalisierte Präferenzen. Richtig ist aber auch, und das macht die Sache so kompliziert: Manche gefühlten Gewissheiten treffen in einigen Situationen wirklich zu.

Die Psychologie hat angesichts dieser Erkenntnis seit längerem eine emotionale Wende ausgerufen und sich vom Paradigma des überwiegend rational denkenden Menschen abgewandt. Und sie hat eine (oft ziemlich missverstandene) neue Legitimität des Emotionalen geliefert. Aber die wiederentdeckte Bedeutung der Emotionen und Affekte sollte uns nicht ins andere Extrem fallen lassen. Die „Weisheit der Gefühle“ ist begrenzt. Und die Rehabilitierung der Intuition als einer wichtigen Erkenntnisform bedeutet keineswegs, dass man sich vom mühsamen Denken und Refklektieren verabschieden sollte. Alles Denken, Nachdenken, Abwägen, Reflektieren, all das also, was als execute function des Gehirns gilt und was Daniel Kahneman als das „langsame Denken“ kennzeichnet, ist wichtiger denn je. In vielen wichtigen Fragen des Lebens müssen wir unsere Gefühle überstimmen oder auskontern – wir müssen prinzipiell ein kontraintuitives Denkergebnis für möglich halten.

Anything goes – in den 1970er Jahren postulierten Wissenschaftstheoretiker wie Paul Feyerabend die grundsätzliche Gleichberechtigung unterschiedlicher Wissens- und Erfahrungszugänge. Heute mutet das wie ein charmantes, romantisches Glasperlenspiel an. Und doch hat der Spruch eine Relativierung des westlichen Rationalitätsanspruchs bewirkt, der in nicht geringen Teilen der akademischen Welt als anmaßend und kolonialistisch in Verruf geriet – und es bis heute ist. Im Windschatten dieser epistomologischen Lizenz zum Herumspinnen finden jedoch immer neue Obskurantismen Zulauf.

Es erscheint paradox, dass in der Ära von Big Data und Internet die Fakten immer schwerer zu finden scheinen – oder dass es in manchen Lebensbereichen (Politik, Wirtschaft) so leicht ist, sie zu fälschen oder zu entwerten. Sie dennoch zur Kenntnis zu nehmen, sie zu bewerten und einzuordnen – das ist oft anstrengend und aufwändig. Man muss dazu die postfaktische Komfortzone der eigenen gefühlten Gewissheiten verlassen. Die kontraintuitive Beunruhigung, die von solcher Denkarbeit ausgehen kann, scheuen immer mehr Menschen. Das erklärt sicher die tiefen Gräben in der Gesellschaft, die neuen Unversöhnlichkeiten und Aggressionen. Und es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass „postfaktisch“ bald auch „postdemokratisch“ und „postliberal“ bedeutet.

 

One Response to "Das Zeitalter des Fühlens"

  • Chris
    7. Dez 2016 - 23:35 Reply

    Guter Artikel, aber ich möchte eine Sache zu bedenken geben: Sind sie sich da wirklich so sicher, dass Menschen, die z.B. Trump wählen, nicht überwiegend rational handeln? Glauben sie nicht, dass Trump-Wähler ähnlich z.B. über Mitte-links-Wähler denken? Wir Menschen sind sehr schnell dabei die gegenüberliegenden Perspektiven als irrational zu sehen. Doch Rationalität kann in ganz unterschiedlichen Formen auftreten.

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