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Das Arschloch ist immer der andere

Schrecklich, all diese Idioten, Egoisten und Rücksichtslosen, die uns das Leben vermiesen. Der ewig nörgelnde Chef, der lärmende Nachbar, die schnippische Freundin, der stänkernde und mobbende Kollege. Dann ist da der nahe Verwandte, dessen Launen und passiv-aggressive Macken wir still erdulden müssen – ist ja schließlich Familie. Und auch „da draußen“ tummeln sich „Zumutungen“ aller Art. Auf der Straße etwa, wo uns Raser, respektive Trödler und selbst ernannte Pädagogen, Poser und Rambos den Blutdruck hochtreiben.

Es scheint, als ob die „Arschlochdichte“ dramatisch zunimmt. Bestätigen das nicht täglich die Nachrichten von unbegreiflich rücksichtslosen Gaffern, die – statt zu helfen – die Sanitäter oder die Polizei behindern, um das Ereignis zu filmen und zu posten? Ist nicht das Randalieren und Vandalisieren eine Art Freizeitsport geworden? Lesen wir nicht ständig von eiskalten Egoisten und skrupellosen Absahnern? Man muss kein Misanthrop sein, um festzustellen, dass manche Menschen nur schwer erträglich sind.

Nicht ohne Grund haben sich Psychologen in letzter Zeit intensiv mit „toxischen Persönlichkeitsstrukturen“ beschäftigt, also mit den „Giftspritzen“, die das zwischenmenschliche Klima erschweren und deren Treiben ansteckend sein kann (toxikon: griech. = Pfeilgift). Diese „Psychologie des rücksichtslosen Mitmenschen“ steckt noch in den Anfängen, aber liefert bereits interessante Erkenntnisse.

Zum Beispiel bestätigen einschlägige Untersuchungen, dass die Zahl unzivilisierter oder asozialer Akte im Arbeitsleben zunimmt – also Einschüchterungen, Schuldzuweisungen, Verächtlichmachen, Mobben, Ignorieren, verbale Aggressionen, Manipulationen, üble Nachrede und so weiter. Noch beunruhigender ist, dass in einer großen Umfrage der Managementexpertin Christine Porath 60 Prozent der befragten Arbeitnehmer zugaben, dass sie selbst schon solche Handlungen begangen hätten. Und 80 Prozent bestätigen, dass das derart vergiftete Klima ihre Leistung, ihre Konzentration und Motivation deutlich verschlechterten. Als Gründe für diese Entwicklung werden genannt: Stress, Konkurrenz- und Zeitdruck, Multitasking. Und digitale Kommunikation: Es ist offenbar leichter, sich daneben zu benehmen, wenn man dem anderen nicht ins Auge sehen muss. Es scheint also durchaus situative Faktoren zu geben, die rücksichtslos machen. Und das heißt: Jeder ist gefährdet. Rücksichtslosigkeit ist bei manchen sicher eine recht stabile Eigenschaft, aber wir alle können – von Zeit zu Zeit – zu „Giftspritzen“ werden.

Die Psychologen suchten Antworten zunächst bei der gut erforschten „dunklen Triade“ des negativen zwischenmenschlichen Verhaltens: Sind also vor allem die extremen Eigenschaften Narzissmus, Macchiavellismus oder Psychopathie die Ursachen für den Anstieg der Rücksichtlosigkeit und Bosheit? Einige Forscher glauben, dass man jenseits dieser drei Muster ein viertes identifizieren könne und müsse: Sie nennen es vorläufig jerkitude ( von engl. jerk = Idiot, Trottel). Jerkitude unterscheidet sich von den drei genannten Eigenschaften, indem sie eine grundlos boshafte und grundsätzlich verächtliche Haltung umfasst.

Der jerk, also der rücksichtlose Idiot, demütigt, kränkt oder verletzt andere weniger aus zweckgerichteten Gründen. Er erkennt die Gleichwertigkeit anderer Menschen nicht an und schert sich nicht um deren Wünsche, Ziele und Gefühle. Sie sind, um die Phrase zu gebrauchen, einfach „nicht auf Augenhöhe“. In diesem Punkt überschneidet sich die psychologische Klassifikation mit der Phänomenologie des Arschlochs, wie sie einige Philosophen erarbeitet haben, etwa Aaron James (University of California at Irvine): Das Wesen des Arschlochs sei die Überzeugung, ihm stünden Sonderrechte zu, die ihn über andere erheben und die ihm erlaubten, rücksichtslos seine Interessen durchzusetzen.

Jerkitude ist also eine besondere Form moralischer Ignoranz, erklärt der amerikanische Autor Eric Schwitzgebel. Die entscheidende Frage sieht er darin, ob jeder Einzelne erkennen kann oder will, dass  er selbst manchmal (oder auch oft) ein jerk ist. Denn so wie wir manchmal auch narzisstisch oder manipulativ sein können, so sind wir sicher auch mal rücksichtslos und gleichgültig gegenüber anderen.

Das Problem ist, dass unsere Selbsteinsicht meist sehr gering ist, wenn es um heikle Eigenschaften geht. Wir geben gerne zu, dass wir manchmal etwas zu redselig sind oder zu introvertiert. Daraus macht uns auch niemand einen Vorwurf, und es ist ja auch für andere offensichtlich. Aber wann und wie oft sind wir arrogant, kleinlich, schäbig, unnötig grob, boshaft, verächtlich gewesen – eben ein Idiot in den Augen der anderen? Da neigen wir gewöhnlich zu großzügigen Interpretationen zu unseren Gunsten: dieser langweilige, doofe Mensch hat es ja nicht anders verdient. Wir finden leicht gute Gründe für unser fragwürdiges Verhalten. Und schon sind wir auf der schiefen Bahn zur jerkitude…

Wie also erkennen wir den Teilzeit-Idioten in uns selbst? Wie gelangen wir zur Einsicht? Zunächst hilft es, sich selbst aufmerksamer – und das heißt auch: systematischer – zu beobachten. Wann, wie oft und warum unterläuft uns idiotisches Verhalten? Wann denken wir zum Beispiel verächtlich oder abwertend über andere? Strichlisten, Tagebuch, Protokolle geben Aufschluss. Wem das zu mühsam ist, der sollte sich an der psychologischen Universalwaffe Achtsamkeit üben: Die nicht-wertende, distanzierte Beobachtung der eigenen Gedanken und Gefühle lässt auch „idiotische Tendenzen“ im eigenen Bewusstseinsstrom besser erkennen, hat die Psychologin Erika Carlson (Universität Toronto) herausgefunden.

Und schließlich hilft es, sich gelegentlich an Menschen zu orientieren, die den Gegentyp des jerks verkörpern. Es gibt sie. Gottfried Benn hat diesem Menschenschlag, also der durch und durch freundlichen, netten, bescheidenen und gutmütigen Persönlichkeit ein Gedicht gewidmet:

Ich habe Menschen getroffen, die,
wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
schüchtern – als ob sie nicht beanspruchen könnten,
auch noch eine Benennung zu haben –
„Fräulein Christian“ antworteten und dann:
„wie der Vorname“, sie wollten einem die Erfahrung erleichtern …
Ich habe Menschen getroffen, die,
mit Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
am Küchenherde lernten,
hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen –
und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,
die reine Stirn der Engel trugen.

In seinen Schlussversen formuliert Benn ein Menschheitsrätsel. Die Antwort zu suchen wäre ein Forschungsprogramm für die sogenannte „Positive Psychologie“:

Ich habe mich oft gefragt, und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muss nun gehen. 

 

3 Responses to "Das Arschloch ist immer der andere"

  • Sabine Dreßler
    6. Aug 2017 - 14:13 Reply

    Was wundert es „die Gesellschaft“, die Psychologen und den Einzelnen, wenn nach Jahrzehnten der konditionierten „Funktionieren-müssen“-Erziehung, des „nicht auf sich selbst hörens“ die meisten – oder zumindest sehr viele Menschen genau an diesem emotionslosen Arschlochpunkt angekommen sind???
    Na klar wird die Strategie vor allem unter innerem Druck angewendet, die einen bisher am häufigsten weiter gebracht hat. Auch wenn jemand entspannt ein totaler Herzmensch ist, kann er – wenn er auf Biegen und Brechen etwas erreichen will – in eine absolut narzisstische Arschlochmentalität verfallen.
    Ich nenne das das „Schwingen mit der eigenen Musik“ im Relaxzustand und das agieren aus dem Egomind heraus unter Druck.

    Es wird Zeit, den Menschen zu zeigen, das auch im Schwingen immer die Dinge erreicht werden, die zu einem passen.

  • Alexander
    16. Aug 2017 - 14:35 Reply

    Super Artikel. Es wird kaum noch aufzuhalten sein, dass die Menschen die früher auch „normal“ waren auch noch umgeformt werden. Das erlernte Verhalten kommt leider auch aus den Medien. Und das kriegen wir von morgens bis abends rein gewürgt. Es findet ein Überkonsum an Medien statt. Ständig werden irgendwelche „neue“ Prominente entdeckt. Narzissmus wird gefördert und Top-Performern werden die goldenen Löffel gereicht. Und oft ist Ablehnung und konstruktive Kritik gleich ein Weltuntergang und führt zum „Zerfleischen“. Die narzisstische Kränkung führt zu Aggressionen und sich rächen wollen. Und die Anti-Fehler und Anti-Scheiter Kultur in Deutschland lauert auch an jeder Ecke und wartet nur darauf, dass Menschen, die ein verletztes Selbstwertgefühl haben bzw. sich nur über ihre Erfolge definieren, andere Menschen runter machen können und für dumm halten werden, nur um wieder „fett“ dazustehen. Viele Grüße

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