Go to Top

Darf das ein Migrantenkind?

Ich bin das Kind türkischer Gastarbeiter in der zweiten Generation. Ich bin auf der türkischen Seite des schwarzen Meeres geboren und bei meinen Großeltern aufgewachsen. Nach deren Tod holten meine Eltern mich nach Deutschland. Aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse besuchte ich zunächst nur die Hauptschule. Doch irgendwie auf Umwegen brachte ich es bis zum Abitur, das mir die Welt zur Universität eröffnete. Am ersten Tag meines Psychologiestudiums bekam ich ein Faltblatt in die Hand gedrückt, in dem von den drei größten Gruppen aller Studienabbrecher die Rede war: Arbeiterkinder, Migrantenkinder und Frauen. Volltreffer! „Jetzt erst recht!“, dachte ich, und ich meisterte mein Studium, sowie das studentische Partyleben mit Bravour.

Die nächsten Jahre meines Lebens lesen sich wie das Tagebuch eines Workaholics. Vollzeit als Diplompsychologin in verschiedenen autonomen Frauenberatungsstellen, gleichzeitig eine Ausbildung zur Gestalttherapeutin, die Entwicklung eigener Konzepte zu interkulturellen Therapiemethoden und Managerin, Schauspielerin und Mädchen für alles beim Frauenkabarett Die Bodenkosmetikerinnen. Mein Karrierezug fuhr so schnell, das ich selbst nicht immer mitkam. Manchmal bekam das Migrantenkind es mit der Angst zu tun und dachte: „Darf ich das überhaupt machen?“

Jahrtausendwende. Berlin rief, ich folgte und fand meine Wahlheimat. Eines Tages sitze ich in dieser Stadt in meiner Stammkneipe und denke, das Geschäft könnte auch besser laufen. Da kommt ein Bekannter mit einem Freund vorbei und setzt sich zu mir. Ich bin zuerst hoch erfreut über die Ablenkung von meinen Sorgen. Die Herren sind angenehm und wir sprechen so über Gott und die Welt im Allgemeinen und über Berufe im Speziellen. Da erzählt der Mann über seine depressive Frau. Dabei fällt mir auf, das auch er etwas grau im Gesicht ist, nicht nur wegen der vielen Zigaretten, die er raucht.
Daraufhin fragt er mich, was denn mein Beruf sei. Bei der Frage muss ich fast immer lügen. Bei der Antwort, „Ich bin Psychologin“ gibt es zwei verschiedene Reaktionsmuster:

1. heftet sich an dein Ohr und erzählt eine lange tragische Lebensgeschichte
2. dreht sich auf dem Absatz um und läuft in eine andere Richtung.

Ich trage ganz viele dünne Armreifen und sage zu dem Mann: „Mein Vater hat immer gesagt, ein Beruf ist wie ein goldener Armreif. Guck, wie viele Berufe ich habe.“
Da fragt er mich: „Und hast du Kinder?“
„Nein für Kinder fehlte mir immer die Zeit.“
„Wäre es nicht besser gewesen, du hättest dir lieber ein paar Kinder zugelegt, dafür hättest ein paar Armreifen weniger.“
Ich antworte: „Da du mich daran erinnerst, fällt mir ein: Als ich 16 Jahre alt war, ging ich noch in die Hauptschule, und ich stellte mir vor, wer ich wohl sein würde im Jahre 2000. Ich war sicher, ich würde von Beruf Friseurin sein oder Arzthelferin. Ich würde unglücklich verheiratet sein, wahrscheinlich mit einem Typen wie Dir und hätte von dem drei Kinder am Rockzipfel hängen. Ich habe einen coolen Beruf und meistens Spaß im Leben auch ohne Kinder.“
Das Grau seiner Wangen hellte sich unmerklich auf, und er bekam einen glasigen Blick. Schlagartig ging es mir gut. Ich schwebte auf Wolken, denn ich merkte plötzlich, wie selbstbestimmt ich lebte, und genau das war es, was ich mir immer gewünscht hatte. Aus damaliger Sicht hätte ich mir das nicht in meinen kühnsten Träumen ausmalen können. Ich stand auf und küsste ihn auf seine grauen Wangen und eine fette Umarmung gab es noch obendrauf.


Serpil Pak wuchs in der Türkei bei ihren Großeltern auf. Mit 9 Jahren kam sie zu ihren Eltern nach Deutschland. Sie studierte Psychologie in Münster, absolvierte eine Ausbildung in Gestalttherapie und arbeitete als Diplompsychologin an verschiedenen Stellen, u.a. in autonomen Frauenberatungsstellen. Serpil Paks Wahlheimat ist Berlin. Sie arbeitet dort nicht nur als Trainerin und Fortbildnerin, sondern vor allem auch als Kabarettistin. Ihr aktuelles Programm heißt: „Schleierhaft, eine Orientwalküre packt aus“.

5 Responses to "Darf das ein Migrantenkind?"

  • Andrea Freiter
    2. Jul 2014 - 12:00 Reply

    eine ganz großartige Lebensgeschichte!
    es wäre schön wenn sie von sehr vielen,
    aber nicht nur von Migranten oder/und deren Kindern gehört wird! demotivierte, mutlose und resignierte junge Leute haben keine bestimmte Nationalität.
    so oft so schade…
    deswegen weiter machen, und Möglichkeiten zeigen…
    sonnige grüße a

  • Peter mackiewicz
    2. Jul 2014 - 12:36 Reply

    Der Geschichte sei soviel angemerkt:
    Mit Beharrlichkeit und einem festen Willen, erreicht man sein Ziel. Und
    “es sind die kleine Dinge, die das Lebens lebenswert machen“

  • Angelika B.
    20. Aug 2014 - 2:46 Reply

    Ich bin Arzthelferin und ehemalige Hauptschülerin…..und fühle mich nicht fremdbestimmt mit 3 Kindern am Rockzipfel.

    Und nun?

    • Börn Hard
      20. Sep 2014 - 23:36 Reply

      naja… nichts und nun.

      Du hast Deinen weg gewählt
      Du bist glücklich damit.
      punkt.

      was wir sind, sind wir aus freien stücken.

  • Marianne A.
    10. Sep 2014 - 0:43 Reply

    wissen Sie, ich glaube, dass der Titel genau auf den Zahn fühlt….
    Darf überhaupt ein Migrant/-in in Deutschland was werden!!!
    Die Antwort lautet: auf keinen Fall, wir würden es in Namen des Überlegenheitskomplexes nie zulassen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.