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Can can – cannot cannot

Einmal im Jahr kommt es mich an, mich erholen zu müssen in Singapur. Ja, erholen in Singapur, wo man mit der Rute bestraft wird, wenn man Zigarettenstummel auf die Straße wirft (von Kaugummi ganz zu schweigen!), wo die Palmen aus Plastik sind und von Demokratie keine Rede sein kann. Was übrigens stimmt, schließlich essen die Deutschen täglich Sauerkraut und Schweizer spielen den ganzen Tag Alphorn oder bohren Löcher in Käse, und die Franzosen gehen jeden Abend ins Maxim‘s.

Nichts gegen Vorurteile – sie sind für mich wie dem Gemüsegärtner die „Zeigerpflanzen“, die ihm eben zeigen, wie der Boden beschaffen sein könnte, damit er die passenden Nutzpflanzen einsetzen kann. Vorurteile entstehen ja nicht einfach aus dem Blauen heraus, es ist fast immer etwas dran. Dass man keine haben soll, wie es die Gymnasial- und Religionslehrer unisono repetieren, nützt ohnehin so viel wie die Mahnung an die Kinder, McDonald‘s sei ungesund. Und man sieht doch, dass die Roma außer betteln und klauen nichts zustande bringen und alle Amis am Abend an der Theke Friend zueinander sagen und sich am nächsten morgen nicht mehr kennen wollen.

Aber ich wollte ja gar nicht von Vorurteilen berichten. Nur sind sie eben die Plakatwände vor den Brachen, in deren vernachlässigten, trockenen Böden die schönsten Blumen wachsen, „Zeigerpflanzen“ genannt, die andere Wurzeln und Blüten ankündigen. Die can can – cannot cannot-Pflanze zum Beispiel in Singapur. Ein Grund mehr – unter anderen –, warum ich ab und zu diesen eigenartigen Insulanern muss, um mich in der warmen Luftsuppe am Äquator zu erholen und vor allem, um absolut ungestört lesen und schreiben zu können. Denn in Singapur lässt man dich in Ruhe, sogar die Touristen. Was unbedingt sein und gesagt werden muss, läuft da wie am Schnürchen, darum gibt es nichts Unnötiges zu sagen.

Um hinter die Vorurteile zu kommen, die an Orten und Gemeinschaften kleben – so fest wie Schusterleim, hat er einmal angezogen – muss man vor Ort gelebt haben, zumindest eine Zeitlang. Die Familie meiner Tochter lebte in diesem von Vorurteilen geradezu zugekleisterten Stadtstaat einige Jahre, und ich ließ es mir nicht entgehen, mich als Großvater zweier Enkel da etwas nützlich zu machen oder vielmehr einfach vorhanden zu sein. Und ist man auch nur einmal an einem Ort mit einer Einkaufstüte mit herausragender Lauchstange gesehen worden, gehört man dazu, selbst in Barcelona streichen einen die Taschendiebe umgehend von der Liste – der ist kein Tourist, es lohnt sich nicht, in seine Tüte zu greifen, wer weiß, was da noch Klebriges drin steckt, jedenfalls kein prall gefülltes Reiseportemonnaie.

Nun also die can can – cannot cannot-Blüte. Angenommen, das Siphon ist verstopft und lässt sich nicht aufschrauben, so bestellt man wie überall auf der Welt einen Sanitär, wie wir in der Schweiz sagen. Und ebenso pünktlich wie in der Schweiz (kein Klischee!) kommt in der „Schweiz Asiens“ also der Sanitär, grüßt knapp und baut sich vor dem Schadenfall auf. Aber anders als in der Schweiz Europas sagt er dann nichts weiter als can can oder cannot cannot und bleibt oder geht, je nachdem, umgehend wieder. Der Schweizer hingegen würde sagen, es tue ihm furchtbar leid, seine Firma dürfe eben nur Siphons aus Plastik reparieren, bei solchen aus Metall müsse ein lizenzierter Spengler kommen und allenfalls das ganze Waschbecken ersetzen, aber wie er wisse, sei der Spengler in Niederbipp gerade in den Ferien – mit der Nachbarsfamilie übrigens, die er kenne, weil deren Tochter seinen betagten Schwiegereltern den Haushalt mache und so weiter. Es tue ihm wie gesagt furchtbar leid, er werde sich aber mal umhören, ob nicht in Kleindöttigen jemand verfügbar wäre … – Was ja gut und schön ist, nur hätte man in Singapur in dieser Zeit, die der Schweizer durchaus berechnete, längst einen zweiten Sanitär an der Tür gehabt, der nach einem knappen Hello – den Siphon längst ersetzt hätte, noch bevor er can can gesagt hätte. Nicht auszudenken, wie diese Szene in Frankreich abliefe, wo außer vieler Worte, Versprechungen und Entschuldigungen am Telefon für tagelanges Nichterscheinen überhaupt nichts passiert. Vorurteil? Auch da hat die Familie meiner Tochter einige Jahre gelebt; ich darf mich mittlerweile als Experte für stimmige Vorurteile, also Urteile bezeichnen, wenn diese Dinge denn ernst zu nehmen wären, schließlich zwingt uns nichts, sich in anderen Ländern und Orten ärgern zu gehen. Es gibt genug andere Destinationen und Möglichkeiten. Oder?

Besser als in Kategorien von Urteilen und Vorurteilen, Tatsachen und Täuschungen zu denken, sollten wir nach meinem Verständnis ganz einfach von Codes sprechen, wie ich es gerne halte. Jeder Ort, jede „Sippe“ hat ihren Code, den man eben möglichst rasch begreifen sollte, bevor man sich ärgert oder freut, um dann hinterher enttäuscht zu sein, weil der Deutsche eben nicht täglich Sauerkraut und Würstel isst oder weil das Sauerkraut nun einmal sauer ist und das Schweizer Fondue Fäden zieht bis in Dekolleté hinein oder über die Visitenkarte am Revers. Schließlich funktionieren alle Länder irgendwie, sogar mit oder ohne Mafia, die sich nicht ohne Grund so hartnäckig hält, wo die offizielle Leseart nur heiße Luft verspricht.

Dabei sind die Singapurer durchaus nicht unfreundlich oder wortkarg. Abends um die Nudelstände herum ist ein Palaver, schlimmer als im pseudophilosophischen Café Flore in Paris und es wird Bier gesoffen, mehr als im Hofbräuhaus, wo ja alle Münchner täglich vorbeischauen.

Nein, can can – cannot cannot reicht tiefer ins Wesen der Singapurer. Der Grund meiner Erholung dort liegt darin, dass man als „Westler“ allmählich merkt, wie entspannend es ist, wenn die anstrengende und unnötige Manier unserer religiös-kulturell bedingten „Schuldkultur“ einmal ganz einfach wegfällt: das Versprechen, gar Schwören, um sich hinterher zu entschuldigen, weil man etwas nicht einhalten konnte, um gleich noch intensiver zu schwören, um sich erst recht zu übernehmen und wieder beichten zu müssen. Wir merken doch schon bei dem aus dem Smalltalk generierten Versprechen, jetzt dann wirklich einmal zusammen dies oder jenes zu unternehmen, dass wir es ganz sicher nicht einhalten werden. Die Singapurer drücken sich einfach immer ganz knapp aus, wenn es zur Sache kommen muss – ihrer Schamkultur entsprechend, die durchaus auch ihre anstrengenden Blüten treibt.

„Eure Rede aber sei: ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“ Das steht sogar in der Bibel, deren katholische oder protestantische Auslegung unsere Kultur intensiver prägt, als wir es wahrhaben wollen, Kirchgänger oder nicht. Jedenfalls gefällt mir in Singapur, dass ein Siphon ein Siphon ist und eine Nudelsuppe eine Nudelsuppe. Und dass der Taxifahrer, nachdem er can can gesagt hat, erschrickt, wenn man ihm ein Trinkgeld geben will.

Er hat doch can can gesagt. . . .

 

 

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