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Büro Coffeeshop

Ein typischer Montagmorgen in meinem Lieblingscafé. Es ist ruhiger als an anderen Tagen, aber von den Stammgästen sind einige da. Auch ich komme mehrmals wöchentlich zu Peet’s Coffee & Tea, einem Coffeeshop drei Blocks von unserer Wohnung in Chicago entfernt. Je nach Bedürfnis gehe ich auch in andere Lokale: im Sommer zu einem Starbucks mit schattiger Terrasse; zum Schmökern in den gemütlichen Indieladen mit den bequemen Sesseln; wenn es mir nach Bewegung ist, in ein österreichisch inspiriertes Kaffeehaus einen schönen Spaziergang entfernt. Aber bei Peet’s kann ich am besten arbeiten. Es gibt viele kleine Tische, die perfekt für einen Laptop und ein paar Unterlagen sind, einen langen Gemeinschaftstisch für Treffen mit mehreren Leuten, reichlich Steckdosen, um seine elektronischen Helfer aufzuladen, ein zuverlässiges Wifi, angenehm ruhige Musik.
Manchmal bin ich selbst erstaunt, wie sehr es mich hierhin zieht. Schließlich habe ich zu Hause ein helles und ruhiges Büro, das objektiv betrachtet viel besser zum Arbeiten geeignet ist. Dennoch habe ich das Gefühl, im Coffeeshop produktiver zu sein: Mir fällt mehr ein, ich fühle mich energievoller und bin besser gestimmt.
Wissenschaftler wundern meine Erfahrungen nicht. Stichwort Kreativität: Eine im Jahr 2012 veröffentlichte britisch-amerikanische Studie zeigt, dass ein mittellauter Geräuschteppich, wie man ihn typischerweise in Cafés findet, gut für die Schöpferkraft ist. In einem Experiment testeten die Forscher den Einfallsreichtum der Teilnehmer bei verschiedenen Lärmniveaus, indem sie sie baten, Ideen für neue Arten von Matratzen zu entwickeln. Bei einem moderaten Dezibelpegel waren die Probanden im Vergleich zu einer eher leisen Umgebung deutlich fantasievoller, während sie bei viel Lärm sowohl weniger als auch schlechtere Ideen produzierten. Ein mittleres Geräuschniveau, so die Erklärung, liefert genau das richtige Maß an Ablenkung: genug, um nicht zu fokussiert zu sein, so dass man besser abstrakt und breit denken kann; aber auch nicht so viel, dass die Informationsverarbeitung leidet. (Ein kleiner Tipp: Mit Hilfe der Webseite www.coffitivity.com kann man sich auch zu Hause oder in der Firma mit der unverkennbaren Café-Mischung aus Geschirrgeklapper, Murmeln und Stühlerücken beschallen lassen.)
Auch die Leistungsbereitschaft kann ein Ausflug in den Coffeeshop beflügeln, wie die Forschung belegt – vorausgesetzt, man wählt einen mit arbeitsamen Gästen. Denn wenn man neben jemandem arbeitet, der sich voll auf eine Aufgabe konzentriert, so haben belgische Psychologen kürzlich gezeigt, ist man selbst mit mehr Einsatz dabei. In der 2016 veröffentlichten Studie saßen jeweils zwei Teilnehmer nebeneinander und absolvierten Reaktionstests unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades. Die Frage der Wissenschaftler: Wenn Person A an einem sehr schweren Test arbeitet, strengt sich dann auch Person B bei seiner nur mittelschweren Aufgabe mehr an? Und in der Tat arbeitete der zweite Proband härter. Das Fazit der Wissenschaftler: Es wirkt ansteckend, wenn sich andere geistig anstrengen.
Diesen Effekt kenne ich zweifellos von mir. Während ich im Home Office die Arbeit leicht immer wieder unterbreche – mal sehen, was die Balkonblumen machen, schnell noch die Waschmaschine einräumen et cetera – treibt mich im Coffeeshop das Beispiel anderer an. Insbesondere ein Autor, der stundenlang über psychoanalytischen Artikeln und Büchern brütet, motiviert mich, konzentriert dran zu bleiben. Natürlich gibt es auch notorische Plaudertauschen, wie den Pensionär, der immer zu mir rüberkommt, um mir seine Zeitung abzutreten und dabei das Neuste aus seinem Leben erzählt. Aber das ist schon okay: Nach einem kleinen Plausch, so scheint mir, geht die Arbeit sogar zügiger voran.
Am meisten aber finde ich mich in einer Studie von Lisa Waxman von der Florida State University wieder, die untersuchte, warum sich Besucher mit einem bestimmten Coffeeshop verbunden fühlen. Danach spielt neben dem Gefühl, produktiv zu sein, die Möglichkeit in der Gegenwart von „vertrauten Fremden“ zu sein, eine wichtige Rolle. Dies beinhaltet die Interaktion mit dem Personal, den Austausch mit anderen Gästen, die soziale Unterstützung, die man von ihnen bekommt. Auch für mich sind es die sozialen Kontakte, die ich an meinem Stammcafé am meisten schätze. Ich kenne fast alle Mitarbeiter mit Namen und sie wissen, welchen Tee ich am liebsten mag. Manche Gäste kenne ich nur vom Sehen, mit anderen plaudere ich regelmäßig. Wenn ich ein Problem mit meinem Laptop habe oder wissen will, wie andere ein politisches Tagesereignis sehen, findet sich fast immer jemand, der dazu was sagen kann.
Als freie Journalistin zu arbeiten, kann herausfordernd sein. Doch meist genieße ich es, ein Freelancer zu sein. „Mein“ Coffeeshop hat einen nicht unbedeutenden Anteil daran. Und jetzt muss ich mich schnell anstellen und mir einen weiteren Grüntee bestellen.

Zum Weit

erlesen:
Desender, K, Beurms, S. & Van den Bussche, E. (2016): Is mental effort exertion contagious? Psychonomic Bulletin & Review, 23/2, 624-631.
Rachael A. Woldoff, R.A., Lozzi, D.M. & Dilks, L.M. (2013): The Social Transformation of Coffee Houses: The Emergence of Chain Establishments and the Private Nature of Usage. International Journal of Social Science Studies, 1 /2, 205-218.
Mehta, R., Zhu, R. & Cheema, A. (2012): Is Noise Always Bad? Exploring the Effects of Ambient Noise on Creative Cognition. Journal of Consumer Research, 39/4, 784-799.
Waxman, L. (2006): The Coffee Shop: Social and Physical Factors Influencing Place Attachement. Journal of Interior Design, 31/3, 35-53.

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