Go to Top

Ballast abwerfen und Lebensereignisse unaufgeregt quittieren

Das Jugendwort des Jahres 2014 ist identifiziert worden. Es lautet: Läuft bei dir. Man kann es jetzt nachlesen im Taschenwörterbuch 100 Prozent Jugendsprache 2015 des Langenscheidt-Verlages. Jugendsprache zu erforschen und zu systematisieren ist für den Versuch, die jungen Generationen zu verstehen, ein enorm verdienstvolles Projekt. Wobei mir das Wort Jugendsprache quer liegt wie eine Gräte im Mund: bei der Vokabel Jugend höre ich die negativen Konnotationen immer mit. Jugend kenne ich vor allem als: die heutige Jugend. Und dieser Ausspruch transportiert für mich den mehr oder weniger lauten Aufschrei der Älteren über die jungen Leute – ich habe ihn von früher immer noch im Ohr (weshalb ich das Wort Jugend vermeide und lieber von Generationen spreche).

Das ist natürlich uralt – klingt aber immer wieder neu. Es ist die Kluft zwischen den Generationen, die sich darin ausdrückt – die gegenseitige Fremdheit und das gegenseitige Unverständnis –, und die schwer auszuhalten ist als eine gewissermaßen natürliche Lebenskonstellation; es ist die Abfolge der Generationen und deren jeweiliges unterschiedliches Altern, die schwer zu ertragen sind: Die junge Generation kommt, die alte Generation tritt ab und zieht sich zurück. Heute, da das Altern verpönt ist angesichts kursierender Fantasien lebenslanger Fitness, wird die junge Generation scharf fokussiert im Neid der älteren Generationen. Die Liste der Vorwürfe ist lang. Die jungen Leute bewegen sich heute wenig, hocken viele Stunden vorm Rechner, googeln bei Wikipedia herum, statt in einem enzyklopädischen Lexikon nachzuschlagen, verlernen das Lesen, sind unruhig, unkonzentriert, selbstbezogen, cool und komisch – und so weiter. Neulich hat die Bonner Dozentin Christiane Florin in einer Art akademischer Publikumsbeschimpfung in ihrem Text Warum unsere Studenten so angepasst sind (Rowohlt Taschenbuch, September 2014) tüchtig über ihre jungen Leute geklagt.

Es ist das den sprichwörtlich alten Griechen bekannte alte Lied. Man muss sich daran erinnern, um zu verstehen, welche kulturelle und individuelle Differenzierungsarbeit die jungen Leute leisten müssen, wenn sie ihren Weg finden wollen im ständig dröhnenden Chor der Klagen und Vorwürfe der älteren Leute, die ihr Kopfschütteln glauben zum Besten geben zu müssen. Zur Differenzierungsarbeit gehört die bewusste oder nicht bewusste Verständigung auf einen eigenen, nicht sofort verständlichen sprachlichen Code. Er dient der Selbst-Vergewisserung der Identität und der Inklusion über die Gegenwart und die Zukunft des eigenen Platzes in dem komplizierten Gefüge, das wir Gesellschaft nennen.

Kommen wir also zu dem von den jungen Leuten favorisierte Wort des Jahres 2014: Läuft bei dir. Es klingt zuerst blass. Wo ist die Pointe? Man muss es sich vorsagen und sich an vertraute Formeln, die das Laufen benutzen, erinnern. Sportreporter sagen von einer konstant erfolgreichen Fußballmannschaft, sie hätte gerade einen Lauf. Von Konrad Beikircher wissen wir, dass der Kölner das Verbum laufen für die technische Zuverlässigkeit seines Fahrzeugs reserviert: Et läuf’, sagt er. In diesen beiden Kontexten bedeutet laufen: erfolgreiches und störungsfreies Funktionieren.

Läuft bei dir, fanden wir beim Sonntagsfrühstück mit unserer Tochter heraus, markiert die Kontexte des Gelingens und die Kontexte des Scheiterns. Läuft bei dir ist der Kommentar einer nüchternen Bilanz. Wer so spricht, gibt sich oder ist distanziert; Erfolg oder Misserfolg berühren ihn nicht sehr. Scheitern die eigenen Aktivitäten oder Projekte, dann lautet der nüchterne Kommentar ebenfalls: Läuft bei dir. In beiden Fällen – Erfolg oder Misserfolg – imponiert die ironisch gefärbte Lakonie der Feststellung; es wird wenig Aufhebens gemacht. Der Kommentator pflegt die Untertreibung; weder wird der Triumph gemeinsam genossen, noch wird die Schadenfreude gepflegt. Kein Grund zur Aufregung; kein Grund zum Ärgern. Läuft bei dir kommuniziert die Haltung des Understatements. Sie erinnert mich an die kölnische Alltagsphilosophie des Et kütt wie et kütt und an die alten Western-Heroen, die davon sprachen, dass getan werden muss, was getan werden muss. Läuft bei dir klingt wie der lässige Einspruch gegen den modernen Sog der Konkurrenz und des Wettbewerbs: Mehr als dass das Rad sich dreht, muss nicht sein; es muss nicht so schnell laufen. Man könnte auch sagen: Läuft bei dir wirft den modernen kulturellen Ballast ab. Wie jede Generation sich mit der vorhandenen Kultur auseinandersetzen muss, muss die junge Generation eine eigene Position finden und die Bindungen, Traditionen, Verabredungen, Beschränkungen, Regeln der gegebenen Kultur und die Verabredungen zur Anpassung modifizieren. Die Sprache der jungen Generation dient der Emanzipation von der Bevormundung. Sprache ist elastisch. Sie gehört allen. Niemand hat – glücklicherweise – das Monopol der Korrektheit. Sprachwissenschaft registriert die Variationen des Sprachgebrauchs und markiert das Ausmaß der Häufigkeiten der Verwendung.

Läuft bei dir verstehe ich als das Gegen-Wort zur enormen Konkurrenz der Gegenwart: das sprachliche Antidot gegen die Kränkung des Scheiterns. Ich kenne drei Beispiele, dem Scheitern eine produktive Wendung zu geben: Samuel Beckett steigerte: Scheitern. Wieder scheitern. Besser scheitern; Albert Camus fand im Mythos des Sisyphos die Haltung des Nicht-Nachlassens; Jerome Kern – der Komponist des Lieds Ol’ Man River – empfahl 1936 mit Dorothy Fields in ihrem Lied Pick yourself up das unverdrossene Weitermachen. Insofern möchte man der Dortmunder Fußballmannschaft zurufen: läuft bei euch. So oder so.

2 Responses to "Ballast abwerfen und Lebensereignisse unaufgeregt quittieren"

  • pe dir
    14. Dez 2014 - 17:52 Reply

    Wer sich für diese Jugendwörter des Jahres interessiert? Die Jugendlichen wohl nicht.Die durch Kurzmitteilungsdienst-Nutzung bewirkten Komprimierungen der Sprache werden semantisch überinterpretiert. Das wird sich wieder ändern, wenn die Technik das Tippen erübrigt.

  • trech
    17. Dez 2014 - 21:47 Reply

    Dankeschön! Super geschrieben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.