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Auf Leben und Tod

Wer den Zustand einer Gesellschaft beschreiben will, muss sich ihren Umgang mit Sterben und Tod anschauen. Es steht zu befürchten, dass Deutschland hier die hintersten Ränge besetzt.
Wer Drittligaspiele der Bundesliga sehen will, kauft sich ein Sky-Abo, wer ein Leben lang weiße Zähne haben will, schließt eine private Zahnzusatzversicherung ab und wer Sex gegen Geld will, geht in den Puff. Alles können wir haben für Geld. Nur wer in Deutschland selbstbestimmt sterben will, muss das Land verlassen und in die Schweiz fahren. Zu Dignitas. Da kostet ein All-Inclusive-Exitus runde 8000 Euro. Das nennt man dann private Zuzahlung im Todesfall.

Seit November 2015 ist das Sterben in Deutschland geregelt mit einem Gesetz, das geschäftsmäßige Sterbehilfe verbietet. Das klingt im ersten Moment vernünftig, ist aber auf den zweiten Blick nur ein hilfloser Versuch, Ordnung ins Todeschaos zu bringen, eine Art Gesetzesplacebo. Der Bundesrichter Thomas Fischer schreibt in seiner Kolumne von ZEIT ONLINE dazu, der Gesetzgeber habe „von allen diskutierten Vorschlägen den restriktivsten, freiheitsfeindlichsten und obrigkeitsstaalichsten“ umgesetzt. Damit ist keinem geholfen, aber allen geschadet, wie das Beispiel von Bettina Koch zeigt. Die damals 51-Jährige aus Braunschweig stürzte, als sie Einkäufe aus dem Auto holte. Sie prallte gegen einen Blumenkübel und brach sich den Nacken. Von nun an war sie vom Hals abwärts querschnittsgelähmt und musste beatmet werden. Sie hatte Krämpfe und Schmerzen und konnte nichts an ihrem Körper bewegen. Die Ärzte prognostizierten, sie werde in diesem Zustand noch lange leben müssen. Beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beantragte sie 15 Gramm Natrium-Pentobarbital, um sich das Leben zu nehmen. Das Amt lehnte ab. Kurz danach fuhr sie mit ihrem Mann in die Schweiz, um mit Hilfe von Dignitas ihr Leben zu beenden. Das war 2005. Im März dieses Jahres hat das Bundesverwaltungsgericht entscheiden, dass das Amt falsch gehandelt hat. Es hätte Bettina Koch das Gift geben müssen, denn, so die Richter, der „Zugang zu einem Betäubungsmittel, das eine schmerzlose Selbsttötung ermöglicht, darf in extremen Ausnahmesituationen nicht verwehrt werden.“ Das folgt aus dem Persönlichkeitsrecht. So wird die Entscheidung über Leben und Tod nun also zu einer Entscheidung von Beamten. Ohne Frage ist die Entscheidung der Richter ein Schritt in die richtige Richtung, in der allgemeinen Gemengelage aber eher eine Verschlimmbesserung.

Der umstrittene Verein Sterbehilfe Deutschland des früheren Hamburger Justizsenators Roger Kusch veröffentlicht jedes Jahr das Weißbuch, in dem er Auskunft gibt über seine Suizidbegleitungen. Mehr als die Hälfte aller Klienten litt nicht unter Schmerzen oder anderen schweren Krankheitssymptomen. Sie hatten einfach nur Angst vor dem, was kommen könnte. „Besser tot, als ins Heim“ ist ein häufig zitierter Satz.
Verboten ist hierzulande die aktive Sterbehilfe, also einem Menschen eine tödliche Medikamentendosis zu verabreichen. Juristisch wäre das Tötung auf Verlangen. Erlaubt ist die indirekte Sterbehilfe: als Arzt ein Medikament zu geben, um Schmerzen zu lindern und damit in Kauf zu nehmen, dass das Leben des Patienten verkürzt wird. Ebenfalls erlaubt ist die passive Sterbehilfe, bei der künstliche Ernährung gestoppt oder andere lebensverlängernde Maßnahmen verkürzt werden. Richtig kompliziert wird es bei der Beihilfe zum Suizid. Ein Arzt oder Angehöriger hilft einem Menschen, sein Leben zu beenden, indem er entsprechende Medikamente bereitstellt oder verschreibt. Der Sterbewillige muss das Medikament selbst einnehmen. Das ist nicht strafbar, weder für Ärzte, noch für Angehörige. Die Ärztekammer schreibt aber vor, dass Ärzte keine Hilfe zum Suizid leisten dürfen. Diese Vorgabe des Deutschen Ärztetages, Beihilfe zum Suizid zu verbieten, haben die Landesärztekammern aber nur zum Teil übernommen. Willkommen im Irrsinn des Föderalismus: Wer am Nordrhein lebt, hat Pech gehabt, in Westfalen-Lippe ebenso, hier riskiert der Arzt seine Zulassung, wenn er hilft. In Bayern und Baden-Württemberg dagegen ist die Beihilfe erlaubt. Nicht nur am Lebensanfang entscheidet also die Herkunft über die Zukunft, das Gleiche gilt für das Ende.

Ärztekammer, Politik, katholische und evangelische Kirche sind die neue Todes-Quadriga: Die Kirchen haben gleich nach der Sterbehilfeentscheidung im vergangenen Herbst umgehend ein gemeinsames Bekennerschreiben an den Bundestag geschickt: „Das habt Ihr toll gemacht!“ Wenn es darum geht, unter dem Vorwand der Nächstenliebe die schlimmste Bigotterie in die Welt zu tragen, war man bei der Christenbruderschaft schon immer vorne mit dabei. „Aus christlicher Perspektive ist die Selbsttötung eines Menschen grundsätzlich abzulehnen“, schreibt der Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands zum Thema Suizidbeihilfe.

Was sind die Argumente der Sterbehilfegegner? Der Medizinethiker Giovanni Maio fürchtet, dass eine Gesellschaft, die den Suizid als nachvollziehbare Tat ansieht, auch anderes Leben leichtfertig in den Tod schicken könne. Behindertes und gebrechliches Leben, letztlich jedes Leben, das sich dem optimierten Funktionieren der Gegenwart entzieht. Wer also das Gefühl hat, anderen zur Last zu fallen, könnte sich mit der Erwartung konfrontiert sehen, sich doch bitte zur Entlastung seines Umfelds selbst aus dem Weg zu räumen. So wie das ungesunde Leben am Anfang aussortiert werden kann, wird es auch am Ende der Selektion in dienlich und nicht dienlich, nützlich und nicht nützlich, in Freund und Feind des Fortschritts eingeteilt. Die Beihilfe zum Suizid sieht er als verdeckte Tendenz zur totalen Abwertung gebrechlichen und behinderten Lebens an. Am Ende ist es nur die Angst vor der Entmachtung, vor dem Angewiesensein, dem Kontrollverlust und dem Loslassen, was da zu Unrecht in ein Pathos der Freiheit umgedeutet werde.

Sowohl Beihilfe zum Suizid durch Ärzte, als auch aktive Sterbehilfe wollen das Gegenteil von wahlloser Tötung. Es geht gerade nicht um einen Sterbenszwang, gegen den Willen eines Patienten, sondern um selbstbestimmtes Sterben aus freien Stücken, der Arzt folgt dem expliziten Wunsch des Patienten nach entsprechend sorgfältiger Prüfung mehrerer voneinander unabhängiger Stellen. Wie das menschenwürdig funktionieren kann, zeigt der Blick über den Tellerrand der eigenen Landesgrenzen. Der US-Bundesstaat Oregon beschloss schon Mitte der 1990er Jahre ein Gesetz, das Beihilfe zum Suizid ermöglicht und regelt: Die Voraussetzung, damit ein Patient ein tödlich wirkendes Medikament bekommen kann, sind kompliziert, aber machbar. Durch das Procedere ist Missbrauch ausgeschlossen. Besonders interessant: Ein Drittel aller Patienten, die sich ein Rezept ausstellen ließen, lösten es am Ende nicht ein. Ähnliches gilt für die Schweiz, wo es mit Exit und Dignitas zwei Sterbehilfeorganisationen gibt. Viele Mitglieder treten den Vereinen bei, um dann selbstbestimmt(er) weiterleben zu können.

In den Niederlanden ist sogar Tötung auf Verlangen möglich. Schwerkranke Jugendliche müssen hier mindestens zwölf Jahre alt sein, um zu entscheiden, ob sie sterben möchten. Können sie das überhaupt? Medizinethiker sprechen von einem Alter ab 14 Jahren, in dem Jugendliche die Tragweite und Bedeutung ihrer Entscheidungen verstehen können. Wer sich mit 14 die Pille besorgen kann, sich mit 16 von Heidi Klum die regelmäßige Nahrungsaufnahme verbieten lässt oder fürs Vaterland im Auslandseinsatz sterben darf, muss auch das Recht haben, über sein eigenes Leben zu bestimmen.

Und die Politik mischt sich in Fragen ein, die sie nichts angeht: Der Staat hat niemandem vorzuschreiben, wie er zu sterben hat. Der Staat ist mein Diener, nicht mein Schulmeister. Er hat mir das Leben nicht gegeben, also hat er auch nicht darüber zu befinden, wann und wie es endet. Lebensrecht ist kein Lebenszwang.

11 Responses to "Auf Leben und Tod"

  • Eysenbeiss
    9. Mai 2017 - 16:24 Reply

    Kann ich nur voll und ganz zustimmen, vor allem dem letzten Absatz und es zeigt sich eben immer wieder, dass Deutschland alles ist, aber kein wirklich säkularer Staat.

  • Doris Schmidt
    9. Mai 2017 - 19:27 Reply

    Ich teile in vollem Umfang den Standpunkt :jeder hat jederzeit das Recht alleine und ohne Angst vor rechtlichen Konsequenzen zu entscheiden wann und wie er sterben möchte. Weder Staat noch Kirche haben diese Entscheidung zu treffen.

  • Marc Ostermann
    9. Mai 2017 - 23:57 Reply

    Ganz deiner Meinung! Lieber Florian..
    Jeder Mensch hat selbst zu entscheiden, wie und wann er sterben möchte! Und nicht…Der STAAT! Leben ist, Privatsache und ist nicht Sache der Öffentlichkeit. Wer nicht mehr Leben möchte! Aus welchem Grund auch immer. Dem muß man die Chance, auf einen humanen Tod geben. Nicht in der Schweiz! Sondern hier in Deutschland. Tiere dürfen auch eingeschläfert werden. Warum dann nicht auch sterbewillige Menschen???

  • Franz Hench
    10. Mai 2017 - 0:24 Reply

    Diesem Artikel kann nur uneingeschränkt zugestimmt werden, danke Herr Schroeder !

  • Madlen Groß
    10. Mai 2017 - 15:05 Reply

    Kann es nicht sein, dass der Staat gerade auf diese Weise seine Schutzfunktion ausüben möchte und die Kirche ihre gesellschaftliche Verantwortung? Ihnen geht das im konkreten Einzelfall zu weit und Sie betrachten es als gewaltsamen Eingriff in Ihre Privatsphäre. Aber wie soll Mißbrauch verhindert werden und gleichzeitig eine Offenheit im Gesetz zugelassen werden, die jedem sterbewilligen Menschen gerecht wird? Ich finde Regelungen zur Sterbehilfe äußerst kompliziert und je besonnener da mit Spielräumen umgegangen wird, um so besser und verantwortungsvoller. Sie, als Kabarettist überspitzen und provozieren natürlich. Sie wollen aufrütteln und unterhalten. Das ist Ihnen mal wieder meisterhaft gelungen. Aber haben Sie auch die Übersicht ethisch brisante Gesetze zu verabschieden?

    • Nicole Nitz
      14. Mai 2017 - 10:29 Reply

      Kabarettist? Woraus meinen Sie darauf schließen zu können?

      Ihre Meinung in Ihrem Kommentar teile ich auch. Wo ist die Grenze bei diesem heiklen Thema?

      Die Schulmedizin verdient ihr Gekd mit Krankheit – je schwerwiegender umso mehr.
      Wenn die Ärzte es also zulassen würden, unheilbar Kranken beim Sterben zu helfen, schneiden sie sich ins eigene Fleisch. :/

      Aber hier sollte es um ethische -also menschenwürdige- Entscheidungen gehen.
      Wann ist ein Patient unheilbar? Wann ist das Leben noch lebenswert und bestenfalls schmerzfrei und selbstbestimmt?

      Wäre es nicht wünschenswert, dass Ärzte eine Bescheinigung ausstellen könnten, die erklärt wie die Lebenserwartung des Patienten zu werten ist? Und gleichzeitig wie klar der Patient bei Bewusstsein ist?

      Jedes Tier wird von seinem Leid erlöst, wenn es zu arg ist. Nun die Frage aller Fragen:
      Wo steht der Mensch, wenn er länger unnötig weiter leiden muss? Über oder unter den Tieren?

      Ach, nun wird es philosophisch..

      Kleine Anmerkung zum Schluss:
      Bei Suizid zahlt keine Lebensversicherung.

  • Christian Schlesinger
    11. Mai 2017 - 16:06 Reply

    “Gebärende, die nie gebären wollten, und wenn sie endlich starben an der achten Geburt, so hatten sie die Gesten und das Leichte von Mädchen, die sich auf die Liebe freuen.“ Rilke.
    Wir brauchen eine Sterbekultur, welche ausdrücklich den Freitod mit einbezieht. So wie wir eine, nun ja, „Abtreibungskultur“ haben: nicht wenige ungeborene Kinder werden wohl dadurch ums Leben gebracht, dass die First Lady im „House of Cards“ eine Abtreibung hinter sich hat. Aber im Falle einer Abtreibung scheint sich niemand um Nachahmer zu sorgen. Selbst eindringliche Warnhinweise, dass abtreibungswillige Frauen bitte umgehend psychologische Hilfe in Anspruch nehmen sollen, suche ich im Abspann vom “House of Cards” vergeblich.
    Die ethische Diskussion um den selbstbestimmten Tod halte ich für vorgeschoben und gelenkt. So wie Waffenfabrikanten Moralpredigten halten lassen, damit ja jedes ihrer Gewehre seine Hand findet…
    Ein toter Kunde ist wie ein Kunde, den man nach Hause geschickt hat. Und in unserer Marktwirtschaft werden Kunden nur äußerst selten nach Hause geschickt. Im Gegenteil, man bemüht sich, dass der Kunde wiederkommt: Schwerstkranke, die durchhalten, kämpfen, sich nicht hängen lassen, sind ein Milliardengeschäft!
    Mein Körper ist ein Haus. Und dieses Haus wird irgendwann in Flammen stehen.
    Dann wirft man Wasserbomben auf das Haus, und erlaubt sich, mir die Wasserbomben in Rechnung zu stellen. Auch erlaubt man sich, mir die Durchhalterufe in Rechnung zu stellen. In jedem Falle aber hält man die Türen fest verschlossen. Wage ich es, daran zu rütteln, schreit man mich an, wie lange andere es ausgehalten haben in ihren brennenden Häusern, und dass es mit einem christlichen Begräbnis vorbei sei, wenn ich weiterhin so eine Fresse ziehe!
    Man lässt mich verrecken, man lässt mich über Jahre hinweg verrecken. Weil verreckende Kundschaft profitabler ist, als tote Kundschaft!

  • Wolfgang Klosterhalfen
    16. Mai 2017 - 17:38 Reply

    Danke! § 217 StGB ist vor allem von den Kirchen und Arztfunktionären bestellt und von 360 – ganz überwiegend christlichen oder muslimischen – Abgeordneten des Bundestags geliefert worden. Etwa die Hälfte der Ärzteschaft dürfte aus religiösen und/oder wirtschaftlichen Motiven für den 217 sein. Palliativmediziner Dr. Thomas Sitte rechnet z.B. mit 15.000 Patienten in Deutschland, die künstlich beatmet werden und deren medizinische Versorgung pro Patient und Monat 25.000 Euro, d.h. insgesamt 4.5 Milliarden Euro im Jahr, kostet.

    Da man für den paternalistischen § 217 schlecht religiöse Motive vortragen (einige Abgeordnete haben das trotzdem getan) oder sich die Förderung ärztlicher Profitgier (s. Matthias Thöns: Patient ohne Verfügung) auf die Fahnen schreiben konnte, hat man sich entschlossen, das Gesetz mit der Gefahr einer Normalisierung des Suizids und einer Verleitung zum Suizid durch professionelle Suizidhelfer zu „begründen“. Eine Normalisierung findet tatsächlich dort statt, wo es den Kirchen nicht mehr gelingt, das Suizid(hilfe)tabu aufrecht zu erhalten. In der Schweiz hat Exit bereits über 100.000 Mitglieder (alle mit Wohnsitz in der Schweiz). Im – leider weniger freiheitsliebenden – Deutschland entspräche das über einer Million Mitglieder bei Sterbehilfe Deutschland.

    Im letzten Jahr starben hierzulande 925.000 Menschen. Ich vermute, dass mindestens 10.000 von Ihnen ihr Leiden vor dem Tod gern mit ärztlicher Hilfe abgekürzen wollten. Das war den meisten von ihnen aber nicht vergönnt. Es werden sogar Patienten unnötig lange gelitten haben, weil ihre Ärzte den grundsätzlich erlaubten Abbruch einer Behandlung durch Abschalten eines Geräts oder Entfernen eines Schlauchs fälschlich für durch § 216 StGB verbotene „aktive Sterbehilfe“ hielten. Dabei fällt mir ein: Es ist ebenfalls ein irreführender Unsinn, von Beihilfe zum Suizid zu sprechen, denn Beihilfe setzt nach § 27 StGB eine rechtswidrige Haupttat voraus. Eine Beihilfe zum Suizid gibt es so wenig wie eine Beihilfe zum Umzug.

    Gegen den unverschämten Eingriff des Bundestags in meine Privatsphäre und negative Religionsfreiheit habe ich Verfassungsbeschwerde eingelegt, s. meine Webseite.

  • Hans-Jürgen
    17. Mai 2017 - 20:09 Reply

    Ergänzend: Der Staat sollte v. a. über das Bildungssystem dahingehend wirken, dass durchdachte und selbstbestimmte Entscheidungen – nicht nur, aber eben auch zum Thema Suizid – überhaupt getroffen werden können. Aber es hat den Anschein, dass der Staat nichts mehr fürchtet, als sich selbst „überflüssig“ zu machen, worauf das verbreitete paternalistische Wirken auch bei diesem Thema m. E. hindeutet.

  • Gert Hantke, Krefeld
    19. Mai 2017 - 23:53 Reply

    Der § 217 StGB wurde in die Welt gesetzt vor dem Hintergrund aufkommender Aufmüpfigkeit im Volke, das sich mit deutlicher Mehrheit für die entgegengesetzte Richtung entschieden hätte, wenn man es denn gefragt hätte: also für eine Erleichterung von Sterbehilfe. Was sagt uns das?
    Also erstens rechnet der Gesetzgeber fest damit, dass das deutsche Volk wie gewohnt schnell wieder vergißt, was sich ja auch bei den aktuellen Wahlen sogleich bestätigt hat. Zweitens rechnet der Gesetzgeber wohl schon mit einem Scheitern vor dem BVerfG. Die deutsche Volksseele wird aber ein Kippen des § 217 dermaßen dankbar entgegen nehmen, dass das eigentliche, ursprüngliche Anliegen im Sinne einer Erleichterung der Sterbehilfe erstmal wieder auf die lange Bank gerät. Damit hätte man zumindest eines erreicht, nämlich Zeit. Viel Zeit, um dem grausigen Geschäft mit der Verlängerung des Sterbeprozesses noch möglichst lange nachgehen zu können.

    Das bundesdeutsche Parlament hat mit seiner Mehrheit dokumentiert, daß es auch gegen starke Argumente immun ist, wenn es um die Durschsetzung anderer Interessen geht. Dieser Einsicht kann sich heute kein informierter Bürger mehr ernsthaft verschließen. Das ist noch nie so deutlich geworden wie
    hier vor dem Hintergrund eines entgegengesetzten Volkswillens, einer anderslautenden Verfassung sowie in Kenntnis zigtausender erbärmlicher Einzelschicksale. Verzweifelte, leidende Menschen, für die der Tod der einzige Ausweg bedeutet, sind mit ihrem Sterbewunsch in ihrer Not alleine und wahrhaftig dem Klempner überlassen, wobei sie dann leicht auch noch vom Regen in die Traufe geraten. Diese Situation ist ungeheuerlich und beschämend zugleich, wird aber von den Verantwortlichen selbstherrlich
    ignoriert.
    Wenn Deutschland hier mal wieder Vorreiter in negativer Hinsicht ist, dann nicht zuletzt deswegen, weil die Menschen hierzulande sich nicht entschieden zur Wehr setzen. Dabei mußten alle Freiheitsrechte erkämpft werden und sind nicht vom Himmel gefallen.

    Ich möchte gerade auch jüngeren Menschen dringend raten, sich mal ausführlicher mit dem Thema zu befassen. Das erspart einige Gruselfilme. Und betroffen sein kann Jeder, ganz schnell. Und bitte Konsequenzen zu ziehen: Wer CDU oder auch SPD wählt und/oder nicht aus der Kirche austritt, muß sich über ausbleibende Sterbehilfe nicht beklagen. Und wer sich überhaupt anmaßt, öffentlich ungefragt gegen eine Sterbehilfe zu votieren, tut dies nur als Bevormundung Anderer. Er selbst bräuchte sie ja nicht in Anspruch zu nehmen.

    Ich möchte an dieser Stelle noch sehr empfehlen: die Stellungnahme des Herrn Schmidt-Salomon für den IBKA zur Verfassungsbeschwerde, die von Herrn Schröder schon angesprochene Kolumne des Bundesrichters Thomas Fischer zum Thema Sterbehilfe aus 2015 und den Text der VerFBeschw. des Herrn Wolfgang Klosterhalfen, zusätzlich zu obigen Ausführungen (herzlichen Dank an dieser Stelle). Außerdem sollte das aktuelle Buch des Herrn Matthias Thöns – Patient ohne Verfügung- in jedem Buchregal stehen. Übrigens setzen sich u.A. der IBKA, die GBS und die DGHS mit Nachdruck für einen Anspruch auf Sterbehilfe ein. Die kann man auch alle unterstützen. Und der humanistische Pressedienst liefert viele wertvolle und erhellende Beiträge.

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