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Ansteckende Gewalt und was man dagegen tun kann

Montags muss ich mich überwinden, die Chicago Tribune zu lesen. Regelmäßig berichtet die Zeitung dann von den Gewaltopfern des Wochenendes. Besonders schockierend was es im Februar, als innerhalb von drei Tagen drei Kinder erschossen wurden. Zwei Mädchen, 12 und 11 Jahre alt, sowie ein zweijähriger Junge wurden zufällige Opfer in verschiedenen Schießereien zwischen Bandenmitgliedern und Drogendealern. Eines der Mädchen spielte gerade mit Freunden Basketball; die anderen beiden wurden getroffen, als sie nichtsahnend in Autos saßen.

Die Gewaltstatistik der Stadt ist seit langem bedrückend, aber in letzter Zeit ist es besonders schlimm. Die Zahlen für 2016: 3550 Schießereien, 762 Tote; ein Anstieg um 46 beziehungsweise 57 Prozent im Vergleich zu 2015. Der Großteil der Schusswechsel und Tötungsdelikte konzentrierte sich auf fünf Stadtteile im Süden und Westen, wo überwiegend schwarze, wirtschaftlich notleidende Menschen leben und Straßengangs besonders aktiv sind.

Wie, fragen sich Verantwortliche und Experten, kann die Gewaltepidemie eingedämmt werden? Nicht durch die üblichen auf Strafen und moralistischen Urteilen basierenden Maßnahmen, warnt der Arzt Gary Slutkin. Gewalt, argumentiert der Epidemiologe von der Universität Illinois in Chicago, ist im wahrsten Sinne eine ansteckende Krankheit und muss als solche behandelt werden. Er hat viele Jahre in Afrika und Asien gegen Aids, Tuberkulose und Cholera gekämpft. Die Ausbreitungsmuster von Gewalt, die er nach seiner Rückkehr in US-amerikanischen Städten beobachtete, erinnerten ihn auf frappierende Weise an das, was man auch bei Ansteckungskrankheiten sieht: Clusterbildung, wellenförmige Ausbreitung, Transmission von Individuum zu Individuum.

Wie laufen Ansteckung und Ausbreitung bei Gewalt ab? Statt Mikroorganismen wie HIV-Viren oder Tuberkulose-Bakterien sind es Gewaltakte, die als Erreger wirken, argumentiert Slutkin. Wenn jemand Gewalt beobachtet oder zum Opfer wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Person selbst gewalttätig wird und so das gewalttätige Verhalten an andere weitergibt, was zu immer mehr und mehr Gewaltakten führt. In einem Artikel beschreibt der Wissenschaftler einige der Übertragungsmechanismen, die dahinterstehen: das Lernen am Modell, wie vom Psychologen Albert Bandura beschrieben; der Erwerb von Scripts im Sinne von vorgegebenen Reaktionsmustern, die in bestimmten Situationen abgerufen werden; sozialer Druck durch Peers und die Angst, nicht dazu zu gehören; eine durch Traumata ausgelöste Fehlregulierung des limbischen Systems, die zu feindseligen Überreaktionen auf reale oder vermeintliche Angriffe führen kann. Natürlich wird nicht jeder, der Gewalt erlebt, selbst zum Gewalttäter, aber wenn Faktoren wie Armut, Drogen oder Isolation dazukommen, kann sich Gewalt leicht ausbreiten. Wenn man Gewalt als Gesundheitsproblem verstehe, betont der Arzt, ließen sich rapide, wellenartige Ausbrüche und andere scheinbar rätselhafte Muster besser erklären.

Slutkin hat es nicht bei der Analyse belassen. Die von ihm gegründete Organisation Cure Violence (vormals CeaseFire), die national und international tätig ist, setzt auf drei Prinzipien, die auch bei der Bekämpfung von Tuberkulose, Vogelgrippe und ähnlichen Krankheiten eingesetzt werden: laufende Ansteckungsprozesse entdecken und unterbrechen; feststellen, wer besonders ansteckungsgefährdet ist; ausbreitungsfördernde Sozial- und Verhaltensnormen verändern.

Eine wichtige Rolle spielen dabei sogenannte Interrupters. Dies sind Leute, die oft selbst früher Gangmitglieder waren oder schon im Gefängnis saßen und die von der Organisation in speziellen Überzeugungs- und Beeinflussungstechniken ausgebildet werden. „Ihr Job ist es herauszufinden, wer aufgebracht oder zornig ist oder eine Schießerei anfangen will“, erläutert Slutkin in einem Interview mit der Washington Post. „Vielleicht hat sich jemand bei einer Party letzte Nacht über jemand anderen geärgert oder jemand hat mit der Freundin eines anderen rumgemacht. Aufgrund ihrer speziellen Auswahl und ihres Trainings genießen [die Interrupters] Vertrauen im Viertel. Sie sprechen die Person an, helfen ihr dabei, sich wieder abzuregen und eine Lösung für den Konflikt zu finden.“ Letztlich geht es darum, Verhalten grundsätzlicher zu verändern. Das sei ähnlich, so Slutkin, wie den Gebrauch von Kondomen zu propagieren, um die Ausbreitung von Sexualkrankheiten zu stoppen. Leute täten das, was ihre Freunde tun. Wenn sie sehen, dass sich ihre Freunde anders verhalten, wird die Veränderung irgendwann sozial akzeptiert.

Die Resultate, die Cure Violence vorweisen kann, sind beeindruckend. In den Stadtteilen in Chicago, Baltimore, New Orleans, New York City, Kansas City und Philadelphia, wo die Organisation tätig ist oder war, gingen die Schießereien um 15 bis 48 Prozent zurück; die Zahl der Tötungen sogar zwischen 18 und 73 Prozent. Ähnliche Ergebnisse wurden in Honduras, Puerto Rico, Mexiko, England und Südafrika erzielt. Die jüngste Gewaltwelle in Chicago scheint – tragischerweise – ein weiteres Indiz dafür zu sein, wie wirkungsvoll das Konzept ist. Aufgrund von Geldmangel in Illinois wurde das Programm von Cure Violence, das ursprünglich in 14 Distrikten lief, 2015 deutlich zurückgefahren. Seitdem sind die Gewalttaten in den betroffenen Stadtteilen laut Informationen der Organisation in die Höhe geschossen.

Dennoch ist nicht jeder von diesem Ansatz begeistert. Die Zusammenarbeit zwischen Ordnungskräften und als Streetworker arbeitenden Ex-Straftätern kann schwierig sein, erklärt Wesley Skogan, ein Wissenschaftler von der Northwestern University, der eine umfassende Studie über CeaseFire Chicago durchgeführt hat, in einem Zeitungsbericht: „Die Polizei mag keine ehemaligen Verbrecher und ehemalige Verbrecher mögen die Polizei nicht.“

Die Skepsis ist sogar noch weitreichender, hat Slutkin festgestellt: „Leute mögen es nicht, wenn man sagt, Gewalt sei eine ansteckende Krankheit.“ Er hofft aber, auf Dauer werde sich das Verständnis durchsetzen, dass Gewalt ein Gesundheitsproblem ist und keine Frage der Moral – ähnlich wie es bei Lepra, Cholera oder Typhus eingetreten sei. Bevor man die wahren Ursachen für die großen Infektionskrankheiten verstand, erinnert er, habe man die Kranken als „schlechte Menschen“ betrachtet. Ebenso stoppe man die Ansteckung mit Gewalt nicht, ist er überzeugt, indem man die Betroffenen als moralisch schlecht abstempelt und sich auf ihre Bestrafung konzentriert, sondern indem man gewalttätige Vorfälle unterbricht, die Ausbreitung verhindert und verändert, was Leute glauben, dass ihre Freunde von ihnen erwarten.

Mir imponieren Slutkins Ideen und sein Engagement sehr, auch wenn ein Ansatz allein die Gewalt in Chicago – und vielen anderen Städten auf dieser Welt – höchstwahrscheinlich nicht lösen kann. Mir leuchtet das Argument ein, das unter anderem auch der amerikanische Psychologenverband APA vertritt: Ein vielschichtiges Problem wie Gewalt braucht vielschichtige Lösungen, von frühkindlicher Förderung bis zu strengeren Waffengesetzen. Aber ein wichtiges Element, scheint mir, sollte dabei sein, Gewalt als Ansteckungskrankheit zu betrachten und sie mit den gleichen Strategien zu behandeln wie eine Ebola- oder Choleraepidemie.

 

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