Go to Top

Amerika isst extrem

Mein Cousin besuchte uns vor drei Jahren zum ersten Mal in Chicago. Gleich in den ersten Tagen fiel ihm das große Angebot an gesunden Lebensmitteln auf: die vielen Salatbuffets in den Restaurants, überall frisch gepresste Säfte und Sandwiches aus Vollkornbrot. Essen in den USA, betonte er, habe er sich ungesunder vorgestellt. In der Tat: Je nachdem, wo man sich bewegt, bietet sich keineswegs das Bild einer Nation, die überwiegend von Fast Food lebt. Im Gegenteil zeigen viele Amerikaner ein Ernährungsbewusstsein, das schon an Obsession grenzt. Es gibt praktisch niemanden in meinem Bekanntenkreis, der nicht täglich Vitaminpillen oder Proteinpülverchen nimmt. Wenn man Leute zum Essen nach Hause einlädt, tut man gut daran, vorab zu fragen, wer gerade vegan, paleogemäß oder glutenfrei lebt.

Die USA sind weniger das Land des einseitig ungesunden Essens als vielmehr ein Ort der Extreme: Auf der einen Seite gibt es die gerade beschriebene Besessenheit. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die sich überwiegend von zu süßen und zu fetten Speisen ernähren. Übergewicht oder gar krankhafte Fettleibigkeit sind weit verbreitet.

Essen als Statussymbol

Wie lassen sich diese starken Gegensätze erklären? Manche sehen als Ursache vor allem sozioökonomische Faktoren, nicht zuletzt die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich. In einem Artikel im Magazin Newsweek mit dem Titel „Was Essen über die Klassenverhältnisse in Amerika aussagt“ beschreibt die Journalistin Lisa Miller die Diskrepanz zwischen der wohlhabenden Mittelschicht, in der eine gesunde Ernährung zum Statussymbol geworden ist, und den 50 Millionen einkommensschwachen Bürgern, denen zuweilen das Geld für Essen ausgeht und die (auch) deshalb zu hochkalorischen, industriell gefertigten Massenwaren greifen, weil sie billig sind.

Ein weiterer Faktor: Ernährung wird sehr stark als Bereich persönlicher Freiheit und Individualität betrachtet. Konventionen darüber, wie eine typische Mahlzeit aussieht, scheinen weniger fest verankert, als in anderen Ländern zu sein. Vielleicht ist das nicht verwunderlich in einer Einwanderernation, deren Bürger Wurzeln in aller Welt haben. „Amerikaner“, betont Miller, „wollen essen, was sie wollen. Sie wollen essen, wo sie wollen. Und sie wollen essen, wann sie wollen. Mit Ausnahme von Thanksgiving, wenn bei allen Turkey auf dem Tisch steht, sind wir Libertaristen, wenn es ums Essen geht.“ Egal ob ständige Besuche im Drive-through oder Frühstück im Diner abends um 10, im Prinzip gilt „anything goes“. Regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten dagegen sind mittlerweile ein aussterbendes Phänomen. Die Mehrzahl amerikanischer Familien versammelt sich heute weniger als fünf Mal die Woche zum Essen. Experten wie der französische Soziologe Claude Fischler argumentieren, auch dies trage zum verbreiteten Übergewicht bei.

Fischler verweist noch auf eine weitere interessante Dynamik, die sich in seinen mehrjährigen Studien zur Einstellung verschiedener Nationen zum Essen gezeigt hat. Nahrungsmittel werden in den USA viel stärker als anderswo unter dem Blickwinkel des Nährwerts betrachtet: Wie viel Eiweiß, Kohlehydrate und Fett enthalten sie, wie gesund oder ungesund sind sie? Er fragte Probanden beispielsweise „Was verbinden Sie mit Schokoladenkuchen?“ Franzosen, Belgier und Japaner assoziierten diese Speise mit dem Begriff „Feier“. Amerikaner dagegen tendierten zu der Antwort „ein schlechtes Gewissen“. Individualismus bedeutet: Es ist die eigene Wahl, aber auch die eigene Verantwortung, wie man es mit dem Essen hält. Wer sich nicht an die offiziellen, oft hohen Richtlinien für eine gesunde Ernährung hält (oder halten kann), ist selber schuld, und das kann gehörigen Stress und Selbstvorwürfe verursachen

Ist die Sorge um gesunde Ernährung kontraproduktiv?

Die Ironie: Obwohl Fischlers amerikanische Probanden am meisten in ernährungswissenschaftlichen Begriffen dachten, stimmten sie besonders selten der Aussage zu „Ich ernähre mich gesund“. Die befragten Franzosen dagegen machten sich am wenigsten um den Gesundheitsaspekt Gedanken; Essen war für sie eine Frage von Genuss und Gesellschaft. (Im Schnitt nehmen sie 80 Prozent ihrer Mittag- und Abendessen gemeinsam mit anderen ein). In Frankreich sind knapp zehn Prozent der Bevölkerung stark übergewichtig im Vergleich zu 35 Prozent in den USA. Es sei durchaus möglich, schreibt Fischler, dass die Sorgen und Obsessionen der Amerikaner im Hinblick auf gesunde Ernährung und der starke Fokus auf Wahlfreiheit und individuelle Verantwortung kontraproduktiv sind. Im Hinblick auf Übergewicht jedenfalls scheine es die Sache eher schlimmer zu machen.

Dieses Fazit gibt einem zu denken, insbesondere weil steigendes Übergewicht, Individualisierung und Medikalisierung von Ernährung Trends sind, die nicht nur in den USA zu beobachten sind. Auch in Deutschland wird das Mittagessen immer häufiger allein am Schreibtisch verdrückt; Konsumenten geben Milliarden Euro für Functional Food aus, oft mit sehr zweifelhaftem Nutzen. Fischlers Rezept, Menschen zu motivieren, sich nicht nur um Kalorien und Vitamine, sondern auch um Geschmack, Qualität und Tradition von Essen Gedanken zu machen, und wieder mehr gemeinsam zu kochen und zu essen, mag altmodisch klingen. Aber mir scheint, es könnte mir das wahre Zukunftsmodell sein.

Übrigens: Am 9. März erscheint die neue Ausgabe von Psychologie Heute Compact. Das Thema: Futter für die Seele. Wie Gefühle uns beim Essen steuern – und warum Genuss ohne Reue möglich ist

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.