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3 : 1 für Barcelona oder etwas Küchenpsychologie

Sepp Blatter, der bisher zweifellos erfolgreichste Präsident des Weltfußballverbandes, sagte kürzlich: China habe 1,3 Milliarden Einwohner – er hingegen habe 1,5 Milliarden Fußballfans, es gebe kein Staatsoberhaupt, das ihn bei der Einreise nicht umgehend empfangen wolle.

Blatter ist wohl tatsächlich einer der bekanntesten Erdenbürger unserer Zeit und regiert seine Fifa unangefochten wie ein Gott vom Olymp des Zürichbergs, abgehoben über den Niederungen unserer Stadt. Seine Tricks sind Legende und werden ihm verziehen, wie man den griechischen Göttern eigennützige Winkelzüge nachsah. Es gibt auch kaum eine Schandtat, die man auch Fußballspielern und Trainern nicht nachsieht, solange sie ihren Club nur ins Finale schießen.

Warum das so ist, muss seine guten Gründe haben.

Und weil das so ist, müssen sie sozusagen in der Tiefe unserer Motivationen gründen, wie anders: im guten alten Unbewussten.

1. Denn Sport ist ehrlich. Zumindest ein ehrliches Abbild unserer – naja, alles in allem – nicht gerade rosigen Alltagsrealität. Wir mögen sie individuell schönfärben und schönreden wie wir wollen, wir können sie mit Potemkinschen Dörfern umstellen, am Ende zählt allein das „Torverhältnis“, im Geschäftsleben wie in der Psychologie unserer Beziehungen. Im Spiel bleibt zuletzt nur der Ebenbürtige. Wer in der Gnade eines Gottvaters steht, darf vielleicht auf der Ersatzbank auf eine zweite Chance hoffen. Bleibt aber der Trainer oder Spieler glücklos, ist er gestern schon geschasst. Unangefochten bleibt bloß der Boss auf dem Olymp, wenn er es denn nicht auch zu dreist treibt. Darwin eben doch, auch wenn sein Spruch vom law of the fittest vorwiegend das Kooperieren betont, was ja auch im Fußball Teamgeist genannt wird.

Spieler oder Team – beim Sport geht‘s zur Sache, ob gedopt oder nicht. Und welches Konkurrenzgerangel kommt und kam schon jemals ohne Drogen aus. Lance Armstrong, der siebenfache Titelbetrüger der Tour de France antwortete auf die Frage, ob er wieder dopen würde, bekäme er eine zweite Chance, sinngemäß: natürlich, wie anders kannst du dieses mörderische Rennen gewinnen. Kommen wir denn, die wir als Zuschauer diese absurden Leistungen verlangen, im Alltag, Beruf und selbst vor dem Fernseher ohne Drogen aus? Wenn doch selbst Tiere kein Doping auslassen, wenn es ihnen einen kleinen Vorteil verschafft? Unsere stärksten und segensreichsten Drogen in der Medizin stammen nicht umsonst aus dem Dunkel des Dschungels, Inbegriff des Fressens und Gefressenwerdens.

Und Fußball ist nicht nur ehrlich, er kann unter extremem Druck von einem Moment zum andern ins Brutale kippen, wie unter anderm in den Beziehungen der Völker immer wieder zu beobachten ist. In Erinnerung bleibt der Kopfstoß des eingebürgerten Algeriers Zinédine Zidane auf die Brust eines Gegners (der seine Schwester verbal beleidigte) was Frankreich, die ehemalige Kolonialmacht nota bene, kurz vor dem Schlusspfiff komplett demoralisierte und aus dem Finale warf. Dass in jeder Liga gebissen und getreten wird wie in der freien Wildbahn, ist eine Binse.

Oder der „Fußballkrieg“ zwischen Honduras und El Salvador unter anderem aufgrund angeblich parteiischer Schiedsrichterentscheidungen. Bald starteten die Jagdmaschinen beider Länder, gefolgt von Bodentruppen, und es hätte zu Schlimmerem kommen können, wenn nicht die Organisation der Amerikanischen Staaten (OAS) dazwischengefahren wäre.

2. Nicht anders als in der Psychologie gibt es auch im Fußball sogenannte „Schulen“. Haben wir etwa die Freudianer, die Jungianer, die Adler- und Frankl-Anhänger oder die Reichianer gesehen, gibt es im Fußball die brasilianische, die bayrische, sogar die japanische Spielschule, bezeichnenderweise auch „Philosophie“ genannt.

3. Und auch nicht ganz anders als die Psychologie ist Fußball wohl unbestritten eine der erfolgreichsten Ersatzreligionen. C. G. Jung, vor allen andern, wird von seinen „Jüngern“ vielmehr als Priester, denn als Psychologe wahrgenommen und sah sich mit zunehmendem Alter selbst am liebsten in seinem Mönchsturm am Zürichsee im Feld des Religiösen verortet.

Ich bekam kürzlich die seltene Gelegenheit, mich in den heiligsten Kulträumen des Fußballgottes Blatter umsehen zu dürfen, die sich einem nur durch einen registrierten Fingerabdruck und den engsten Mitarbeitern bekannten Codes eröffnen. Ohne auf Details wie einen unterirdisch von außen beleuchteten Gebetsraum aus Alabaster einzugehen, weiß ich seither sicher, was alle schon vermuten: Fußball ist mehr als Fußball – Fußball ist eine Religion. Vielmehr noch ist der Club eine Kirche, der man treu bleibt und aus der man nicht von heute auf morgen wieder austritt.

Der gläubige Katholik Blatter kann denn auch bei jeder Gelegenheit nicht genug auf die nach seiner Ansicht einzige über ihm stehende Instanz hinweisen: den allmächtigen katholischen Gott seines tiefkatholischen Heimatkantons Wallis. Seine Körpersprache an Rednerpulten – nicht anders als jene seiner Millionen aktiven Fußballspieler auf dem Feld – sagt alles: Dank und Enttäuschung sei nach ihm nur noch dem Herrn im Himmel geschuldet.

Wollte man Fressen und Gefressenwerden in einem Video zeigen, dann würde man ein Fußballspiel wählen, vornehmlich ein Finale, wo Kräfte aus einer medialen Milliardenarena auf gerade mal 22 oft blutjunge Männer einwirken, die der Abgesandte des Herrn, der Schiedsrichter, nur noch scheinbar auf die Reihe bekommt. Ein Judas oder Sündenbock im Verliererteam ist jeweils auch schneller ausgemacht, als ein Hahn dreimal kräht.

Der Zufall, der auch immer gehörig mitmischt auf diesem Terrain, ist der Knecht der Notwendigkeit. Und die Notwendigkeit auf unseren Spielfeldern des Alltags gehorcht wie die Gravitation einer höheren Ordnung, die wir nie verstehen werden. Die Psychologie nun versucht sie zu deuten, so gut sie kann, aber das meiste entzieht sich ihrer Kunst. Auch Fußball, psychologisch angenähert, entzieht sich schnell in einen archaischen Untergrund, der sich nicht anders als der Makrokosmos im Dunkel verliert. Sonst würden wir, selbst durch herbste Niederlage getrübt, nicht immer wieder neu ihn seinen Bann fallen. Credo cuia absurdum (Ich glaube, weil es absurd ist), meinte der Kirchenlehrer Antoninius vor rund Tausend Jahren. Fußball wird somit immer faszinieren, so oder so.

Wir werden ja sehen, wer am 6. Juni 2015 die Champions League gewinnt, Juventus Turin oder Barcelona.

Ich wette 3 : 1 für Barcelona.

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